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09.08.10

Digitalisierung: Ein fiktiver Medienkompetenzlehrplan

Wer die digitale Welt nicht versteht, kann von ihr auch nicht profitieren. Hier ist ein fiktiver Medienkompetenzlehrplan.

 

In diesem Jahr haben wir sicher schon mindestens 15 Artikel veröffentlicht, die mit dem Satz "Eine neue Medienkompetenz ist dafür jedoch Voraussetzung." hätten abschließen können. Viele der neuen Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung eröffnet, lassen sich erst dann nutzen, wenn Individuen das notwendige Know-how mitbringen, um sie zu verstehen und anzuwenden.

Gleichzeitig ist digitale Medienkompetenz auch dann wichtig, wenn es um die sachliche Bewertung von Risiken und Gefahren im Netz geht. Diese existieren zwar, werden aber von Medien gerne übertrieben dargestellt und in Sensationsstories verpackt, was bei nicht mit der digitalen Welt vertrauten Lesern schnell zu falschen Schüssen führen kann.

Dass Medienkompetenz als Thema hochaktuell ist, zeigt auch die Diskussion rund um den Spiegel-Artikel zur Internet-unkundigen "Null Blog-Generation" sowie der Plan des Bundeslands Nordrhein-Westfalen, einen "Medienkompetenzführerschein" für Schüler einzuführen.

Das Vorhaben soll primär den Umgang mit Facebook lehren, ein Blick auf die Argumentation von NRW-Ministerin für Europaangelegenheiten und Medien Angelica Schwall-Düren lässt jedoch befürchten, dass es weniger um Kompetenz sondern eher um die einseitige Verbreitung von Platitüden geht: "Schwall-Düren wies darauf hin, dass unvorsichtig preisgegebene persönliche Daten zu Mobbing missbraucht werden und 'auch bei beruflichen und sozialen Karrieren hinderlich sein' können".

Diskussion , wirkt selbst noch recht unbeschlagen, was die Kenntnis über das Web betrifft: "Ich twittere nicht. Diese Schnell-Nachrichten enthalten oft Banalitäten, so dass ich keine Notwendigkeit sehe, das mitzumachen."

Angenommen, Schwall-Düren wäre die erste Testperson für den geplanten Medienkompetenzführerschein, welche Aspekte müssten ihr (und den Schülern in NRW sowie ganz Deutschland) vermittelt werden? Im Folgenden sammle ich einige Vorschläge, die mir in den Sinn kamen. Über Ergänzungen in den Kommentare freue ich mich!

Ein fiktiver Medienkompetenzlehrplan

Der Stellenwert persönlicher Informationen

Was können anderen mit persönlichen Informationen machen? Welche Gefahren des Missbrauchs gibt es? Wann ist die Furcht über die "Preisgabe" von privaten Angaben gerechtfertigt, wann nicht? Welche Vorteile ergeben sich daraus, Privates öffentlich zu machen? Im Gegensatz zu den Pauschalaussagen und Prinzipienreitereien, die man sonst so hört, muss hier eine sachliche und objektive Vermittlung des Themas stattfinden (also nicht so), die sich nicht an den Perspektiven der Vergangenheit orientiert, sondern an denen der Zukunft.

Abwägung Nutzen vs Kosten

Viele Dienste im Web sind zwar kostenfrei, aber nicht kostenlos: Statt mit Geld zahlen Nutzer mit bestimmten Informationen. Wie weit darf dies gehen? Welche Anforderungen und Verfahren der Anbieter sind gerechtfertigt, bei welchen sollte man vorsichtig sein und genauer hingucken (Beispiel Opt-In vs Opt-Out)? Welche Vorteile und Nachteile hat diese Art der kostenfreien Nutzung? Wie monetarisieren Unternehmen mit diesem Geschäftsmodell ihre Dienste? Hier sollten gut verständliche Antworten geliefert werden, eine ganz grundsätzliche Schaffung von Wirtschaftskompetenz wäre in diesem Zusammenhang sehr von Vorteil.

Bewertung von Informationen

Im Netz fallen häufig die Filter weg, was die Prüfung von Informationen betrifft. Nicht jeder publizierte Artikel enthält korrekte Informationen und nicht jedes Video oder Foto zeigt eine wahre Gegebenheit. Hier muss erklärt werden, wie Falschinformationen entstehen und welche Methoden es gibt, die Glaubwürdigkeit von Inhalten zu bewerten. Teilnehmer der Lehrveranstaltung sollten befähigt werden, aus einer Kombination von qualitativer und quantitativer Bewertung sowie dem eigenen, feinjustierten Bauchgefühl kluge Entscheidungen über den Wahrheitsgehalt von Informationen zu treffen.

Möglichkeiten der Partizipation

Welche Wege der Partizipation und Selbstverwirklichung gibt es im Web? Was ist ein Blog? Was ist Microblogging? Welche grundlegenden Unterschiede gibt es zwischen bestimmten Dienstegattungen? Auf was muss beim Veröffentlichen von Inhalten geachtet werden, welche rechtlichen und ethischen Aspekte gilt es zu berücksichtigen? Wünschenswert wäre, wenn hier vorurteilsfrei und durchaus motivierend auf das Potenzial des Internets als Ort der kreativen Entfaltung hingewiesen werden würde.

Das Netz und die Karriere

Wie setzt man das Internet ein, um beruflich voranzukommen? Wie macht man Arbeitgeber auf sich aufmerksam? Wie sucht man aktiv Jobs im Netz, wie pflegt man seine persönliche Reputation? Wie geht man mit unvorteilhaften Dokumenten oder Suchergebnissen im Kontext von Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen um? Wie verhindert man das Entstehen derartiger Resultate?

Informationsmanagement

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen dem Internet und klassischen Medienkanälen, welche Unterschiede gibt es? Wie bezieht man effizient Informationen, wo sollte man suchen, welche Arten der Informationen gibt es im Netz? Welche Technologien existieren, um das Informationsmanagement zu optimieren (Alerts, RSS, Microblogging usw)? Wie vermeidet man das Gefühl des Informationoverload?

Grundlegendes zur Technologie

Welche Technologien liegen dem Internet zu Grunde und kommen bei der täglichen Nutzung zum Einsatz? Was ist Open Source? Welche Vor- und Nachteile hat Open Source? Welche Arten der Internetverbindungen gibt es, welche Beschränkungen bringen diese mit sich? Welche Technik benötigt man, um eine Site im Netz zu betreiben?

Sicherheit und Recht im Internet

Was darf man im Netz, was darf man nicht? Wie anonym ist man? Welche Arten der Cyberkriminalität gibt es? Wie schützt man sich? Hier sollte auch ein Grundverständnis für das Urheberrecht und dessen Herausforderungen im Kontext immaterieller Güter sowie für neuartige digitale Lizenzmodelle (Creative Commons) geschaffen werden.

Bleibt die Frage: Wer bildet die Lehrer aus?

(Illustration: stock.xchng)

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