<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

18.03.14

Einfach mal zu Hause bleiben: Warum die Möglichkeiten des Home Office immer noch unterschätzt werden

Heimarbeit ist in Deutschland auf dem absteigenden Ast. Dabei ist die Möglichkeit gerade bei Webworkern eine gute Alternative, die auch immer größeren Verkehrsproblemen entgegen wirken kann. Es wird Zeit, mit einigen Vorurteilen gegen das Home Office aufzuräumen.

Meinem Wohnort Bonn droht heute ein Verkehrsinfarkt. Bereits seit einer Woche sorgt die Sperrung einer Brücke im Bundesviertel für massive Probleme, nun kommt auch noch ein ganztägiger Streik im Öffentlichen Dienst hinzu, der den Nahverkehr trifft. Den ganzen Tag über sollen in der Stadt kein Bus und keine Bahn fahren. Und das, wo täglich rund 125.000 Menschen nach Bonn pendeln und etwa halb so viele die Stadt zum Arbeiten verlassen. In eurem Wohnort sieht es angesichts der Warnstreiks in mehreren Bundesländern womöglich ähnlich aus.

Ich werde mir das Chaos mit einer Tasse Kaffee von meinem Balkon aus anschauen. Häme ist das nicht, aber verstehen kann ich ebenso wenig, wie unpopulär das Arbeiten von zu Hause aus geworden ist, dass viele Arbeitgeber wie die derzeitige Yahoo-Chefin Marissa Mayer es strikt verbieten, Arbeitnehmer eher Nachteile fürchten und Heimarbeit laut einer aktuellen DIW-Studie sogar ein rückläufiger Trend ist. Trotz des Pendelstresses, trotz Smogs in Metropolen wie Paris oder Peking. Vielleicht ist es an der Zeit, mit einigen Mythen des Home Office aufzuräumen.

Mythos 1: Im Home Office macht man alles außer arbeiten

Es ist sicher richtig, dass ein Home Office, wenn es eine neue Arbeitsumgebung ist, erst einmal ein wenig Eingewöhnung braucht. Anfangs gibt es viele Ablenkungen, die man auch gerne annimmt. Doch spätestens, wenn ein Termin drängt, arbeitet es sich im Home Office genauso konzentriert wie im Büro, wenn nicht besser. Ablenkungen gibt es im Büro auch - Kollegen, das Radio, je nach Büroform auch ein gläsernes oder ein Großraumbüro. Nach gut einem Jahr wieder im Home Office arbeite ich deutlich konzentrierter als ich es zuletzt im Büro tat, wo ein Radio lief, Telefone klingelten, wir durch gläserne Büros abgelenkt wurden oder hin und wieder Besuch für andere Abteilungen in Empfang nehmen mussten. Mehr Ruhe als bei mir im Home Office hatte ich bisher nirgendwo sonst und ich arbeite seitdem produktiver denn je.

Mythos 2: Nur im Team sind Mitarbeiter stark

Ein früherer Chef von mir ließ nicht mit sich handeln, und wenn ich ihm zum fünften Mal vorrechnete, dass ich im Home Office produktiver arbeiten würde. Ich hatte anwesend zu sein und am Bürotisch zu sitzen, obwohl meine Arbeit wie jetzt auch zu einem großen Teil aus Webrecherche und dem Verfassen am liebsten kreativer Texte bestand - etwas, was ich an einem anderen Ort viel besser hätte erledigen können. Teambesprechungen sind sinnvoller, wenn alle Kollegen vor Ort sind, klar. Darüber hinaus wird aber in vielen Berufen die Notwendigkeit von Gruppenarbeit in meinen Augen überschätzt. Produktiv ist ein Mensch vor allem dann, wenn er sich selbst verwirklichen kann, nicht jeden Arbeitsschritt mit den Kollegen absprechen muss, sondern konzentriert einer Aufgabe nachgehen kann. Ich sage nicht, dass sich jeder Job für das Home Office eignet, aber für sehr viele Tätigkeiten ist das der Fall.

Mythos 3: Die Kommunikation mit den Mitarbeitern über das Web ist schlecht

Seit ich Ende 2012 bei Blogwerk einstieg, habe ich insgesamt dreimal einige Kollegen persönlich getroffen. Meine Kollegen sitzen aktuell in Zürich, München, San Francisco, der US-Westküste (Kollege Jan Tißler verlegt seinen Arbeitssitz derzeit alle paar Wochen) und im Sauerland. Wir tauschen uns jeweils über Mail und Skype aus. Die Arbeitsorganisation funktioniert dabei fast immer reibungslos und besser als ich sie je in einem Büro erlebt habe. Natürlich kommt es aufgrund der in erster Linie auf Text reduzierten Kommunikation hin und wieder zu Missverständnissen und kleineren Konflikten. Das allerdings kann bei verbaler Kommunikation genauso gut, wenn nicht manchmal sogar eher passieren. Davon abgesehen erlebe ich gerade sogar weniger Kommunikationsschritte (Mail, Skype-Chat und Telefon kombiniert) als bei früheren Büro-Arbeitsstellen. Es stellen sich Automatismen ein und mehr Aufgaben werden erledigt ohne dass vorher darüber diskutiert werden müsste.

