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30.08.08

"Digitaler Pranger": RottenNeighbor stillschweigend von deutschen Providern gesperrt?

Das Nachbarbewertungsportal RottenNeighbor musste in letzter Zeit viel Schelte von deutschen Politikern, Datenschützern und Medien einstecken. Nun ist die Seite von zahlreichen deutschen Providern aus nicht mehr erreichbar. Ein technisches Problem oder ein in Deutschland bisher einmaliger Fall von Internetzensur?

Einen aktualisierten Artikel findet ihr hier.

RottenNeighborRottenNeighbor, ein aus den USA stammender Dienst zum Bewerten seiner Nachbarschaft, hat in Deutschland in den letzten Wochen eine beachtliche Medienkarriere gemacht. Reihenweise schrieben die Onlineausgaben der Tageszeitungen über das Angebot. Der allgemeine Tenor: Bei RottenNeighbor werden Menschen öffentlich denunziert und verunglimpft. Den meisten Kritikern war jedoch klar, dass das Portal nicht so schnell aus dem Netz verschwinden würde. Gegen ein ausländisches Angebot lässt sich juristisch wenig unternehmen, solange es in seinem Heimatland nicht gegen Gesetze verstößt.

Während sich jede Person eine eigene Meinung zu RottenNeighbor bilden sollte, ist der interessante Teil der Geschichte nicht der Dienst selbst, sondern das, was nun offensichtlich auf die Kritik an ihm folgt: Blogberichten zufolge können User RottenNeighbor seit einigen Tagen über verschiedene deutsche Providern nicht mehr erreichen. Zu den betreffenden Zugangsanbietern zählen laut Pottblog 1&1, Alice, Arcor, KabelDeutschland, O2 DSL, Strato/Freenet, UnityMedia und Versatel.

rottenneighborfull

Ich befinde mich in Schweden und kann problemlos auf RottenNeighbor zugreifen. Anders aber Marcel, dessen Versuche, die Seite über 1&1 anzusurfen, fehlschlugen. Das gleiche berichtet mein ehemaliger zweinull.cc-Kollege Michael, dem Sekunden später per Remote-Desktop-Verbindung über Österreich die Startseite von RottenNeighbor präsentiert wird. Es scheint sich also um ein auf Deutschland begrenztes Phänomen zu handeln (wobei uns auch ein Fall aus Österreich gemeldet wird, bei dem kein Zugriff über chello möglich ist).

Offizielle Stellungnahmen der Provider liegen bisher nicht vor. Aktuell kann daher nur spekuliert werden, ob sich die Anbieter freiwillig für eine Sperrung der Seite entschieden haben, dies auf externen Druck hin geschehen ist oder ob eine andere Ursache für die Nichterreichbarkeit des umstrittenen Portals vorliegt.

Auch ohne öffentliche Eingeständnisse deuten die Anzeichen darauf hin, dass Deutschland offensichtlich zum ersten Mal in seiner Geschichte eine providerübergreifende Sperrung einer Website erlebt, ohne das darüber Auskunft gegeben wurde oder ein offizielles richterliches Urteil bekannt ist. Dies wäre eine mehr als beunruhigende Nachricht für alle Bundesbürger, die ihre individuelle Freiheit schätzen und nun in einer bisher nicht dagewesenen Art und Weise bevormundet werden.

Man kann nur hoffen, dass der Vorfall schnellstmöglich geklärt wird und die Internetbevölkerung in den nächsten Tagen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ihr Missfallen über die aktuelle Entwicklung zum Ausdruck bringen wird.

Könnt ihr auf RottenNeighbor zugreifen?

Update 1:

1&1-Pressesprecher Andreas Maurer äußert sich gegenüber netzwertig.com folgendermaßen zum Sachverhalt:

Wir wären technisch nicht zu einer Sperrung in der Lage, da wir kein eigenes Netz betreiben. 1&1 greift für seine DSL-Anschlüsse auf die Netze der Deutschen Telekom, von Telefónica, QSC und Arcor zurück.

Ich vermute, dass es sich beim beschriebenen Phänomen um eine Routing-Störung handelt. Bei Nachfragen sollten Sie ermitteln, über welchen Carrier das Routing beim betroffenen DSL-Anschluss erfolgt und sich direkt an diesen Anbieter wenden.

Wir haben neben 1&1 RottenNeighbor und die deutschen Provider Alice, Arcor, KabelDeutschland, O2 DSL, Strato/Freenet, UnityMedia und Versatel um eine Stellungnahme gebeten.

Update 2:

Einige netzwertig.com-Leser haben per Traceroute verfolgt, wo das Signal beim Aufrufen von www.rottenneighbor.com endet. Demnach liege die Ursache für die Zugriffsprobleme nicht bei den deutschen Providern, sondern bei Rackspace, dem Webhoster von RottenNeighbor, oder bei der Seite selbst. Wir warten weiter auf Stellungnahmen, was am Sonntag jedoch Geduld erfordert.

Update 3:

Beim Reizzentrum war man fleißig und hat den aktuellen Stand kompetent zusammengefasst. Laut des Beitrags ist die Nichterreichbarkeit von RottenNeighbor mit großer Wahrscheinlichkeit auf dessen Webhoster Rackspace zurückzuführen, der IP-Bereiche diverser deutscher Internetprovider (absichtlich oder - unwahrscheinlich - versehentlich bzw. aufgrund technischer Probleme) blockiert hat. Bleibt die Frage, warum bzw. auf wessen Order.

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