<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

26.09.13

Erfolgsmethoden ignorieren: Wenn Startup-Gründer unter einem Stein leben

Die Voraussetzungen für gelungene Gründungen im Webbereich sind gut. Doch manche Jungunternehmer ignorieren grundlegende Best Practice und machen dadurch altbekannte Fehler. Immer und immer wieder.

GruenderNoch nie war es so einfach wie heute, eine Gründung im Internet- und Technologiesektor anzuschieben. Infrastruktur gibt es günstig aus der Cloud, erstes Startkapital, Mentoring und Netzwerke findet man bei zahlreichen Inkubatoren, populäre, moderne Plattformen liefern schnelle Reichweite und Best Practice existieren nach über 15 Jahren des Bestehens der Webbranche zu Hauf. Und doch scheint es, als machen Startup-Gründer immer wieder die gleichen Fehler, und als fehlt jungen Unternehmern im Internetbereich zum Teil grundlegendes Know-How darüber, wie sie ihre Erfolgschancen im heutigen Web am ehesten zu Nichte machen.Einfallslose Ideen ohne Erfolgschancen

Eine der offensichtlichsten Fehleinschätzungen ist die Entwicklung eines Dienstes, den es in ähnlicher oder gar identischer Form schon zigfach gibt. Was erfahrene Klonfabriken zu einer Kunst gemacht haben, garantiert beim unbedarften, unabhängigen Gründer verbranntes Geld und schnelles Scheitern. Üblich ist auch die leichte Abwandlung eines bestehenden Konzept, also ein "Instagram für Waschmaschinen", ein "Airbnb für Kakerlaken" oder ein "Uber für Kleingärtner". ValleyWag listete jüngst mehr als 50 App-Startups auf, die auf dem Instagram-Prinzip aufsetzen und dieses in verschiedene Nischen bringen oder für spezielle Use Cases etablieren wollen. Pinterest diente ähnlich oft als Inspirationsquelle für Gründer. Das kann mal funktionieren, für viele Anwendungsszenarien reicht aber aus Nutzersicht das Original völlig aus. Die Wahrscheinlichkeit auf einen Knaller ist somit relativ gering, dennoch geben sich permanent Gründerteams der Illussion hin, sie würden auf diese Weise das nächste große Ding aufbauen und/oder reich werden. Zu erleben war dies auch jüngst bei TechCrunchs Disrupt-Konferenz, wo sich unter den Software-Startups nur wenige Ideen fanden, die einen routinierten Blogger wie Jon Evans Begeisterung abringen konnten. "Wann wurde Software so langweilig?!", so seine rhetorische Frage.

Gutes Produkt, schlecht präsentiert

Ein gewisser Dilettantismus lässt sich ab und an auch beobachten, wenn es für Gründer darum geht, ihre Idee glaubwürdig und überzeugend zu verkaufen. Selbst ein eigentlich mit viel Potenzial ausgestattetes Projekt kann auf Betrachter schnell trostlos wirken, wenn etwa die öffentliche Präsentation der Macher zum Gähnen ist. Jeder der schon einmal als Besucher auf einer Startup-Konferenz war, kennt das unangenehme, Fremdschämreflexe auslösende Gefühl, wenn der Pitch nichts taugt. Klar, Präsentieren und Verkaufen liegt nicht jedem. Eine schmissige, unterhaltsame PowerPoint oder Prezi aber kann jeder zusammenstellen (lassen) und es dann einfach kurz und knackig halten. Empfehlenswert ist auch, im Vorfeld die wahrscheinlichsten Fragen zu antizipieren, um nicht eine eigentlich treffsichere Darbietung durch fehlende Schlagfertigkeit zu beschädigen. Dave Winer fiel jüngst so ein Fall auf, als ein Gründer keine gute Antwort darauf hatte, warum die vorgezeigte App nur für Tablets erhältlich ist. Man müsse als Gründer an seine eigene Geschichte glauben, so Winer, und in Situationen wie dieser zeige sich, ob dies tatsächlich der Fall ist.

