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24.09.12

Entrepreneur und Investor Frank Thelen: "Das Lean Startup ist tot"

Apps sind der in Zukunft bedeutendste Distributionskanal für Onlineinhalte und Dienste, ist sich Entrepreneur und Investor Frank Thelen sicher. Dadurch verändern sich die Spielregeln für Startups. Produkte müssen perfekt sein - vom ersten Tag an.

"Das Lean Startup ist tot" - mit dieser provokativen Aussage hinterließ Entrepreneur Frank Thelen auf dem European Pirate Summit bei mir einen bleibenden Eindruck. Als früherer Geschäftsführer diverser Firmen, jetziger Co-Founder des intelligenten Dokumentenverwaltungsdienstes doo sowie Managing Director bei der Beteiligungsgesellschaft E42 (u.a. 6Wunderkinder, myTaxi, kaufDa) dürfte er wissen, wovon er spricht. Grund genug, um in einem Interview nachzuhaken und in Erfahrung zu bringen, wieso er das Lean-Startup-Konzept für nicht mehr zeitgemäß hält und welche Konsequenzen er sieht.

Hallo Frank. Du sagst, das Lean Startup sei tot. Wieso das?

Die Idee des Lean Startup entstand in einer Zeit, als die Internetnutzung noch vorrangig über Websites ablief. Es gab HTML und ein beliebiges Backend und dort konnten Entwickler relativ schnell Updates online stellen und experimentieren. Doch dieses Web verliert rasant an Bedeutung. Kein Mensch wird in Zukunft noch www.tollerservice.de in den Browser eingeben. App Stores werden zum dominierenden Distributionskanal für Inhalte und Services. Und weil meine Mutter und viele andere Menschen aus diesen wie verrückt Anwendungen herunterladen, verändert sich alles. Sie tun dies, weil sie die Geräte relativ günstig in perfekter Qualität bekommen, und weil es unglaublich viele gute Apps zu superkleinen Preisen gibt. Während die PC-Verkäufe einbrechen, gehen immer mehr mobile Devices mit iOS und Android über den Ladentisch. Und mit diesem Trend starten die Probleme aus Gründer- und Entwicklersicht: Erst einmal kann man nicht mehr einfach schnell iterieren, also kurz etwas online stellen und dann anschließend mehrfach patchen und nachbessern. Stattdessen müssen Apps vom ersten Tag an eine enorme Qualität aufweisen. Denn im Worst Case dauert der Freigabeprozess einige Wochen. Eine App wird also mindestens einen Monat lang draußen bleiben, ohne dass ihre Macher etwas nachbessern können. Daran muss man sich anpassen. Eine zweite Eigenheit der App-Ökonomie sind die Bewertungssysteme - die in dieser Art bei herkömmlichen Websites nicht existieren. Eine App im App Store ist nicht neutral. Neben ihre stehen Sterne, die sich aus Nutzerbewertungen ergeben, und die sich nicht einfach wieder entfernen lassen. Ein Startup, dessen App eine Reihe negativer Bewertungen erhalten hat, kann daran viele Monate lang leiden. Aus diesen zwei Aspekten resultiert, dass das Lean Startup quasi tot ist. Denn neue Angebote müssen vom Start weg den hohen Ansprüchen der Nutzer gerecht werden. Jedes Release muss sitzen, damit Apps sich keine Ein-Sterne-Bewertungen einfangen.

Ist damit auch das Minimal Viable Product (MVP) am Ende?

Ja und nein. Das MVP definiert ja den Funktionsumfang, nicht die Qualität. Wer es schafft, ein Produkt zu lancieren, das den Nerv der Anwender trifft, selbst wenn noch einige Funktionen fehlen, der kann damit erfolgreich sein. Aber es sollte in jedem Fall nicht zu lange dauern, bis das anvisierte Featureset vorhanden ist.