Mythos 4: Home Office ist nur für disziplinierte Menschen

Ich bin wahrscheinlich das beste Gegenbeispiel für dieses Vorurteil. Ich gönne mir den Luxus, die Stunde, die ich morgens nicht mit Pendeln verbringe, einfach länger zu schlafen. Wenn mittags ein kleiner Tiefpunkt erreicht ist, lege ich mich manchmal einfach noch einmal für eine halbe Stunde auf die Couch. Manchmal bleibt lästiger Papierkram einige Tage zu lang liegen und mein Schreibtisch könnte auch mal wieder aufgeräumt werden. Das allerdings sind Probleme, die mich Zeit meines Lebens auch bei Bürojobs begleitet haben. Es dürfte an meiner Natur liegen und nicht am Arbeitsumfeld. Mittlerweile allerdings organisiere ich mich gezwungenermaßen zumindest etwas besser als noch vor zwei Jahren. Die Arbeit im Home Office hat mich eher noch disziplinierter werden lassen.

Mythos 5: Es fehlt die klassische Bürostruktur

Die Kantine, den Empfang, den Getränkeautomaten, die Versandabteilung, den Fitnessraum - all das habe ich natürlich zu Hause nicht. Aber ich habe natürlich eine eigene Kaffeemaschine, eine Küche, einen Supermarkt und ein Schwimmbad direkt vor der Tür, eine Packstation zwei Häuser weiter und einen mobilen Kaffeewagen mit dem vielleicht besten Kaffee der Stadt auf einem Platz vor meiner Wohnung. All das ließe sich auch als Großraumbüro verstehen. Auf meinem privaten Blog habe ich das kürzlich einmal auf einer Karte dargestellt. Ich verfüge hier in leicht abgewandelter Form über die gleiche Infrastruktur wie ein Großunternehmen. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Mythos 6: Im Home Office arbeitet man entweder weniger oder nur noch

Es gibt mit Sicherheit mal Tage, an denen ich wenig zu Stande bringe - ich wette aber, euch ergeht es im Büro nicht viel anders. Auch dass man zu viel arbeitet, kommt gerade in der Anfangszeit im Home Office oft vor. Genau das passierte mir allerdings auch in meinem vorherigen Bürojob, bei dem ich oft abends noch einmal in möglicherweise wichtige Arbeitsmails, Leserkommentare oder den Nachrichtenstrom geschaut habe. Auch das halte ich deswegen für kein Problem, das nur das Home Office betrifft. Es ist eine Persönlichkeitsfrage und eine Frage von Zeitmanagement.

Mein Beruf verlangt es, dass ich manchmal abends noch arbeiten muss. Ich nehme mir dafür Ausgleichszeiten am Nachmittag oder manchmal Vormittag. Und weil ich weiß, dass ich eher dazu neige, zu viel zu arbeiten, verordne ich mir selbst Pausen. Meinen Feierabend läute ich in letzter Zeit stets mit einem kleinen, unscheinbaren Ritual ein. Ich schließe auf meinem Rechner auf einen Schlag alle Apps, die etwas mit der Arbeit zu tun haben: Skype, Mail, Twitter, Skitch, das Bildbearbeitungsprogramm und alle dazu gehörenden Browser-Tabs. Danach ist mein Arbeitstag im Kopf beendet. Seit ich wieder im Home Office arbeite, habe ich übrigens noch jeden Termin eingehalten. Druck lässt sich auch außerhalb eines Büros aufbauen.

Mythos 7: Im Home Office vereinsamt man

Ich wohne in einer 2er-WG und tausche mich mindestens einmal täglich mit meiner Mitbewohnerin aus, ich sehe mehrmals in der Woche meine Freundin, ich treffe Freunde, gehe zweimal die Woche in den Sportverein, chatte täglich auf Skype mit Kollegen und meiner besten Freundin, hin und wieder treffe ich einen Freund vor dem mobilen Kaffeewagen vor meiner Haustür, halte Small Talk mit Nachbarn. Auch wenn ich täglich viele Stunden alleine in meinem stillen Kämmerlein verbringe: mir fehlen keine sozialen Kontakte.

Mythos 8: Nicht jeder Job lässt sich von zu Hause aus durchführen

Das ist unbestreitbar richtig. Ein Chirurg kann nur im OP operieren, ein Restaurantchef muss das Essen vor Ort kochen und abschmecken, und wenn Kundengespräche anstehen, muss ein Büro dafür da sein. Und natürlich brauchen wir auch echte soziale Kontakte, selbst wenn es eines Tages vielleicht möglich wird, eine OP mit der nötigen Robotik auch aus der Ferne durchzuführen.

