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05.07.10

Erfahrungsbericht: Ein Monat mit dem iPad

Der Hype um das iPad hat sich etwas gelegt. Zeit, ein Resümee zu ziehen, welche Rolle das Apple-Tablet nach einem Monat im Online-Alltagsgebrauch eingenommen hat. Top oder Flop?

 

Seit gut einem Monat bin ich Besitzer eines iPads. Obwohl bereits über drei Millionen Geräte des Apple Tablets verkauft wurden, dürfte der ein oder andere Web-, Technik- und Gadget-Freund noch immer mit sich hadern, ob nun das iPad eine sinnvolle Anschaffung ist oder nicht.

Vielleicht kann ich mit einem kompakten Erfahrungsbericht die Entscheidung etwas leichter machen. Als überzeugter Windows-Nutzer, dessen erstes Apple-Produkt jemals ein iPhone war, denke ich zudem, einigermaßen objektiv über die Qualitäten und Schwächen des iPad im Online-Alltagsgebrauch urteilen zu können.

Das Wichtigste vorneweg: Ich bin mit dem iPad in höchstem Maße zufrieden, glaube aber, dass es im Gegensatz zum iPhone kein Gerät ist, das sich für jedermann eignet.

Was ich suchte, war ein Gerät mit einer im Vergleich zu Notebooks höheren Portabilität und Flexibilität, jedoch mit einem deutlich größeren Bildschirm, als er bei Smartphones zu finden ist.

Genau hier punktet das iPad, das von mir seit dem Kauf vor über einem Monat ein einziges Mal neu gestartet wurde. Im Gegensatz zu einem Laptop, der immer erst "entkabelt", vom Schreibtisch geholt und hochgefahren werden muss, liegt das iPad im Standby-Modus auf meinem Nachttisch (oder an einem beliebigen anderen Ort in meiner Wohnung) und ist durch ein Betätigen des Home-Buttons für den schnellen (morgendlichen) Nachrichtenüberblick innerhalb einer Sekunde bereit - genau wie viele es vom Smartphone ihrer Wahl kennen, nur eben mit einem größeren, augenfreundlicheren Display.

Auch wenn das iPad etwas schwerer und mächtiger ist als ein durchschnittliches Taschenbuch, so lässt es sich dennoch (eine begrenzte) Zeit in einer Hand halten und ähnlich locker handhaben wie ein Buch, nur mit dem Vorteil, den Bildschirm auch einfach auf den Kopf stellen zu können, denn der Inhalt dreht sich ja mit. Nachdem ich mich an das iPad gewöhnt hatte, wirkte mein 12-Zoll-Notebook plötzlich unheimlich sperrig.

Das Surfen mit dem Safari-Browser macht im Gegensatz zum iPhone auf dem iPad richtig Spaß und ist ungemein schnell. Schwierig wird es, wenn eine besuchte Website Flash einsetzt, da das iPad-Betriebssystem iOS bekanntlich kein Flash unterstützt. Gängige Contentsites scheinen sich jedoch größtenteils an die neuen Rahmenbedingungen angepasst zu haben, dort trifft man nur noch selten auf Flash-Elemente.

Sowohl Websites als auch meine RSS-Feeds, die ich über die hervorragende Applikation Reeder auf dem iPad konsumiere, wirken auf dem Apple Tablet fast wie Seiten eines Buches und versprühen eine entspannte, ruhige Atmosphäre. Wie ähnlich die Wahrnehmung von Inhalten auf dem iPad und in Büchern ist, wurde mir klar, als mich ein Reflex kürzlich dazu trieb, in einem Papierbuch mit dem Finger ans Seitenende scrollen zu wollen.

Nach einem Monat mit dem iPad kann ich feststellen, dass der Konsum von Texten (auf Websites und in Apps) auf dem Tablet eine pure Freude ist und deutlich mehr Spaß macht, als dies auf herkömmlichen Computer-Bildschirmen der Fall ist. Nur wenn es richtig schnell gehen soll, z.B. beim blitzschnellen Überfliegen von Dutzenden RSS-Elementen, ziehe ich mein an einen externen Bildschirm angeschlossenes Notebook vor - allein aufgrund der schnelleren Navigation, die auf das Existieren einer Maus und physischen Tastatur zurückzuführen ist.

Neben dem Konsum von Texten ist das zweite primäre Einsatzgebiet meines iPads das Abspielen von Videos. Für das Anschauen von auf meinem lokalen Media-PC befindlichen Serien und Filmen verwende ich Air Video, die für meinen Geschmack beste und nützlichste Anwendung für das iPad überhaupt. Außerdem streame ich häufig Nachrichten, bevorzugt morgens oder abends. Glücklicherweise bieten quasi alle Fernsehsender hier in Schweden iPhone-Apps mit einem Großteil ihres Programms an (auch das Öffentlich-Rechtliche), deren Inhalte durch das Vergrößern auf iPad-Format zwar etwas verpixelt dargestellt werden, aber immer noch gut genug sind, um sie spontan und On-Demand auf dem Tablet anzuschauen. Und dass YouTube über die integrierte App auf dem iPad richtig Spaß macht, dürfte niemanden überraschen.

