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25.09.13

Dokumentierte Fehltritte im Netz: Das absurde Streben nach der weißen Weste

Das Mitmach-Netz ist bald zehn Jahre alt, doch noch immer bevorzugt die Gesellschaft die Illusion der weißen Weste und stigmatisiert Fotos und Videos unserer "schwachen" Momente. Ein absurder Zustand.

JugendsündenEgal wie hoch angesehen, renommiert und makellos ein Mensch im Leben sein mag, so muss man davon ausgehen, dass diese Person irgendwann auch weniger vorzeigbare Stunden erlebt hat; Momente, in denen das Vergnügen oder die Versuchung des Augenblicks stärker waren als die Selbstbeherrschung und der Wille, sich nichts zu Schulden kommen zu lassen. Ob Angela Merkel, Barack Obama oder der Papst - es wäre mehr als ein Wunder, wenn diese höchsten Amts- und Würdenträger in ihrer (mitunter fernen) Vergangenheit nicht schon einmal einen über den Durst getrunken, sich gegenüber einer anderen Person unangemessen verhalten oder fremdes Eigentum beschädigt oder entwendet hätten. Bei US-Präsident Obama muss man über eine dunkle Seite seiner Vergangenheit nicht einmal rätseln, sein einstiger Cannabis-Konsum ist allgemein bekannt.

Doch trotz der, ich behaupte, Volksweisheit, dass jeder Saubermann und jede Sauberfrau genauso wie Max und Lieschen Müller schon einmal kräftig über die Stränge geschlagen hat, leidet unsere Gesellschaft unter einem krankhaften Problem im Umgang mit dieser menschlichen Seite des Menschen. Statt sie zu akzeptieren, wird lieber die Illusion der weißen Weste aufrecht gehalten. Trotz des Konsens, dass eine Jugend selten ohne Jugendsünden verläuft, geben wir uns sofort empört, wenn eine Person des öffentlichen Interesses entsprechend dokumentiert wurde. Arbeitgeber rümpfen die Nase, wenn die Party- und Saufexzesse junger Bewerber bei Facebook, Instagram oder Twitter in Foto- oder Videoform festgehalten werden. Ungeachtet ihrer eigenen Selbstfindungs- und Entdeckungsperiode reicht eine solche Sichtung gemeinhin aus, um ihnen den Job zu verwehren. So zumindest lautet der Mythos, der sich seit dem Aufkommen des Mitmachinternets hartnäckig hält und gerne ins Feld geführt wird, wenn gesetzlichen Regelungen zur Möglichmachung des sogenannten "digitalen Vergessens" der Weg geebnet werden soll. In Deutschland wurde ein solches Verfahren einst als "digitaler Radiergummi" bekannt, eine kaum umsetzbare Schnapsidee, die besonders Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) gut gefiel. Auch die EU sympathisiert seit längerem mit dem Gedanken, die Löschung von im Nachhinein als peinlich empfundenen Dokumenten einzelner Nutzer zu vereinfachen, selbst wenn entsprechende Maßnahmen bisher nicht implementiert wurden. Aktuell macht dafür derzeit eine andere Region mit der Realisierung eines digitalen Radiergummis Schlagzeilen: Ausgerechnet in Kalifornien, der Wiege der modernen Internetwirtschaft und ansonsten ein Hort von netzpolitischem Liberalismus, können Minderjährige ab 2015 die Löschung von für sie unangenehmen Onlineinhalten veranlassen. Ein entsprechendes Gesetz wurde gerade verabschiedet.

Doch wie immer bei Regulierungsversuchen zu nachträglichen Löschungseingriffen hat das Gesetz seine Schwächen: Es gilt nur dann, wenn die entsprechenden Fotos, Videos oder Texte von der betreffenden Person selbst ins Netz gestellt wurden, nicht aber, wenn etwa ein Freund einen kompromittierenden Instagram-Schnappschuss hochlädt und mit den Namen der abgebildeten Personen taggt. Auch umfasst die Regelung nur die Websites, auf denen die Inhalte hochgeladen wurden, nicht aber andere Angebote, auf denen sie womöglich auch erscheinen. Und schließlich kommen nur Nutzer unter 18 Jahren in den Genuss dieses Gesetzes. Tendenziell dürften dokumentierte Jugendsünden für viele aber erst einige Jahre später zu einem wahrgenommenen Risiko werden, wenn sie ihre Berufslaufbahn beginnen.

Es ist verwunderlich, dass Kalifornien ein derartiges Gesetz erlässt. Ein Gesetz, das nur geringen Schutz bietet, signifikante Lücken besitzt und sich im Prinzip mit der Funktionalität überschneidet, die bei den großen, zumeist in dem US-Bundesstaat am Pazifik angesiedelten Onlinediensten bereits ab Werk integriert ist. Denn in der Regel können Nutzer jederzeit ihre ihnen plötzlich peinlichen Schnappschüsse wieder aus ihrem Profil entfernen oder die Privatsphäre- und Sichtbarkeitseinstellungen modifizieren.

Ein Zitat einer vom Onlineportal SFGate zu dem neuen Gesetz befragten Jugendlichen bringt die Absurdität im heutigen Umgang mit Jugendsünden und -fehlern auf den Punkt: "Als Teenager macht man viele Fehler. Sind diese im Internet zu sehen, folgen sie einem überall hin". Statt dass ältere Generationen und Arbeitgeber ehrlich zu sich selbst sind und einsehen, dass ihre Fehltritte und Eskapaden der Jugendjahre sie nicht automatisch auf die schiefe Bahn geworfen haben, wird das mitunter extreme, aber normale Erkunden des Lebens während der Pubertät stigmatisiert, sobald es dazu einen visuellen Beleg gibt.

Die aus dem Post-Privacy-Lager stammende Parole "Vergeben statt vergessen" ist zwar eigentlich eine alte Kamelle. Die neue Regelung in Kalifornien und das nicht nachlassende Interesse mancher hiesiger Politiker an Radiergummis für das Internet zeigen, dass ihre Botschaft bisher jedoch kaum verinnerlicht wurde: Wir müssen ehrlicher zu uns selbst und akzeptierender werden, statt weiter die bröckelnde Fassade mit schlecht heftendem Klebeband vor dem Zusammenbruch zu retten.  /mw

Fotoquelle: YouTube

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