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14.05.12

Eine neue Ära beginnt: diaspora plant mit Y Combinator den großen Neustart

Das dezentrale Social Network diaspora ist über den Nischenstatus bisher nicht hinausgekommen. Eine Teilnahme am renommierten Y-Combinator-Programm soll dies ändern - und könnte gleichzeitig den bisherigen diaspora-Gedanken beschädigen.

Gut zwei Jahre ist es nun her, dass das dezentrale soziale Netzwerk diaspora für Schlagzeilen in der Tech- und Mainstreampresse sorgte. Auf eine erfolgreiche Crowdfunding-Finanzierung mittels Kickstarter, die deutlich über den Erwartungen lag, folgte im Herbst 2010 die Veröffentlichung des Quellcodes und der Launch einer gehosteten Version in geschlossener Beta-Phase. Doch der ultimative Durchbruch für das von vier New Yorker Studenten initiierte Vorhaben, das wir bei netzwertig.com intensiv begleitet haben, blieb bis heute aus. Das Netzwerk mit dem Alleinstellungsmerkmal, dass jeder technisch versierte Anwender seinen eigenen diaspora-Server aufsetzen und damit eine gewisse Kontrolle über persönlich Daten ausüben kann (aber nicht muss), hat seine Rolle als Nischenangebot für Facebook-Überdrüssige, die auch bei Google+ keine Zuflucht fanden, bisher nicht verlassen können. Der Selbstmord des Mitgründers lya Zhitomirskiy im November 2011 führte zu einer zeitweiligen Entwicklungspause und stellte die zwei verbliebenen diaspora-Gründer Max Salzberg und Daniel Grippi vor die Frage, ob und wie es mit dem Projekt weitergehen kann.

Ein aktuelles Businessweek-Porträt, das die Entstehungsgeschichte des einst als Facebook-Killer angepriesenen Social Networks detailliert wiedergibt, enthüllt nun, zu welchem Entschluss Salberg, Grippi und die zwei jüngst als neue Co-Founder hinzugezogenen Mitstreiter Dennis Collinson und Rosanna Yau gekommen sind: Sie werden sich im Juni unter die Fittiche von Y Combinator (YC) geben, dem weltweit bekanntesten und erfolgreichsten Startup-Inkubator (oder "Accelerator"). Das Unternehmen aus Mountain View investiert jedes Jahre kleine Geldbeiträge in Dutzende handverlesene Startups und hilft ihnen innerhalb von drei Monaten mit Know-how und einem enormen Kontaktnetzwerk, ein fertiges Produkt aufzubauen und die Chancen auf Venture Capital zu maximieren.

YC ist bekannt dafür, jungen, motivierten aber unsicheren Startup-Teams schnell die Schwächen ihres Produktes aufzuzeigen und Empfehlungen für erforderliche Veränderungen auszusprechen, um einem Durchbruch so nahe wie möglich zu kommen. Vor kurzem berichteten wir über das von vier Deutschen gegründete Startup Popset (ehemals Eeve), das als eines der wenigen hiesigen Internetunternehmen in das YC-Programm aufgenommen wurde. Dies führte unter anderem zu einer Modifikation des Konzepts sowie zum Namenswechsel.

Dass diaspora die Dinge anders angehen muss, um doch noch zu einer echten Alternative zu den zentralisierten sozialen Netzwerken zu werden, ist angesichts des bisherigen Verharrens in der Nische offensichtlich. Die Fähigkeit zur vollen Kontrolle der persönlichen Daten in Form eines Selbsthostings und der Open-Source-Charakter sind für das Gros der User einfach nicht interessant genug, um sich ernsthaft eine aktiv gepflegte digitale Präsenz bei einem weiteren Social Network zuzulegen. Der zu erwartende Herz-und-Nieren-Check durch die YC-Mentoren kommt da sehr gelegen. Einige Ideen, wodurch sich das neue diaspora auszeichnen könnte, bringen die Gründer bereits mit zu YC. So soll diaspora Anwendern beispielsweise Tools anbieten, um das optische Erscheinungsbild ihrer veröffentlichten Inhalte an ihre Gemütslage anzupassen.

diaspora und Y Combinator sind ein ungleiches Paar

Mit der Partizipation beim YC-Programm beginnt für diaspora ein neues Zeitalter. Während kaum jemand besser in der Lage ist als YC-Chef Paul Graham und sein Team, die Weichen von vielversprechenden, aber leicht orientierungslosen Webangeboten auf Erfolg zu stellen, könnte der Schritt jedoch auch die ursprüngliche, stark von Offenheit und Rücksicht auf die Anwenderbedürfnisse geprägte Philosophie von diaspora beschädigen. Den wer bei YC mitmacht und Anteile an das kalifornische Unternehmen und im weiteren Verlauf an Risikokapitalgeber abgibt, erlegt sich damit gewisse Verpflichtungen in puncto Montarisierung und der Schaffung guter Exit-Optionen auf, die traditionell den Fokus von Startups verändern. US-Blogger Robert Scoble traf einen Nerv, als er im Februar Y Combinator dafür kritisierte , Webdienste und Apps zu sehr auf Viralität zu trimmen - die von Anwenderseite mitunter als Spam und Bevormundung aufgefasst werden kann .

Die YC-Mentoren werden diaspora, das sich bisher allein durch Spenden finanzierte , nicht mit Samthandschuhen anfassen, nur weil sich die derzeitige Nutzerschaft primär aus Open-Source-Evangelisten, Offenheits-Anhängern und Netzaktivisten rekrutiert. Diese gewöhnlich sensibel auf eine Kommerzialisierung und Ausschlachtung von Onlineangeboten reagierende Ziegruppe wiederum wird auf die Barrikaden gehen, sofern sie merkt, dass sich das neue diaspora von seiner bisherigen Vision verabschiedet und die Befriedigung der Ansprüche von Investoren in den Mittelpunkt stellt.

Im Oktober rief ReadWriteWeb Mozilla dazu auf , sich bei diaspora finanziell zu engagieren. Die Non-Profit-Organisation hätte zu der bisherigen Ideologie von diaspora deutlich besser gepasst als das allein auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtete Y Combinator, wäre andererseits aber wohl nicht in der Lage gewesen, die Stellschrauben zu identifizieren, die diaspora bisher an einem Aufstieg in den Mainstream hinderten. Für Y Combinator dürfte genau dies ein Leichtes sein.

Vielleicht muss man einfach einsehen, dass ein ebenbürtiger Kontrahent zu den sozialen Datensilos der großen Internetkonzerne nicht einfach aus Luft und Liebe realisiert werden kann. Ein kommerzialisiertes diaspora mit echtem Potenzial, Facebook zu bedrängen, könnte für die Zukunft des offenen Internets die bessere Wahl sein als ein vollkommen unabhängiges, dafür aber völlig harmloses Geek-Projekt. Ob die diaspora-Community dies ähnlich sieht?

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