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08.03.08

Ein früher Auslandskorrespondent

Wenn ich behaupte, dass ein Blick in die Geschichte erhellend sein kann, schaut mich eine aufs Hier und Heute gepolte Zeitgenossenschaft zumeist an, als wäre ich der Flatulenz verdächtig. Mancher vermutet sogar einen Guido-Knopp-Komplex bei mir. Dabei liegt es mir fern, in den Farbfilmen des Führers zu wühlen oder Bomberstaffeln hintereinander zu montieren. Ich will an dieser Stelle auch weiter zurück als der Guido, bis zum Sommer 1789, zur großen Französischen Revolution.

Damals reiste einer der ersten deutschen Auslandskorrespondenten, Johann Heinrich Campe, zusammen mit Wilhelm Humboldt ins revolutionäre Paris, wo beide am 4. August 1789 eintrafen, also knapp drei Wochen nach dem Sturm auf die Bastille. Campes 'Briefe aus Paris', deren erste Nummern noch im gleichen Jahr im 'Braunschweigischen Journal' erschienen, prägten das Bild, das sich die Deutschen von den umstürzlerischen Vorgängen in der Kulturhauptstadt Europas machten, wie keine andere publizistische Quelle; zugleich begründeten seine Texte ein neues Genre: Heine, Börne, Gutzkow, Laube ... viele Schriftsteller werden sich in der Folge an 'Briefen aus Paris' versuchen, auch um Campes Erfolg zu wiederholen. Der 'Auslandskorrespondent' war geboren, auch wenn er damals noch Reiseschriftsteller hieß.

Campe, der große Pädagoge und Rousseau-Adept, zählte zu den bedeutendsten deutschen Aufklärern. Er begrüßte die Revolution schon, bevor er sie 'live' erlebte, und er wird - das soll hier das Thema sein - exakt das in Paris vorfinden, was seine Wunschwelt oder 'Ideologie' ihm zu sehen befiehlt. Eine erstaunliche Bestätigung für Watzlawicks und Maturanas Thesen, wonach wir nur das zu sehen vermögen, was wir für wahr und wirklich halten. Unser Mögen und Nichtmögen färbt und formt die Wirklichkeit - vor allem aber 'buchstäblich' im Journalismus.

Bei Campe wird die Revolution zum großen Volksfest, einer unaufhörlichen Promenade hochgestimmter Menschen:

 

"Schon der bloße Anblick einer ungeheuern, aus Menschen aller Stände, jeglichen Alters und beiderlei Geschlechts zusammengeflossenen Volksmasse, welche von einerlei patriotischen [!] Freude, wie von einerlei freundschaftlichen, brüderlichen und schwesterlichen Gesinnungen beseelt zu sein scheint, hat etwas menschlich Großes und Herzerhebendes. ... [Wer sieht], wie sogar die kleinsten Knaben, von dem hohen Bürgersinn und dem Freiheitsenthusiasmus ihrer Väter ergriffen, nach ihrer Weise bewaffnet und mit Fahnen und Trommeln versehn, in großen Scharen durch die Straßen ziehn und an der Erhaltung der Ordnung und Ruhe teilnehmen ... so müßte man, meine ich, unter allen menschlichen Klötzen der stumpfeste und fühlloseste sein, wenn man sich über das Erwachen der Menschheit zu einem so schönen, neuen und edlen Leben nicht oft bis zu Freudentränen gerührt fühlte."

Kurzum - dies der Tenor aller Briefe Campes - in Paris ist die Aufklärung segensreich ins Leben getreten, das Schaf geht fortan mit dem Löwen, die Taube schläft im Nest des Adlers - und unser Herr Campe redet mit verdrehten Augen wie ein Prophet in Zungen. Er orakelt dabei über die französische Revolution ganz ähnlich wie ein Späthippie über den pazifistischen Mythos von Woodstock.

Die Gegenwelt, das furchtbare Reich des Despotismus, illustriert für ihn die düstere Bastille, "dieser furchtbare Schlund, der so manches unschuldige Schlachtopfer der Tyrannei verschlang". Mit der Wirklichkeit, so wie Historiker heute die Ereignisse rings um den Bastillesturm nachzeichnen, hat Campes 'Augenzeugenschaft' sicherlich nichts am Hut. Er schreibt konsequent 'für die Menschheit'.

Jede Recherche zeigt, dass die Bastille im Juli 1789 längst nicht mehr jene Funktion hatte, die Campe ihr zuschreibt: Als die Bastille gestürmt wurde, war sie kein Kerker für Heerscharen politischer Häftlinge mehr. Am 14. Juli befanden sich in den morschen Mauern, die zum Abbruch standen, ganze sieben Gefangene: vier Geldfälscher, zwei Irre und ein Kinderschänder. Ob der Marquis de Sade dabei war, ist bis heute ungewiss.