Dann wiederum bin ich überrascht: Meiner jetzigen Tätigkeit ging kein Vorstellungsgespräch voraus, ich habe meine Vorgesetzten vor meiner Beschäftigung nie persönlich getroffen. Ein Problem war das nie. Ein Kunde wünschte sich ein Kennenlerngespräch, für das ich durch die halbe Republik fuhr, wo wir im Grunde bereits bekannte Eckdaten besprachen. Seitdem kommunizieren wir sehr erfolgreich ausschließlich aus der Ferne, meistens per Mail. Wenn auf beiden Seiten Geld im Spiel ist, so meine Erfahrung, dann werden Dinge auch ernst genommen. Eine schlechte Zahlungsmoral habe ich in meinem Leben bisher in der Tat nur ein einziges Mal erlebt - in einer lokalen Redaktion, bei der ich ins Büro kommen musste und die trotz guter Geschäftslage ohne Not meine Rechnungen nicht zahlte.

Nicht alles kann und soll geschehen, ohne dass wir andere Menschen zum gemeinsamen Arbeiten treffen. Aber es ist mehr Heimarbeit möglich als es auf den ersten Blick oft scheint, und zumindest gelegentlich lassen sich viele Aufgaben von zu Hause aus erledigen.

Mythos 9: Der Flurfunk ist unersätzlich

Der informelle Austausch mit Kollegen oder Vorgesetzten an der Kaffeemaschine, am Schreibtisch oder zwischen Tür und Angel: Hier werden wichtige Informationen ausgetauscht, hier werden Konflikte entschärft, Allianzen geschmiedet. Und zugegeben: das bisschen Tratsch macht auch Spaß. Hier fällt mir kein Gegenargument ein: Der Flurfunk fehlt im Home Office eindeutig und lässt sich nur schwer durch mehr Kommunikation auf Skype oder per Mail ersetzen.

Dann wiederum fällt mir das Facebook-Bild jenes Schlaumeiers wieder ein, der in einem Großraumbüro einfach mal eine halbe Stunde ungestört arbeiten wollte. Vor einigen Monaten machte das Bild auf Facebook die Runde. Damit er nicht immer wieder mit den gleichen Fragen malträtiert wurde, bastelte er sich eine FAQ und hing sie sich um den Hals. Keine Frage: Flurfunk ist wichtig, doch an so manchem Tag können die lieben Kollegen auch zu einem Ärgernis werden, dem man sich im Home Office eher mal entziehen kann.

Mythos 10: Nicht jeder ist der Typ dafür, um alleine Zuhause zu arbeiten

Dem widerspreche ich nicht. Jeder Jeck ist anders und es lohnt sich, auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden einzugehen, will man ihre Stärken aktivieren. Manche Menschen lieben es, ins Büro zu gehen und dort nette Kollegen zu treffen. Doch auch das Gegenteil kommt vor. Manch einer arbeitet lieber zu Hause oder in einem Gemeinschaftsbüro oder er verreist in ein anderes Land und arbeitet von dort aus. Nur den Zwang, der in erstaunlich vielen Büros immer noch vorherrscht, jeden Mitarbeiter auf Teufel komm raus täglich im Büro antanzen zu lassen, halte ich für überholt. Gerade in Hinblick auf die Stressgesellschaft und die oft überlasteten Verkehrssysteme in den Städten lohnt es sich, die Vorteile zu durchdenken. Ich arbeite gerne und sehr erfolgreich im Home Office, meine Auftraggeber profitieren davon und ich würde mir wünschen, dass ich immer die Wahl haben werde, was meinen Arbeitsort betrifft. Egal, was die Zukunft auch bringt.

Ergänzung: Mythos 11: Mitarbeiter, die zu Hause arbeiten, entziehen sich der Kontrolle und meutern schlimmstenfalls

Der Autor Tim Ferriss nennt in seinem berühmten Buch "Die 4-Stunden-Woche" den Gang ins Home Office als ersten Schritt, um sich dem oft ermüdenden Hamsterrad des Bürolebens und damit auch einem Stück weit der Kontrolle des Arbeitgebers zu entziehen. Er rät allerdings nicht dazu, die Arbeitsergebnisse schleifen zu lassen. Das könnte sich ein Mitarbeiter, der zu Hause arbeitet, auch nicht erlauben. Die Ergebnisse müssen genauso hoch, wenn nicht besser sein, damit die Maßnahme gerechtfertigt werden kann. Und wenn die Leistung nicht stimmt, hat der Arbeitgeber genug Möglichkeiten an der Hand, die Erlaubnis schnell wieder zu entziehen oder gar Abmahnungen und Kündigungen auszusprechen.

Ich habe eine Genehmigung, im Home Office zu arbeiten, immer als Privileg verstanden und versuche seit jeher, das auch zurückzuzahlen. Ich fühle mich wohl bei einem Arbeitgeber, der mir solche Freiheiten lässt und ich bin bestrebt, hart dafür zu arbeiten, um mir diese Freiheit, die ich ja bei weitem nicht nicht überall hätte, auch zu erhalten. Mit einer 4-Stunden-Woche, so gut das Konzept auch klingen mag, hat meine Arbeit im Home Office übrigens nichts zu tun. Wie oben beschrieben: Ich tendiere eher dazu, zu viel zu arbeiten.

Bildquelle: Brunoderegge via Flickr unter Creative-Commons-Lizenz BY 2.0

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer