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18.05.12

E-Mail: Unverwüstlich auch dann, wenn nichts mehr geht

Der E-Mail wird immer häufiger das baldige Ende prognostiziert. Doch in Extremsituationen zeigt sich, dass sie ihren Social-Media-Alternativen noch immer überlegen ist.

E-Mail steht vor der Ablösung. Social Networks und mobile Chatdienste laufen der E-Mail den Rang ab. Firmen wollen die Mail als internes Kommunikationsmittel abschaffen... egal wohin man schaut - überall wird der guten alten E-Mail das Ende prognostiziert. Und wahrscheinlich ist es Realität, dass durch die veränderten Nutzungsmuster junger Generationen die Mail als privates Kommunikationsmittel sukzessive an Bedeutung verliert.

Dennoch gibt es einen Vorzug des E-Mail-Protokolls, der gerne ignoriert wird, aber so lange Wertschätzung verdient, bis rund um den Globus in sowohl städtischen als auch ländlichen Regionen blitzschnelle, omnipräsente mobile Breitbandverbindungen existieren. Und bis dahin dürften noch einige Jährchen vergehen: E-Mail funktioniert als eines der wenigen datenbasierten Kommunikationstools auch dann noch zuverlässig, wenn eine Überlastung des Netzes oder eine schlechte mobile Abdeckung alle anderen Arten des digitalen Austausch unmöglich macht.

Was das in der Praxis bedeutet, konnte ich jüngst in Berlin auf der re:publica erleben: Das Konferenz-WLAN funktionierte fast schon traditionell ohnehin nicht, und aufgrund der Konzentration von 4000 Netzbürgern an einem Ort gerieten auch die mobilen Datenverbindungen der Provider schnell an ihre Kapazitätsgrenze. Die Folge: Weder das Aufrufen von Websites noch der Zugriff auf Twitter, Facebook oder Chatdienste wie Kik beziehungsweise WhatsApp klappte reibungslos. Besonders in den zwei großen Konferenzsälen waren mein iPhone und Rechner sozusagen von der Außenwelt abgeschnitten - bis auf eine Ausnahme: Der Versand und Empfang von E-Mails funktionierte nämlich trotzdem - wenn auch mit Verzögerungen und einigen fehlgeschlagenen Versuchen.

So saß ich im Publikum und versuchte vergeblich, TweetDecks iPhone-App zum Anzeigen neuer Tweets und Direktnachrichten zu bewegen. Die dafür zu übermittelnde Datenmenge wird nicht gerade außerordentliche Ausmaße besessen haben, war jedoch bereits zu umfangreich, um sich durch die überlasteten Zellen der Mobilfunker zu quetschen. Während ich beim zehnten Versuch des TweetDeck-Reloads war, präsentierte mir mein iPhone den Eingang einer neuen Benachrichtigungs-E-Mail von Twitter - mit einer darin enthaltenen Direktnachricht.

Einige Male war meine mobile Internetverbindung auch ganz verschwunden - doch das hinderte mich nicht daran, während der Vorträge nebenbei einige Mails zu beantworten. Hatte mein iPhone die Connectivity wiedererhalten, fanden diese umgehend ihren Weg zu den Empfängern. Ohne dass ich dazu noch einen Finger rühren musste. Sämtliche Social-Media-Apps hingegen ließen mich weiterhin hängen.

Sicherlich hoffen viele von uns darauf, dass die Momente wackeliger Internetverbindungen demnächst zumindest in Industrieländern einen Exotenstatus einnehmen. Wann es aber wirklich dazu kommt, ist unklar. Zur ersten re:pulica vor fünf Jahren hätte sicher keiner der Teilnehmer erwartet, dass auch 2012 der Webzugang zum Glücksspiel wird, wenn sich einige tausend oder mehr Menschen in unmittelbarer Nähe zueinander befinden und gleichzeitig ins Netz wollen.

Prognosen einer abnehmenden Relevanz und Nutzung von E-Mail möchte ich nicht in Frage stellen. Dennoch sollte niemand vergessen, welche Unverwüstbarkeit die Mail-Protokolle SMTP und IMAP mitbringen und wie sie auch dann noch zuverlässig ihre Dienste leisten, wenn sämtliche zeitgemäßeren Kanäle ihren Geist aufgegeben haben. Für Leserinnen und Leser hinter 20 Mbit-Leitungen, die diese Zeilen gerade lesen, mag dieses Szenario recht trivial klingen. In Augenblicken, in denen selbst die Übertragung einzelner Bytes auf Smartphones zu einem Geduldsspiel wird, entsteht allerdings ein Gefühl großer Dankbarkeit darüber, wenigstens noch auf eine (wenn auch altmodische) Art kommunizieren zu können.

Sollte die E-Mail eines Tages verschwinden, stirbt mit ihr auch ein extrem stabiles Instrument der Informationsübermittlung.

(Illustration: Flickr/Sean MacEntee, CC BY 2.0)

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