Auch wurde die Festung ja nicht gestürmt, sondern von dem Kommandanten Launay an die Bürgerwehr übergeben. Die Skelette gefolterter Gefangener, die später der Weltpresse vorgeführt wurden, das waren protestantische Verblichene, die nicht auf katholischen Friedhöfen beerdigt werden durften und deshalb in der Bastille zwischengelagert waren, die schrecklichen ?Folterwerkzeuge' wiederum bestanden aus einer total gefährlichen Ritterrüstung und einer Druckerpresse. Und weil die Bastille nie gestürmt, sondern vom Kommandanten übergeben wurde, erhielten später 863 Citoyens eine Ehrenrente und den Titel "Erstürmer der Bastille". So weit, so gut - alles wie beim Anglerlatein heutzutage.

Schlimm war aber das, was 'das siegreiche Volk' tatsächlich mit seinen Gefangenen, nicht nur denen aus der Bastille, anstellte. Wovon Campe in seinem rosaroten Wollen so rein gar nichts wissen mochte. Ein Mitglied der Schweizergarde, der Leutnant von Flüe, schreibt über jenes 'freie Geleit', das ihm Campes 'großmütiges Volk' als Gegenleistung für die Kapitulation zusicherte:

 

"So kam ich unter allgemeinem Geschrei, mit der Aussicht aufgehängt zu werden, bis auf etwa 200 Schritte zum Rathaus, als man mir schon den Kopf des [Bastille-Kommandanten] Herrn Launay auf einer Lanze entgegenbrachte. ... Man führte mich neben dem ermordeten Platzmajor vorbei, der noch in seinem Blute lag. Man zeigte mir den Leib des Aidemajors. Gegenüber war man im Begriff, zwei Invalidenoffiziere und drei Gemeine an einem Laternenpfahl aufzuhängen".

Ich will über solche Szenen hier nicht richten, Revolutionen sind immer blutig, es mag sogar sein, dass sie notwendigerweise blutig sind - und dass sie trotzdem gerecht oder richtig sein können. Mir geht es um die Diskrepanz zwischen dem, was Campe. dieser frühe 'Auslandskorrespondent', schildert, und dem, was sich faktisch vor seinen Augen ereignet haben muss. Der amerikanische Gesandte Morris, als Bürger einer Republik aller royalistischen Sympathien sicherlich unverdächtig, schreibt:

 

"Die verstümmelten Reste des 70jährigen Greises werden zu seinem Schwiegersohn geschleppt, Berthier, dem Intendanten von Paris, der selbst getötet und in Stücke gehauen wird. Der Pöbel trägt die formlosen Teile mit wilder Freude umher. Großer Gott! Was für ein Volk!"

Über den Grèveplatz, diesen blutigen Schlacht- und Richtplatz der Revolution, wo täglich ähnliche Greuel passieren, flaniert übrigens auch unser deutscher Augenzeuge. Er berichtet darüber im Brief vom 9. August:

 

"Wir langen nunmehr bei der Place de Grève an und finden rundumher das Volk, aber ruhig, still und erwartungsvoll, in einem zwanzig bis fünfzig Mann hoch gedrängten Kreise stehen, und aller Augen teils auf die berühmte Reverberstange, teils auf die Tür des die eine Seite dieses Platzes begrenzenden Hotel de Ville geheftet."

Vielleicht, das könnte man mit einem Restmaß an Goodwill und Blauäugigkeit mutmaßen, wusste der Herr Campe noch gar nichts von den Vorgängen hier auf diesem Schindanger - er war schließlich gerade erst eingetroffen und hatte eben rein zufällig eine 'Theaterpause' bei seinem Besuch erlebt.

Aber nichts da - der eigene Text verrät den Verfasser: Diese 'Reverberstange', die er nicht ohne Grund 'berühmt' nennt, ist eine technische Vorrichtung, um das Licht mittels einer Metallfolie zu reflektieren, es ist der Arm jener berüchtigten 'lanterne', von der schon bald wieder die Delinquenten baumeln werden. Während im Hotel de Ville der Richter Lynch residiert in Form des revolutionären Generalrats der Commune. Campe kannte also die Symbolik dieser Stätten. Und er weiß, dass das Volk derzeit keineswegs aus Sanftmut so ruhig und 'vernünftig' war, sondern deshalb, weil es seine Kräfte für die Feier der nächsten Hinrichtung schonen muss.

Campe verfügt folglich über alle notwendigen Konnotationen, er berichtet gegen seine Erkenntnis, aber sicherlich nicht 'contre coeur'. Sein Wunsch, die Revolution zu befördern, siegt über die Wahrheitsliebe des Aufklärers. Ständig ordnet er seine scheinbare 'Augenzeugenschaft' einem ideologischen Ziel unter, wenn auch in menschenfreundlicher Absicht. Ihm geht es primär darum, 'die Aufklärung zu befördern'. Hierzu scheut er - gut jesuitisch - das Mittel der Fälschung keineswegs. Die Gefahr, dass ihm jemand dahinter kommen könnte, ist ja auch denkbar gering in dieser Frühzeit des Journalismus. Außer Humboldt ist kaum Konkurrenz vor Ort.

Man könnte dies nun als Anekdote aus der bunten Mediengeschichte abtun, wenn die Folgen nicht so fatal gewesen wären. Von Klopstock bis Goethe bezieht nämlich fast die gesamte deutsche Intelligenz ihre Kenntnis der französischen Revolution aus Campes 'Briefen'. Das macht den folgenden Umschwung so schmerzhaft und radikal: Als 1792, mit den Septembermorden, die aufgeklärt-humanistische Fassade der Revolution zusammenbricht, als 'das Volk' als bete noir sich zeigt, als Archenholtz, Oelsner und andere die dunkle, terroristische Seite des Mondes thematisieren, da wächst das Entsetzen vor dem Populus, diesem Geist aus der Flasche. Fast die gesamte deutsche Geisteswelt flieht abrupt zurück in den Schoß des 'gemäßigten Despotismus'. So trägt Campe mit der Tünche seiner beschönigenden Euphorie, wiewohl in bester Absicht, ein gutes Stück zur fortan 'revolutionslosen Geschichte' der Deutschen bei.

Zwei, drei Jahre lang konnten sich die Bildungsbürger mit Hilfe der politischen Idylle eines Campe in menschenfreundlichen Illusionen wiegen, erschien ihnen die Vernunft als ein idealistischer Selbstläufer. Statt dass sie sich mit den 'revolutionären Gegebenheiten' vertraut gemacht hätten, wie dies die Franzosen ohne jede aufklärerische Sentimentalität und humanitären Dusel taten: Der Weg der Freiheit führt durch Blut - mais oui!

Und heute?

Die interessante Frage ist jetzt, ob bspw. ein Apologet des Neoliberalismus wie der Gabor Steingart, den der 'Spiegel' in die USA schickte, als sie ihn die Wüste schickten, ob der in der Lage wäre, aus dem Lande seines gelobten Raubtierkapitalismus 'objektiv' zu berichten. Ob er 'Armut' noch 'Armut' nennen würde, wenn er in einen schwarzen Slum in Washington oder Detroit gerät, oder ob er wie von selbst Wörter wie 'gesellschaftliche Verlierer', 'Bildungsverweigerer' oder 'selbstverschuldet' in die Tastatur klimpern würde. Würde er sich ferner bspw. aus Merkelscher Seelenverwandtschaft an die Seite des Establishments und von Hillary Clinton schlagen, dort, wo seine Washingtoner Informanten sitzen, wo sein journalistisches Zuhause ist, in dessen Wänden seine ideologisch-illustrative Metaphorik ihm einen hitzigen aber folgenlosen One-Night-Stand diktiert als passendes Symbol für Obama?

 

"Obama wählen ist wie eine aufregende Affäre. Er kann so mitreißend sein wie sie anstrengend ist. Er steht für Leidenschaft, [Hillary Clinton] verkörpert Gewohnheit. Er bietet politische Poesie, sie einen rauen Realismus."

Jeder brave Mann, der seine fünf Sinne beisammmen hat, heißt das, zieht doch die Hausfrau der Mätresse vor - und das alles muss ja auch so sein, weil es die lodenduftende CDU-Hausfrauen-Ideologie so verlangt, die ihm, wie allen Renegaten, längst als Inkorporation gesunden Menschenverstands erscheint. Allein schon deshalb, weil er aus dieser seelischen Heimat jene Sprachbilder bezieht, die seine Texte wiederum ohne Zweifel attraktiver machen.

Gleiches gilt natürlich auch - vice versa - für einen Reporter des linken 'Freitag', der vielleicht das Venezuela von 'seinem' Chavez besucht, das ihm mit Sicherheit dann paradiesischer erscheint, als es 'in Wahrheit' ist. Immer aber wird sich die Wahrheit in jenen 'Laternen' zeigen, die wir plötzlich nicht mehr da stehen sehen können. Weil sie der Autor amputierte. Wie beim Campe auf dem Grèveplatz.

Ob ich deshalb unseren heutigen Auslandskorrespondenten mehr trauen sollte als den bewusst verlogenen Menschheitsfreunden der Aufklärung damals, besonders dann, wenn sie aus Kapstadt über das ferne Nairobi oder Darfur berichten, das weiß ich nicht. Vielleicht ist der Campe ja weniger bemoost wie er scheint ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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