Reicht es aus, sich zu Beginn auf eine Plattform zu fokussieren, beispielsweise nur iOS oder nur Android?

In der Regel nein. Zumindest bei an Konsumenten gerichteten Apps (Business to Consumer, B2C) sind Möglichkeiten des Sharings und der Zugänglichmachung von Inhalten und Funktionen für andere Personen verbreitet und beliebt. Wer da nur auf einer Plattform vertreten ist, der stellt User vor Probleme. Schon deshalb glaube ich, dass Startups relativ zeitnah die zwei wichtigsten Plattform bedienen sollten: iOS und Android. BlackBerry kann man vergessen. Windows Phone dagegen wird, vermute ich, auch eine kritische Masse erreichen. Sprich: Mindestens für drei mobile Plattformen sollte man entwickeln und sich dafür nicht zu viel Zeit lassen.

Was heißt das für junge Firmen mit dünner Kapitaldecke? Wie reagieren sie auf diese veränderten Rahmenbedingungen?

Ganz ehrlich: Ich hab keine Ahnung. Das ist ja das Problem. Nutzer erwarten die besten Dienste zum geringsten Preis - häufig gratis. Damit etwa ein Freemium-Geschäftsmodell funktioniert, benötigt man mindestens zehn Millionen Nutzer. Von denen bezahlen dann vielleicht drei Prozent. Damit lässt sich dann irgendwann ein Business aufbauen. Hinzukommt, dass alle großen Player im Markt wie Dropbox, Evernote, Instagram und Konsorten extrem Gas geben - vergleichsweise junge Angebote mit massig Kapital im Rücken, die eben nur einen sehr kleinen Teil ihrer Anwenderschaft monetarisieren - wenn überhaupt. Mit denen mitzuhalten, ist äußerst schwer. Speziell, bedenkt man den oben beschriebenen Qualitätsdruck. Insofern glaube ich, dass man im B2C-Segment aktuell ohne große Mengen an Venturekapital nicht überleben kann.

Gilt das nur für die Bereiche, in denen die Big Player präsent sind, oder ganz generell?

Eigentlich generell. Die meisten Nischen sind ja nunmal bereits von den großen Firmen besetzt, und wenn nicht, dann geschieht dies bald. Das B2C-Umfeld ist so aggressiv geworden, das ist unglaublich. Deshalb können in diesem Segment nur VC-getriebene Startups überleben. Bei B2B (Business to Business) sehen die Spielregeln anders aus. Da gibt es oft deutlich weniger Wettbewerb, und moderne Startups treten zumeist gegen alte, gesetzte, langsame und nicht besonders intelligente Strukturen an. Gleichzeitig winken dort aber auch nicht die riesigen Exits, die bei Consumer Startups erzielt werden können. Deshalb ist ja der Druck bei B2C so enorm.

Bedeutet das, dass ihr mit doo stärker in Richtung B2B gehen werden?

Nein. Der B2C-Weg ist steinig, aber hat man eine exzellente App und schafft man es, sich zu etablieren, dann ist es ein genialer Markt.

Wie tragt ihr der beschriebenen Entwicklung Rechnung?

Bei doo haben wir ein sehr komplexes Problem vor uns, nämlich sowohl analoges Papier als auch digitale Dokumente an einer zentralen Stelle in der Cloud zu sammeln, und da Intelligenz reinzubringen. Aufgrund der Komplexität mussten wir sehr viele Funktionen einbauen. Ein Lean-Startup-Ansatz kam schon deshalb für uns nicht in Frage. Was Plattformen betrifft, gibt es doo derzeit für OS X Lion sowie Windows 8. Versionen für iPhone/iPad und Android befinden sich gerade in Arbeit.

Wieso bevorzugt ihr mit Windows 8 ein noch nicht veröffentlichtes OS vor Windows 7?

