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05.12.13

Doppelmoral im Journalismus: Warum wir den Kampf für die Netzneutralität längst verloren haben

Das Thema Netzneutralität interessiert schlicht niemanden. Die vage Hoffnung bleibt, dass ihr unausweichliches Ende für Endkunden finanziell spürbar wird - und dann doch noch Protest aufbrandet.

Net_Neutrality_Flickr In der vergangenen Woche startete eine Kooperation des Mobilfunkanbieters Vodafone mit dem Streaming-Anbieter Ampya. Wer Vodafone-Kunde ist, kann sich den Musikdienst dazu buchen und erhält 500 MB Freivolumen extra, das er unterwegs für den Dienst verwenden kann. Im Prinzip ist schon das ein Verstoß gegen die Netzneutralität: Andere Dienste erhalten dieses Privileg nicht. Das macht die Kooperation deswegen nicht besser als das gemeinsame Angebot der Telekom mit Spotify: Bucht man ein entsprechendes Paket, kann man Spotify unterwegs im Telekom-Netz streamen, wie man mag. Die Daten werden nicht auf das monatliche Datenvolumen angerechnet. Ein klarer Verstoß gegen die Netzneutralität, da anderen Diensten das gleiche Recht nicht gewährt wird.

Aber ein großartiges Angebot für die Kunden, so las ich es auf einigen deutschen Online-Magazinen, die die Nachricht bloß durchwinkten und mit der Telekom-Offerte verglichen. Das Wort "Netzneutralität" nahm dabei niemand in den Mund. Eher wurde Vodafone noch gescholten, da man nach der Telekom, O2 und E-Plus erst als letzter der vier großen Mobilfunker ein solches Angebot lancierte. Als ich dann aber den Artikel eines Kollegen las, der sich in der Vergangenheit immer wieder für die Netzneutralität stark gemacht hatte, verlor ich für einen Moment die Fassung. Was kümmert mich die eigene Predigt?

Er schrieb lapidar in seiner Meldung, dass die Kooperation der Telekom mit Spotify gegenüber Vodafone und Ampya das bessere Angebot für die Kunden sei. Das war auch für ihn der Grund, das Telekom-Spotify-Angebot zu buchen und selbst zu nutzen.

Augenblick: was?!

Jemand, der sich für die Netzneutralität stark gemacht hat, tritt sie selber mit Füßen, lobt das Angebot gar noch. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen und sprach ihn auf Twitter darauf an. Er reagierte, zeigte sich aber keiner Schuld bewusst, verstand nicht einmal das Problem. Dass er seine ganze Glaubwürdigkeit damit auf einen Schlag verspielt hätte, schrieb ich ihm. Nun könne seinen Kampf für die Netzneutralität doch niemand mehr ernst nehmen. Nur weil er ein Angebot wahrgenommen habe, das jeder buchen könne, antwortete er fragend. Doch wohl nicht.

Er hatte Recht. Ich war nicht nur der einzige, der sich empörte. Ich war der einzige, der sich überhaupt dafür interessierte. Es gab keinen kritischen Kommentar unter seinem Text oder auf Twitter, Facebook, sonstwo, obwohl sein Magazin rege gelesen wird. Das Thema Netzneutralität? Interessiert schlicht niemanden.

Die Drosselkom hat einige interessiert. Das Problem ist greifbarer: Deine Surfgeschwindigkeit sinkt, wenn du zu viele Daten verbrauchst. Das kann vor allem in der Zukunft problematisch werden, weil immer mehr Videoinhalte vom Fernsehen auf das Netz abwandern. Dagegen wurde relativ erfolgreich gekämpft: Die Telekom hat die Datenbremse in bestehenden Tarifen wieder aufgehoben. Das ist ein Teilerfolg, denn 2015 könnte der Konzern erneut versuchen, Volumentarife statt Flatrates einzuführen. Ganz nebenbei allerdings: Dass dies auch ein Teilerfolg für die Netzneutralität war, interessierte auch hier niemanden. Die Telekom hätte ihr eigenes TV-Angebot T-Entertain von der Datendrossel ausgenommen. Auch dies wäre ein Verstoß gegen die Netzneutralität gewesen. Dass dies abgewendet wurde, las ich nirgendwo.

Ein verlockendes Angebot

Warum aufregen: Werden sich EU und die neue Regierungskoalition nicht ohnehin darum kümmern? Netzneutralität steht doch auf deren Agenda. Ja, aber die Idee, was Netzneutralität ist, weicht stark von dem ab, was Internetaktivisten fordern: die gleichberechtigte Durchleitung aller Daten und Dienste. Bei den politischen Instanzen ist eher eine gleichberechtigte Bevorzugung einzelner Dienste bei allen Internet-Service-Providern im Gespräch. Markus Beckedahl von netzpolitik.org sieht die Pläne der Großen Koalition eher kritisch und fürchtet, dass sich am Status quo (etwa Telekom und Spotify) nichts ändern wird.

Netzneutralität ist ein ähnlich diffuses Problem wie die Vorratsdatenspeicherung oder die Überwachung unbescholtener Bürger durch staatliche Stellen: Wird nicht als Problem erkannt, solange keine Konsequenzen greifbar werden. Bisher kommt der Verstoß gegen die Netzneutralität noch in verlockender Verpackung daher: du zahlst gar nichts und bekommst sogar noch was extra. Da werden offenbar sogar Journalisten schwach, die sich als bloße Berichterstatter verstehen.

Ich war an dem genannten Nachmittag für einen Augenblick recht betrübt: Wenn selbst einstige Verfechter nicht mehr ernsthaft für die Netzneutralität kämpfen und niemand sich dafür interessiert, dann haben wir den Kampf doch längst verloren, so mein Gedanke.

Protest kommt erst dann, wenn es ums Geld geht

Was mich dann nachts wieder etwas besser schlafen ließ, war die Einsicht, dass alles nicht so schlimm kommen müsste - wenn ernste finanzielle Einbußen sichtbar werden. Ein Ende der Netzneutralität könnte etwa bedeuten, dass Telekom-Kunden speziell für die Nutzung von YouTube oder eines anderen beliebten Angebots irgendwann fünf Euro im Monat bezahlen sollen. Etwas sagt mir, dass in dem Falle der Teufel los wäre, dass der erste Provider, der das versucht, den ganzen Zorn des Netzmobs erfährt und dass die Netzneutralität dann schneller gestärkt wird als wir es uns heute vorstellen können. Aber das ist recht optimistisch gedacht. Wahrscheinlicher ist, dass Endkunden vom Ende der Netzneutralität nur am Rande und auf Raten etwas erleben. Der eigentliche Deal findet zwischen den ISPs und den Webdiensten statt.

Was den Kollegen angeht: Ich habe nicht vor, ihn oder sein Magazin hier zu diskreditieren. Deswegen habe ich unsere Unterhaltung auf Twitter wieder gelöscht. Ich bin mir nicht sicher, ob er verstanden hat, worum es mir ging. Aber ich würde mir wünschen, dass er einmal darüber nachdenkt, und dass zumindest seine Leser ein wachsames Auge bewahren. Journalisten und auch Blogger haben bessere Möglichkeiten, als einfach nur jede Newsmeldung durchzuwinken. Wir sollten diese Möglichkeit auch für Kritik nutzen, da, wo sie notwendig ist.

Im Kurzfilm "Leaked: The Internet Must Go" tut John Wooley so, als sei er von Internetprovidern angeheuert, um gegen die Netzneutralität Stimmung zu machen. Seine Mission verstand er allerdings etwas anders als seine Auftraggeber. Ein unterhaltsamer Film, den sich eigentlich jeder Internetnutzer einmal anschauen sollte, also auch ihr - auch wenn ihr euch, wie alle, nicht dafür interessiert:

www.youtube.com/watch

Bild: Wonderlane via Flickr. Lizenz: CC-BY 2.0

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