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06.01.11

Digitaler Radiergummi: Das Zeug zum Unwort des Jahres

Das Minister-Duo de Maizière und Aigner preist den digitalen Radiergummi an. In ihrer Wunschwelt wird er Deutschlands nächster Exportschlager. Ich finde, er hat das Zeug zum nächsten Unwort des Jahres.

 

Ja, 2011 hat erst begonnen, der Wutbürger ist gerade erst verdaut, und trotzdem habe ich bereits meinen ersten Kandidaten für das Unwort des Jahres 2011: "Digitaler Radiergummi". Mutmaßlich erfunden von Innenminister Thomas de Maizière und heftig beworben von seiner Kollegin, Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, soll er dafür sorgen, dass im Internet veröffentlichten Daten ein Verfallsdatum angehängt werden kann, nach dessen Ablauf diese automatisch verschwinden. Der Plan der Minister: Deutsche IT-Experten entwickeln eine entsprechende Lösung und exportieren diese anschließend unter dem Label "Made in Germany" in alle Welt.

Aus mindestens drei Gründen halte ich den digitalen Radiergummi für eine absolute Schnapsidee, von der wir aber in den kommenden Monaten permanent hören werden. Die Chancen auf den Titel als Unwort des Jahres 2011 stehen damit nicht schlecht:

1. Er ist technisch nicht zufriedenstellend umsetzbar

Kristian Köhntopp befasst sich mit der geplanten technischen Umsetzung des Radiergummis. Die dafür anvisierte Technologie X-Pire ist ein Browser-Plugin für ein proprietäres Bildformat, das kryptographisch signierte Bilder ab einem bestimmten Datum nicht mehr anzeigt. Köhntopp sieht nicht nur Möglichkeiten, die Kryptierung zu umgehen, sondern auch das Risiko, dem zur Entschlüsselung notwendigen Keyserver unfreiwillig Informationen über das eigene Nutzungsverhalten zu übermitteln. Der Keyserver würde zudem als Single-Point-of-Failure agieren - ist er nicht erreichbar, sind sämtliche Bilder des Systems ebenfalls down.

Wer kann ernsthaft den Wunsch hegen, dass zukünftig alle im Netz abgelegten Bilder (was mit anderen Datenarten geschehen soll, ist unklar) über dieses oder ein vergleichbares System laufen?

2. Er wäre als Exportgut ein Ladenhüter

Selbst wenn die Befürworter des digitalen Radiergummis nicht doch irgendwann zu Verstand kommen und tatsächlich eine entsprechende Lösung auf die Beine stellen und international propagieren: Warum sollten führende Software- und Internetfirmen ein irgendwie geartetes Interesse daran haben, eine proprietäre, dem Netz einen weiteren Flaschenhals hinzufügende DRM-Technologie zu implementieren, die ihnen nichts als potenzielle Probleme bringt? Oder wäre die Strategie eher, den Radiergummi auf höchster politischer Ebene zu bewerben und gesetzlich in anderen Ländern verankern zu lassen?

Es ist ja grundsätzlich kein schlechter Ansatz, aus der Not (strenger deutscher Datenschutz kollidiert mit der Transparenz der neuen digitalen Welt) eine Tugend machen zu wollen. Doch der Bedarf an "Datenschutz made in Germany" scheint eher ein Wunschtraum zu sein denn auf tatsächlicher internationaler Nachfrage zu fußen. Wobei es natürlich zahlreiche Länder gäbe, die ein Interesse daran hätten, wenn bestimmte, von Nutzern online publizierte Inhalte aus dem Netz verschwinden würden...

3. Er verhindert die Chance einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung

Die Idee eines digitalen Radiergummis ist wieder einer dieser kläglichen Versuche, neuartige Entwicklungen in das Korsett früherer, nicht hinterfragter Konventionen zu pressen, statt die Chancen zu sehen, welche sich aus dem Wandel und der damit verbundenen Transparenz ergeben. Kein Mensch hat eine weiße Weste. Jeder hat Fehler begangen oder Dinge getan, die er/sie bereut. Statt zu lernen, mit dieser Erkenntnis umzugehen, wird krampfhaft versucht, das Bild des perfekten Individuums aufrechtzuerhalten. Das Problem sind nicht die Party- und Trinkbilder von Jugendlichen, sondern die Haltung derjenigen, die Menschen davon ausgehend bewerten, ihnen den angestrebten Job deshalb nicht anbieten und ganz vergessen, dass sie selbst erst kürzlich mit einem heftigen Kater aufgewacht sind.

"Das Internet sollte nicht lernen zu vergessen, wir sollten lernen zu verzeihen" - so wurde es hier kürzlich formuliert. Dieser Aussage schließe ich mich an.

(Foto: stock.xchng)

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