Anfängerfehler, die niemand mehr machen sollte

Immer wieder scheinen Jungunternehmer trotz der großen Ziele, die sie häufig hegen, Grundlegendes zu vernachlässigen. Nicht selten auch direkt an kritischen Punkten ihres Produktes. Ein Paradebeispiel dazu flatterte vor einigen Tagen in unseren Posteingang: wishbase, eine Art Crowdfundingplattform für persönliche Wünsche, bat um Vorstellung. Doch ein schneller Blick auf die Homepage sorgte leider nicht für das erhoffte Verständnis über das Konzept. Zwar führte ein Link von dort zu einer Seite mit näheren Erläuterungen. Dennoch bevorzugten es die Macher, den so wertvollen und knappen Platz auf der ersten Seite mit einem riesigen Registrierungsformular zu belegen. Das macht natürlich jedem neuen Besucher Lust auf Mehr - endlich wieder persönliche Daten irgendwo im Web hinterlassen, ohne zu wissen, wofür eigentlich. Auch dass mit jeder zusätzlich erforderlichen Angabe die Konvertierungsrate sinkt, haben die wishbase-Macher wohl noch nicht gehört. Sollten Geburtstort und Herkunftsland unbedingt benötigt werden, könnte man dies zumindest auf einer zweiten Seite erfragen, um die abschreckende Wirkung des Formulars zu minimieren.

Onboarding ist zu wichtig, um es zu ignorieren

Natürlich lassen sich nicht alle Anfängerfehler vermeiden. Ein vernünftiges Onboarding aber ist nicht nur essentiell zur Akquirierung von Nutzern, sondern wurde bisher auch schon tausende Male von in den vergangenen zehn Jahren gestarteten Onlinediensten durchexerziert. Das Netz und die Startup-Literatur quillt also vor Erfahrungsberichten, Do's und Dont's nur so über (siehe etwa hier und hier), weshalb so fatale Versäumnisse eigentlich auf eine komplette Ignoranz dieser Informationen hindeuten müssen.

Beim Onboarding nicht zu optimieren, ist für B2C-Angebote mit Reichenweitenambitionen die leichtfertigste Art, Potenzial zu verschenken. Sehr deutlich wurde dies auch bei Picalook, einem Dienst aus Hamburg, der laut einem Bericht von Focus Online eine Art "Shazam für Mode" sein soll. Erst einmal ließ sich über die Website die im Artikel erwähnte neue App nicht finden, sie scheint dort gar nicht verlinkt zu sein. Hat man sie dann über den App Store gefunden und installiert, dann führt der zentrale Foto-Button erst einmal zu einem Registrierungsformular. Mal davon abgesehen, dass man so nicht zum Shazam für Mode wird (diese Formulierung könnte allerdings auch von Focus-Redakteur Holger Schmidt stammen), so frage ich mich, wieso man hier derartig früh eine Einstiegsbarriere einbaut. Auch hier gilt wieder: Wie man es richtig macht, lässt sich im Jahr 2013 mit einer kurzen Recherche und ein wenige Lesen relativ leicht in Erfahrung bringen.

Vorab-Recherche ist Gold wert

Freilich gilt es, nicht alle Gründer über einen Kamm zu scheren. Häufig werden wir auch Zeuge von stimmigen, konsistenten und die wichtigsten Learnings der Vergangenheit berücksichtigenden Jungprojekten. Doch zwischendurch tauchen immer wieder Fälle auf, wo Fehler gemacht werden, die schon tausendmal zuvor gemacht und anschließend korrigiert wurden, oder wo sich Entrepreneure Steine in den Weg legen, die allein mit einer etwas sorgfältigeren Informationsbeschaffung im Vorfeld hätten vermieden werden können.

Darum lautet mein vollkommen uneigennütziges Fazit: Wer gründen möchte, sollte im Vorfeld durchaus einschlägige Fachblogs abonnieren, sich genauer mit dem anvisierten Marktsegment befassen, existierende Startups sondieren, mit ein paar erfahrenenen Entrepreneuren sprechen und einige Bücher lesen (Empfehlungen gibt es hier, hier und hier). Damit man nicht in die uralten Fettnäpfchen tritt, zu deren Vermeidung es mittlerweile zahlreiche effektive Ratschläge und Strategien gibt. /mw

(Illustration: Shutterstock, Business plan drawing of entrepreneur startup idea light bulb)

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer