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21.05.10

"Enthüllungsgeschichte" des Wall Street Journal: Schwarmintelligenz hat nicht immer recht

Das Wall Street Journal veröffentlichte heute früh einen recht gehaltlosen Artikel rund um die angebliche Weitergabe von Nutzerdaten sozialer Netzwerke an Werbekunden. Das hinderte die Story nicht daran, ein viraler Hit bei Twitter zu werden.

Schwarmintelligenz hat nicht nur seine Vorteile. Zu dieser Erkenntnis kam ich heute Morgen, als in meinem Twitter-Stream immer und immer wieder der gleiche Link auftauchte: Die "Enthüllungsstory" des Wall Street Journal darüber, wie MySpace, Facebook, Twitter und andere Social Networks angeblich Benutzerinformationen an Werbepartner übermittelt haben.

Das Problem mit dem Artikel: Er war in höchstem Maße unkonkret, warf verschiedene Netzwerkdienste und Praktiken in einen Topf, und bestand zu gefühlten 95 Prozent aus Informationen, die jedem, der sich nur gelegentlich mit dem Thema beschäftigt, vollkommen bekannt sein müssten. Twitter hat darüber hinaus überhaupt keine Werbung auf seiner Site.

Die einzig echte Neuigkeit - sofern sie denn stimmt - war, dass es Werbepartnern im Falle von Facebook mitunter möglich war, User namentlich zu identifizieren, die auf Anzeigen innerhalb des sozialen Netzwerks geklickt haben. Angesichts von umstrittenen Facebook-Features wie Instant Personalization und der allgemeinen Konvention, bei dem Dienst unter dem richtigen Namen aufzutreten, kommt aber auch das nicht wirklich überraschend.

Kurzum: Die Story des Wall Street Journal war fast komplett wertlos, oder im besten Fall eine Erinnerung an das, was seit langem bekannt ist.

Marshall Kirkpatrick von ReadWriteWeb empfand das auch so, wie er in diesem Beitrag deutlich zum Ausdruck bringt . Momentan diskutiert er in dem mehrmals aktualisierten Artikel mit den verantwortlichen WSJ-Autoren darüber, ob die Story schlicht falsch oder für technisch versierte Nutzer lediglich missverständlich formuliert war.

Worum es mir aber geht: Trotz der Gehaltlosigkeit des zuerst mit der Überschrift "Facebook, MySpace and other social-networking sites have been sending user data to advertising companies" versehenen Artikels - mittlerweile lautet sie "Facebook, MySpace Confront Privacy Loophole" - wurde dieser Link fleißig bei Twitter herumgeschickt, und das von nicht gerade wenigen Personen, denen ich folge. Kein Wunder, denn selbst TechCrunch sprang sofort an und berichtete über den "Vorfall", was die Anzahl der Retweets noch erhöhte. Deutlich wird dies auch bei einem Blick auf den aktuellen Anstieg der Erwähnungen des Stichworts "WSJ" in Tweets (Hinweis: Der Graph zeigt die lokale US-Ortszeit)

Journalistische Falschmeldungen und substanzlose Skandalberichte gab es schon immer. Niemand ist unfehlbar, und gerade stark technische Themen bieten selbst für geübte Journalisten und Blogger eine Reihe von Fallstricken. Auffällig ist jedoch, wie derartige Enten durch das Social Web und den Schwarm noch beschleunigt werden.

Auch zeigt sich einmal mehr, wie mächtig die Marke eines etablierten Medienanbieters noch immer ist. Genau wie es bei Twitter bestimmte Meinungsführer gibt, deren Tweets regelmäßig in großer Zahl aufgegriffen werden, so ist das grenzenlose Vertrauen in traditionelle Zeitungshäuser und Medienmarken offenbar noch weiter verbreitet, als man glauben mag.

Meine persönlichen Schlussfolgerungen aus diesem Ereignis sind folgende:

1. Trotz aller Kritik der Twitter- und Blogosphäre an den Massenmedien ist deren Glaubwürdigkeit und Reputation noch immer enorm.

2. Einflussreiche Twitter-Nutzer haben eine echte Verantwortung darin, was sie als Informationsmittler an ihre Follower weiterleiten.

3. Twitter ist eine nette Art, Links zu verschicken. Der Spaß geht aber schnell verloren, wenn der gleiche irrelevante Artikel hundert Mal geretweetet wird (das natürlich ist sehr subjektiv).

4. Vor jedem Retweet lohnt es sich, selbst eine Minute darüber nachzudenken, warum man den jeweiligen Tweet/Link weiterverteilen möchte.

In meinen Augen sind das Punkte, über die man nachdenken sollte. Ich werde das in Zukunft jedenfalls machen.

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