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08.08.11

Digitalisierung: Die Ära der nutzergenerierten Überwachung

So sehr der Einzug des Digitalen in das Leben der Menschen zu begrüßen ist: Er besitzt auch seine Schattenseiten. Diese müssen wir aber akzeptieren.

 

Illustration: stock.xchngIch bin davon überzeugt, dass der digitale Wandel in vielerlei Hinsicht für die Menschheit ein Segen ist. Er schafft freien Zugang zu Informationen, unterstützt das Streben nach Demokratie und untergräbt Intransparenz, die oft die Grundlage für den Missbrauch von Macht und Einfluss darstellt.

Und dennoch drängt sich mir manchmal die Frage auf: Was ist, wenn die Entwicklung zu einer vollständig vernetzen, von IT dominierten globalen Gesellschaft für die Menschheit zwar in Teilen zu mehr Gerechtigkeit und einer verbesserten Lebensqualität führt, an anderer Stelle aber bisher selbstverständliche Freiräume und Vorzüge eliminiert?

Alles wird in Bild und Ton festgehalten

Darüber ins Grübeln geriet ich jüngst beim Lesen dieses Artikels, der das uns bevorstehende Bild einer Welt zeichnet, in der die Mehrzahl unsere Bewegungen von uns identifizierenden Kameras aufgefangen wird. Dabei bezieht sich der Autor nicht nur auf staatliche Überwachungskameras, sondern auch auf die Millionen von Smartphones-Kameras. Deren Besitzer (wir) schießen in jeder Lebenslage Fotos und Videos und laden diese immer öfter in die Cloud - manchmal privat, oft jedoch zugänglich für eine unlimitierte Zahl an Betrachtern.

Dass heute in dicht besiedelten Regionen nichts mehr geschieht, ohne dass es nicht mit einem Mobiltelefon festgehalten wurde, erweist sich in vielen Situationen als praktisch. Es bedeutet aber auch, dass selbst von solchen Ereignissen Bild- und Videomaterial existiert, von denen wir uns gewünscht hätten, dass sie niemand zu Gesicht bekommen hätte. Beispiele hierfür zu finden, überlasse ich der Fantasie jedes und jeder Einzelnen.

Transparenz nicht nur der Mächtigen

Im digitalen, vernetzten Zeitalter der "nutzergenerierten Überwachung" gilt Transparenz für jeden, nicht nur für die Mächtigen. Wir bauen uns gerade selbst eine Big-Bother-Gesellschaft auf. Mit dem Unterschied, dass die dadurch erhobenen Informationen nicht nur einzelnen Privilegierten zur Verfügung stehen, sondern öffentlich sind. Zumeist neige ich dazu, dies als Fortschritt und bessere Alternative zum Informationsmonopol der Herrschenden zu sehen. In Augenblicken des Zweifels jedoch sinniere ich darüber, ob wir uns damit einen Gefallen tun.

Einen Weg zurück gibt es nicht mehr

Während jedoch manche Politiker und Datenschützer mit naivem Aktionismus den Anschein vermitteln, die Entscheidung über die weitere Entwicklung läge in unseren Händen, stelle ich mir die beschriebene Frage nicht, um Gegenmaßnahmen zu finden. Denn der Zug ist längst abgefahren, unser Schicksal besiegelt: Spätestens mit dem Tag der Erfindung des Computers stand fest, wohin die Reise für die Menschheit gehen würde: In eine Zukunft, in die uns der nicht mehr aufzuhaltende technologische Fortschritt mitreißt, und in der uns die Technologie diktiert, wie wir unser Leben führen.

Wenn mich die zweifelnden Gedanken erfassen, dann lasse ich diese nur aus einem Grund zu: Um mir Lösungen und Ansätze zu überlegen, wie die Menschheit am besten mit den Nebenwirkungen der Digitalisierung umgehen könnte. Sie werden auftreten. Sie werden sich in einer globalisierten, komplexen Welt nicht mit (nationalen) Regulierungen und Verboten beseitigen lassen.

Politischer Aktionismus ohne Sinn und Verstand

Genau aus diesem Grund halte ich es für eine Farce, wenn Hamburgs Datenschützer Johannes Caspar fordert, Facebook müsse die Funktion der Gesichtserkennung abschalten. Er suggeriert, mit der Deaktivierung dieser ohnehin nur für das eigene Kontaktnetzwerk verfügbaren Funktion wäre das Problem beiseitig. Ist es aber nicht. Die Software und Mittel, die für eine echte Gesichtsidentifizierung fremder Personen auf Fotos oder in Videos notwendig sind, existieren bereits. Wenn nicht Google, Facebook oder Apple den finalen Schritt wagten und zu auf der Straße fotografierten Menschen den Namen und die Onlineprofile ausliefern, dann kommt dies irgendwann von unabhängigen Entwicklern.

Es wird leider noch viel Zeit vergehen, bis Politik und Datenschützer erkennen, dass ihre auf einzelne Anbieter beschränkten Interventionen der völlig falsche Ansatz sind, und dass sie an der Geschwindigkeit und am Umfang der technologischen Evolution nichts ändern können. Nicht, weil sie sich die falschen "Opfer" herausgepickt haben. Sondern weil sich die Entwicklung nicht aufhalten lässt.

Die neuen Umstände akzeptieren und den richtigen Umgang finden

Notwendig ist statt verzweifelter Kontrollversuche ein konstruktive öffentliche Debatte darüber, wie wir uns an die neuen Umstände anpassen; auf welche Weise das Wirtschafts-, Rechts- und Billdungssystem mit den neuen Rahmenbedingungen umgeht (klassisches Beispiel "Trinkbilder", die es zukünftig von jedem geben wird); welche unserer bisherigen Werte und Normen in dem neuen Zeitalter nicht überleben können - damit, wenn es soweit ist, nicht Chaos ausbricht.

Die Allgegenwärtigkeit des Internets und das Auftreten aller Individuen als Empfänger und Sender digitaler Informationen verbessert vieles, hat aber auch Schattenseiten. Wer dies bestreitet, macht es sich meiner Ansicht nach zu einfach. Einen Weg zurück gibt es allerdings nicht, ein Stopp auf halber Strecke ist nicht möglich. Richten wir uns jetzt schon auf die anstehenden Veränderungen ein und finden Lösungen für den sachlichen, pragmatischen Umgang mit ihnen, ist dies die beste Strategie, um gleichzeitig die Wirkung der vielen positiven Aspekte der Digitalisierung zu maximieren.

Update: Ganz aktuelles Beispiel für die nutzergenerierte Überwachung:  Ein Blog , auf dem Fotos von Personen veröffentlicht werden, die sich in den vergangenen Nächten aktiv an den Krawallen in London beteiligt haben.

(Illustration: stock.xchng)

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