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03.05.10

Docs.com: Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für Microsoft

Mit Docs.com bietet Microsoft Privatanwendern die Möglichkeit, Office-Dokumente online zu bearbeiten. So zaghaft der Vorstoß auch ist, so hoch muss man ihn Microsoft anrechnen.

Viele Jahre hat Microsoft seinem Rivalen Google Zeit gelassen, in Ruhe ein vollständiges Gratis-Office-Paket in der Cloud zu entwickeln. Zu groß war die Furcht der Redmonder, ihre zuverlässige Erlösquelle Microsoft Office durch eine kostenlose Online-Variante zu kannibalisieren.

Doch mittlerweile kann sich auch Microsoft dem Trend hin zum Cloud Computing nicht mehr verschließen: Vor knapp zwei Wochen schickte es Docs.com in geschlossener Beta-Phase ins Rennen, eine abgespeckte und kostenlose Version von Microsoft Office, die vollständig im Browser läuft.

Docs.com ermöglicht Nutzern grundlegende Office-Aktivitäten, ohne dass sie dazu die Desktop-Software von Microsoft besitzen müssen. Sie können Word-, Excel- oder PowerPoint-Dateien von der Festplatte hochladen oder neu anlegen und diese anschließend direkt im Browser bearbeiten. Dafür stellt Microsoft auf Docs.com die gängigsten Funktionen zum Formatieren zur Verfügung. Die Benutzeroberfläche ist stark an die der Desktop-Suite angelehnt. Dokumente lassen sich via Docs.com über das lokal installierte Microsoft Office-Programm öffnen, sofern vorhanden.

Textbearbeitung mit Docs.com

Microsoft hat sich entschieden, Docs.com eng mit Facebook zu verknüpfen - an dem das Unternehmen auch einen geringen Anteil besitzt. Im Klartext bedeutet dies, dass derzeit nur User mit einem Facebook-Konto Zugang zu Docs.com erhalten. Dazu authentifiziert man sich bei Docs.com über OAuth mit seinen Facebook-Benutzerdaten. Anschließend heißt es abwarten, bis eine E-Mail eintrifft, die über die Freischaltung für die Beta-Phase informiert. Bei mir dauerte dies ungefähr eine Woche.

Die enge Integration mit Facebook zeigt sich auch bei den Kollaborations- und Sharing-Features: Dateien lassen sich mit anderen Facebook-Anwendern teilen und gemeinsam bearbeiten. Nach dem Login zeigt Docs.com nicht nur die eigenen Dokumente an sondern auch die von Facebook-Kontakten geteilten. Ich erinnere mich zwar nicht daran, schon jemals das Bedürfnis gehabt zu haben, eine Office-Datei mit Facebook-Freunden zu teilen und zu bearbeiten, aber vielleicht ändert sich dies ja in Zukunft.

Google Docs und Docs.com gegenüberzustellen, erscheint fast schon unfair. Während der Google-Dienst einen Großteil der von Microsofts Office-Programmen bekannten Funktionen enthält und nur in einzelnen, teilweise sehr fortgeschrittenen Anwendungsbereichen Schwächen aufzeigt, fehlt es Docs.com im Prinzip an allem, was über die primitivsten Operationen hinausgeht.

Das fängt bei der Begrenzung auf Microsofts eigene Dateiformate an (Google Docs zeigt sich da deutlich flexibler), geht über zahlreiche bei Docs.com fehlenden Formatierungsprozesse und endet beim Fehlen des von mir bei Google Docs sehr geschätzten Überarbeitungsverlaufs.

Deshalb aber Docs.com ein negatives Urteil auszustellen, wäre falsch. Denn das neue Angebot hat natürlich in keiner Weise das Ziel, Usern den Einsatz der Desktop-Suite abzugewöhnen. Es ist Microsofts erster zaghafter Versuch, den Wandel von lokalen zu cloudbasierten Services mitzumachen, ohne dabei seine Cash-Cow - die in Form von Microsoft Office 2010 in den Startlöchern steht - in allzu große Gefahr zubringen. Mit "Microsoft Office Web Applications" läuft derzeit noch ein ähnlicher, aber stark begrenzter Beta-Test.

Insofern muss man Microsoft hoch anrechen, dass es erstmalig Privatanwendern Online-Zugang zu Grundfunktionen seiner Office-Software gibt, ohne dafür Geld zu verlangen. Stattdessen erhält es durch die Integration mit Facebook "lediglich" demografische Daten sowie Angaben über das Nutzerverhalten. Vielen Facebook-Mitgliedern wird das wie ein fairer Deal erscheinen.

Am Ende besteht die Chance, dass Docs.com das langjährige, nicht gerechtfertigte Schattendasein von Online-Office-Werkzeugen beenden kann und einer weniger versierten, weniger experimentierfreudigen Nutzergruppe die cloudbasierte Textverarbeitung und Kollaboration schmackhaft macht. Profitieren könnte dadurch nicht zuletzt Google Docs, das zwar die weniger vorteilhafte Domain besitzt (docs.google.com vs docs.com), aber sich ansonsten in keiner Weise durch das neue Microsoft-Angebot bedroht fühlen muss.

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