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15.05.12

Digitaler Minimalismus: Ein Lebensstil für die Zukunft

Digitale Technologien ermöglichen einen neuen, befreiten Lebensstil, bei dem die Bedeutung von physischem Besitz in den Hintergrund tritt.

Foto: Flickr/Johan Brook, CC BY-SA 2.0Mittlerweile bin ich nach zwei intensiven, aber inspirierenden Konferenzwochen (re:publica, Next) in Berlin wieder an meinem Wohnort in Stockholm. Doch nachdem ich den Großteil meines Hauptstadt-Aufenthalts in einer über Airbnb gemieteten Unterkunft verbrachte, kehrte ich in meiner (Wahl-)Heimat nicht in meine eigene Wohnung zurück - denn die habe ich bis Ende Juni untervermietet. Stattdessen lebe ich die kommenden zwei Wochen im Apartment meiner Freundin und werde weite Teile des Junis voraussichtlich in einer anderen europäischen Metropole verbringen. Sonderlich kostspielig ist das dank der Vermietung meiner Behausung nicht. Die größere Herausforderung für einen derartig ortsungebundenen Lebensstil sind persönliche Besitztümer und administrative Verpflichtungen, welche die eigene Flexiblität und Beweglichkeit einschränken. Doch als Anhänger des digitalen Minimalismus ("Cult of Less") habe ich diese Barrieren weitestgehend minimiert.

Erfunden wurde der Cult of Less von dem Softwareprogrammierer und Entepreneur Michael Kelly Sutton. 2010 begann er damit, auf seiner Website CultOfLess.com seine Habseligkeiten aufzulisten. Er war dabei bestrebt, mit so wenig physischem Eigentüm wie möglich auszukommen. Ein Laptop, ein iPad, ein Kindle, zwei externe Festplatten und ein paar Klamotten - damit war sein physischer Besitzstand weitestgehend abgedeckt. Digitale Technologien und Internetdienste legen die Basis für diese neue Form des Minimalismus, die eine bisher sonst nur von Aussteigern genossene Freiheit ermöglicht - sofern es das Arbeitsverhältnis zulässt, versteht sich.

Die Cult-of-Less-Website wurde seit 2010 nicht mehr aktualisiert, mittlerweile betreibt Sutton die Desigernplattform LayerVault. Sein Erbe jedoch lebt in den Kopfen von digitalen Nomaden und Minimalismus-Anhängern rund um den Globus weiter. Auch in meinem. Ich gehöre sicher zu den weniger extremen Minimalisten. Den Schlüssel zu einer eigenen Wohnung inklusive Einrichtung besitze ich ebenso wie einen Kleiderschrank, der mehr als das wirklich Nötigste beinhaltet. Auf dem Dachboden stehen noch einige eingestaubte Kisten mit altem Krimskrams und physischen Medienträgern, die ich bei jedem Umzug mit mir herumschleppe. Und mein Wohnzimmer schmückt ein recht großes Fernsehgerät, das ich auch nicht gerade mal auf einem Finger verschwinden lassen kann, wäre es erforderlich.

Doch insgesamt bin ich seit ungefähr zwei Jahren bestrebt, meine Lebensumstände so flexibel und schlank wie möglich zu gestalten. Ein leichtes Notebook mit einem langen Atem, ein Smartphone, Prepaid-SIM-Karten für Länder, in denen ich mich aufhalte, sowie einen mobilen WLAN-Router, um auch mit für Smartphone-Tethering gesperrten SIM-Karten geräteunabhängig online gehen zu können - das sind die essentiellen Werkzeuge, die ich (abgesehen von Kost und Logie) zum Leben benötige. Und alle möglichen Onlinedienste natürlich, die ich zum Arbeiten, zur Abwicklung des Alltags und zur Kommunikation mit Freunden, Bekannten und Kollegen verwende. Beim iPad allerdings mache ich Abstriche, was das Festhalten am Minimalismusprinzip betrifft: Das nämlich ist eigentlich Luxus, der wenig zu meiner Produktivität beiträgt. Aber auch Minimalisten benötigen ab und an etwas, das ihre Sinne betört. Und dafür wiederum sind Tablets vergleichsweise genügsam und portable Begleiter.

Etwas einfacher ist das Minimalisten-Leben in Ländern mit geringer Bürokratie und fortgeschrittenen elektronischen Verwaltungsprozessen. Schweden macht sich hier als Standort ganz gut - im Gegensatz zu Deutschland lassen sich schon viele Formalien in der Interaktion mit Unternehmen und Behörden über das Internet regeln. Insofern kann ich mir auch in Phasen längerer Abwesenheit vom Wohnort einigermaßen sicher sein, nicht hochgradig wichtige Briefe in meinem Postfach liegen zu haben, deren Nicht-Kenntnisnahme für mich zu Problemen führen könnte - auch weil Rechnungen elektronisch in das Onlinekonto meiner Bank geschickt werden. Der neue Dienst Brevo geht sogar noch einen Schritt weiter und versucht, sämtliche Papierpost in ein digitales Postfach umzuleiten.

Das Streben nach Minimalismus dient zwar für mich vor allem der persönlichen Freiheit, hat aber den positiven Nebeneffekt eines nachhaltigeren Konsumverhaltens. Immerhin ist der Verzicht auf die Anschaffung von unnötigem Ballast Kernelement der Ideologie. Kollaborativer Konsum, also das gemeinsame, effizientere Nutzen von Ressourcen liegt nicht nur im Trend sondern ist angesichts der Überstrapazierung des globalen Ökosystems eigentlich eine Pflicht, der sich die Menschheit nicht verweigern sollte.

Was dem bewussten Minimalisten noch fehlt, wäre eine eigene Stromproduktion - denn Strom benötigt er aufgrund des Always-On-Zustandes laufend. Mit der mobilen Solarstation des Berliner Startups Changers.com ist dies sogar schon möglich - wobei damit zwei weitere Geräte mit sich herumgetragen werden müssen (das Solarmodul sowie die Ladestation). Besser wäre eine integrierte Selbstversorgung von Notebook und Smartphone. Momentan ist das jedoch noch Fiktion.

Sicherlich haben nicht alle die Gelegenheit, voll auf den Minimalismuszug aufzuspringen. Familie, ein ortsgebundener Beruf sowie soziale Verpflichtungen verringern die Anreize zum Streben nach maximaler Flexibilität. Doch ich glaube, ein grundsätzliches Bewusstsein darüber, dass materieller Besitz im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr unbedingt den vermeintlichen Weg zum ultimativen Glück darstellen muss, kann niemandem schaden. Für viele war die Chance auf das Erreichen eines Gefühls von Freiheit noch nie näher als heute - ohne dass dafür unverhältnismäßig viel Geld erforderlich ist. Der Schlüssel ist die grundsätzliche Bereitschaft, sich von physischem Besitz verabschieden zu können. Alles weitere kommt dann ganz automatisch.

(Foto: Flickr/Johan Brook, CC BY-SA 2.0)

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