Windows 7 hat keinen App Store. Eine gelungene Distribution ist deshalb teuer. Bei Windows 8 wird man App of the Week werden können, was einem auf einen Schlag einige hunderttausend Downloads einbringt. Sicherlich kommt irgendwann auch doo für Windows 7, aber allgemein sind wir bestrebt, uns auf die Distribution über App Stores zu konzentrieren. Diese sind es, wo auch meine Mutter künftig alles herbekommt. Viele Leute haben auf ihren Desktop-PCs und Notebooks schon ewig keine Software mehr installiert. Jetzt können sie von Applikationen kaum noch genug kriegen...

Aber auch ihr seid also zu einer Priorisierung der Plattformen gezwungen - trotz einer Finanzspritze von insgesamt zehn Millionen Euro...

Ja, alle Plattformen gleichzeitig in Perfektion abzubilden, ist fast unmöglich. Das können nur die ganz Großen. Das Team kann man gar nicht so schnell rekrutieren und skalieren.

Würdest du angehenden Gründern raten, sich lieber mit B2B zu befassen?

Ich denke, man sollte seinem Herzen folgen. Gründer, die ein Problem identifiziert haben - egal in welchem Bereich - dies lösen wollen, dafür eine Leidenschaft mitbringen und ihr Produkt lieben, die sollten es umsetzen! Ich möchte nicht sagen, dass Entrepreneure aufhören sollten, B2B-Startups zu gründen. Aber es ist richtig harte Arbeit, es treten fast immer erhebliche Verzögerungen auf. Da kann man nicht (mehr) so locker herangehen nach dem Motto, ich mach jetzt mal ein Lean Startup, programmiere in einer Nachtschicht und berichtige Fehler und Probleme im Nachhinein. Die Regeln haben sich geändert.

Wo steht Deutschlands und Europas Internetwirtschaft?

Ich glaube, dass Europa deutlich besser aufgestellt ist, als wir alle denken. Für gute Startup-Vorhaben findet sich ausreichend Seedkapital und VC. Ich spüre eigentlich täglich, dass das Ökosystem wächst und stärker wird - was sich auch anhand der zahlreichen, in letzter Zeit entstandenen Konferenzen und Events zeigt. Aber wir müssen wegkommen von der Copycat-Mentalität und dem Glaube, dass nicht perfekte Produkte, die nicht mit der notwendigen Passion geschaffen wurden, eine Chance haben. Ich denke, das Erfolgsrezept ist, ein Problem zu lösen, das man selber identifiziert hat, dies mit dem Streben nach Perfektion und der Liebe zum Detail umzusetzen und es dann vom Tag eins international anzubieten. Hier besitzt die App-Ökonomie einen deutlichen Vorteil gegenüber dem physischen Software-Vertrieb: Man besorgt sich per Crowdsourcing übersetzte Versionen seiner App, setzt ein paar Häkchen, und schon ist die Software weltweit über einen extrem beliebten Distributionskanal verfügbar.

Nun könnte man erwidern, die Samwer-Brüder machen mit Rocket Internet nicht unbedingt Produkte mit Passion und Liebe zum Detail, und trotzdem sind sie erfolgreich...

Rocket Internet verfolgt ein ganz anderes Business Modell. Dort steht allein die Execution im Vordergrund. Rocket Internet denkt die ganze Zeit in Excel-Tabellen. Die Samwers identifizieren haargenau die Nachfrage in einzelnen Märkten und richten ihre Geschäftsmodelle danach aus. Das ist exzellente Execution, aber im Netz wird so niemals ein Weltmarktführer entstehen. Dies klappt nur, wenn man etwas Neues erfindet und dies mit Leidenschaft umsetzt - so wie es etwa Tony Hsieh mit dem Zalando-Vorbild Zappos getan hat. Wer ausschließlich auf Excel, Marktanteile und Execution schaut, der kann zwar finanziell sehr erfolgreich sein, wird aber niemals ein global dominierendes Unternehmen aufbauen.

(Foto: Flickr/betsyweber, CC BY 2.0)

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