Um sich leichter für oder gegen den Kauf eines iPads entscheiden zu können, würde ich aus meiner persönlichen Perspektive folgende Fragen als Hilfestellung verwenden:

  • Wie viele Stunden am Tag werden textbasierte Inhalte an einem beliebigen Bildschirm konsumiert? Je mehr, desto mehr Nutzen bringt das iPad.
  • Welchen Stellenwert hat der Lesespaß beim Konsumieren von textbasierten Inhalten? Je größer, desto mehr Nutzen bringt das iPad.
  • Wie viele Stunden am Tag werden Videos an einem beliebigen Bildschirm konsumiert, mit Ausnahme des TV-Geräts? Je mehr, desto mehr Nutzen bringt das iPad.
  • Welchen Stellenwert hat insgesamt das Benutzererlebnis beim Konsum von digitalen Inhalten? Je größer, desto mehr Nutzen bringt das iPad.

Das iPad ist meines Erachtens nach nicht das beste Gerät, um besonders schnell und effizient digitale Inhalte abzuarbeiten. Das iPad eignet sich eher für Genießer und für Leute, die optimale Rahmenbedingungen für das Betrachten von (Online)-Content schaffen möchten. Zumindest für mich dominiert beim iPad Qualität, nicht Quantität, was sich z.B. an der sehr geringen Zahl von Apps bemerkbar macht, die ich installiert und regelmäßig im Einsatz habe. Das iPad ist meines Erachtens nach weniger ein Allrounder (wie das iPhone) sondern eher ein Spezialist, der ausgewählte Prozesse und Aktivitäten mit Bravour meistert.

Mein größter (und einziger echter) Kritikpunkt ist die Touch-Tastatur, an die ich mich auch nach fünf Wochen noch nicht gewöhnt habe. Kann man beim iPhone locker und mit etwas Übung auch recht schnell mit einem Finger schreiben, liegen die "Tasten" beim iPad dafür zu weit auseinander, außerdem ist das Gerät dafür zu groß und zu schwer. Um mit zwei Händen tippen zu können, muss das iPad hingegen irgendwo abgelegt werden, und auch dann geht mir das Verfassen von Texten oder Mails nur sehr langsam von der Hand. Zwar kann man eine externe Tastatur hinzukaufen, aber das würde die Stärken des iPads (Flexibilität, Portabilität) irgendwie zunichte machen. Update: Einige Kommentatoren äußern sich ausgesprochen positiv über die Bildschirmtastatur, besonders wenn das iPad vor einem liegt.

Abschließend noch einige lose Anmerkungen und Beobachtungen:

  • Ich habe die kleinste iPad-Version mit 16 Gigabyte Speicher und ohne UMTS. Für mich ist das iPad ein Zu-Hause-Gerät, und da ich kürzlich endlich einen Jailbreak für mein iPhone durchgeführt und die MyWi-Applikation installiert habe, steht mir bei Bedarf sowieso ein mobiler WLAN-Hotspot zur Verfügung.
  • Die Akkuleistung des iPads ist beeindruckend und reicht locker für Langstreckenflüge. Meine persönliche Beobachtung ist zudem, dass gerade beim Anschauen von Videos besonders wenig Strom benötigt wird.
  • Ich bin - bis auf Ausnahmen - kein Gamer, glaube aber, dass auch begeisterte Zocker ihren Spaß mit dem iPad haben.

Unbeantwortet bleibt nun noch die Frage, ob - die Intention zu einem Tablet-Kauf vorausgesetzt - man ein iPad oder eine Android-Alternative bevorzugen sollte. Da ich noch kein Android-Tablet in der Hand hatte, kann ich hier keine praktische Antwort geben. Es ist davon auszugehen, dass Apple im Tablet-Sektor einen Entwicklungsvorsprung vor dem gerade erst in Gang kommenden, heterogenen Android-Tablet-Markt besitzt und dass die Kombination aus hervorragendem Design, ausgezeichneter Benutzerfreundlichkeit und an das iPad angepassten Inhalten/Apps momentan für das Apple-Tablet sprechen.

In einem halben Jahr kann dies jedoch schon ganz anders aussehen. Insofern ist das eine Entscheidung, die ich lieber nicht beeinflussen möchte. Die iOS- vs. Android-Frage muss jeder mit seinem Gewissen ausmachen.

Falls ihr Fragen rund um das iPad habt oder eigene Erfahrungen schildern möchtet, freuen wir uns über eure Kommentare.

Weitere Erfahrungsberichte zum iPad:

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