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19.11.12

Digitale Musik: Wie SoundCloud das bessere Spotify wird

Viele Musiker publizieren neue Songs und Remixe bei SoundCloud. Anders als On-Demand-Dienste wie Spotify dient die Berliner Plattform für Künstler in erster Linie der Promotion. Dabei sind die Voraussetzungen ideal, den Dienst auch zur Erlösquelle zu machen.

Der Löwenanteil meines digitalen Musikkonsums wird seit langer Zeit von Spotify bestritten. Und das bis vor kurzem auch einigermaßen unangefochten. Doch in den letzten Wochen beobachte ich, wie meine Spotify-Nutzung in kleinen aber durchaus vernehmbaren Schritten abnimmt. Weiterhin schaue ich nach wie vor recht regelmäßig bei musicplayr vorbei und höre mir die Songempfehlungen der von mir abonnierten User an. Der große Gewinner in meinem persönlichen digitalen Musikmix ist jedoch SoundCloud.

Erst vor einigen Monaten begann ich damit, bei SoundCloud aktiv von mir geschätzten Musikern/Produzenten sowie kleinen unabhängigen Labels zu folgen - die zumindest im Segment der elektronischen Musik fast ausnahmslos bei der Berliner Audioplattform präsent sind und dort auch fleißig neue Release und Remixes zum Streaming präsentieren. Auch was andere Genres wie etwa HipHop & Rap betrifft, bietet SoundCloud mittlerweile ein reichhaltiges Musikangebot.

SoundCloud ist anders als On-Demand-Plattformen

Nun hat SoundCloud etwas, das Spotify fehlt: Einen sich selbst aktualisierenden Feed aus den neuesten Titeln der von einem abonnierten Nutzer. Dessen Kraft entfaltet sich so richtig, hat man erst einmal eine hinreichend große Zahl an Interpreten und Indie Labels abonniert. Irgendwann neulich gelangte ich an einen Punkt, seitdem ich täglich neue musikalische Highlights in meinem Feed vorfinde - von den Produzenten, Musikern und DJs, die mir wirklich am Herzen liegen. Mittlerweile streame ich an normalen Tagen häufig mehrere Stunden via SoundCloud. Zu Spotify wechsel ich primär dann, wenn ich nach einem spezifischen Song oder Album Ausschau halte oder eine meiner Spotify-Playlisten hören möchte.

Noch etwas anderes unterscheidet SoundCloud von Spotify und anderen klassischen On-Demand-Diensten wie Rdio - wo es ein Follow-Feature auch für Artists gibt: In der Regel sind die Produzenten und Musiker persönlich dort registriert und laden in Eigenregie Tracks, Edits und Remixe hoch, ohne dabei den Umweg über ihr Label zu gehen. Ich hatte vor einiger Zeit erklärt, wieso ich glaube, dass der Musikdienst der Zukunft den Künstlern näher steht und zu Selfpublishing ermuntert - etwas, womit gerade auch Spotify erste experimentelle Gehversuche wagt.

Bisher keine Monetarisierung der Hörer

Damit komme ich zum Kern dieses Artikels: Ich höre also pro Woche mindestens zehn Stunden die Musik, die meine favorisierten Künstler bei SoundCloud vorrangig zum Zwecke der Promotion und Musiker-Fan-Bindung direkt und ohne Mittler hochladen. Und abgesehen von meiner Aufmerksamkeit, gelegentlichen Kommentaren und der Aussicht, mich bei einem künftigen Live-Gig im Publikum anzutreffen, erhalten sie dafür von mir nichts. Denn SoundCloud ist für Standard-Nutzer kosten- und auch werbefrei. Umsätze werden mit Premium-Konten für Mitglieder generiert, die besonders viel Audiomaterial bei dem 2007 gegründeten Berliner Startup ablegen wollen - also durch Musiker, Journalisten und andere Contentproduzenten. Ausschüttungen an die Musiker wie bei Spotify und Konsorten gibt es keine - SoundCloud erfüllt in erster Linie einen anderen Zweck als die On-Demand-Dienste.

Plädoyer für freiwillige Bezahlmöglichkeit

Ich als Hörer werde bisher von SoundCloud in keiner Weise monetarisiert, möchte jedoch in der Lage sein, mich bei den Künstlern für ihre Arbeit auch finanziell erkenntlich zu zeigen. Nicht umständlich über die Flattr-SoundCloud-Integration, bei der ich eine Browser-Erweiterung installieren und dann immer klicken muss, um ein paar Cents an den jeweiligen Künstler zu geben. Stattdessen sehe ich eine andere Lösung vor mir:

SoundCloud führt den Status verifizierter Interpreten-Profile ein. Diesen erhält, wer eine bestimmte Zahl eigener Produktionen vorweisen kann und diese bei SoundCloud zum Streaming anbietet. Allen registrierten Usern würde die Plattform, die immer mal als "YouTube für Audio" bezeichnet wird, die Möglichkeit einräumen, einen monatlichen Betrag zu zahlen, der zwischen allen abonnierten Mitgliedern mit Interpreten-Status aufgeteilt wird. Zehn Prozent des Betrags behält SoundCloud als Provision. Bisher deutet nichts darauf hin, dass das Unternehmen die Profitabilität erreicht hat. Insofern täte den Hauptstädtern, die sich in einer Rolle als internationales Aushängeschild für die aufblühende Berliner Internetlandschaft wiederfinden, eine weitere Erlösquelle ohnehin gut.

Alle würden profitieren

Profitieren würden bei einem solchen System alle: Loyale, musikbegeisterte und anspruchsvolle Hörer, die sich bei ihren Lieblingsinterpreten erkenntlich zeigen können, Künstler, die damit ihr Einkommen aufbessern, und SoundCloud, das einer nachhaltigen Wirtschaftlichkeit näher kommt. Wer nicht zahlen möchte, der wird nicht gezwungen. Ein Abzeichen auf dem persönlichen Profil könnte die freiwillig Zahlenden als solche identifizieren und ihnen so Anerkennung zollen.

Das Besondere an dem beschriebenen Verfahren ist, dass der vollständige Geldbetrag abzüglich eventueller Transaktionsgebühren und der SoundCloud-Provision direkt an die Musiker geht - oder an die Indie Labels, deren SoundCloud-Accounts man folgt. Entgegen mancher Behauptungen mangelt es aufgeklärten digitalen Mediennutzern nicht an einer Zahlungsbereitschaft, sondern an einer Bereitschaft, aufgeblasene Apparate und veraltete, kostenintensive Strukturen, die zur Produktion und Verbreitung qualitativer Musik nicht mehr unbedingt notwendig sind, weiter zu finanzieren.

SoundCloud könnte zu diesem Wandel einen enormen Beitrag leisten. Loyalen Anhängern eine Möglichkeit einzuräumen, ihre bevorzugten Musiker auf der Plattform zu unterstützen, wäre ein logischer Schritt in diese Richtung, und dürfte den positiven Nebeneffekt haben, weitere Künstler zu SoundCloud zu locken.

Um wirklich ein besseres Spotify zu werden, müsste SoundCloud auch in funktioneller Hinsicht noch zulegen, etwa bessere Tools zum Entdecken von Musik bereitstellen. Das allerdings ist Stoff für einen anderen Artikel.

Nachtrag 22.11.: Spotify plant laut einer heutigen Meldung die Implementierung eines Follower-Features.

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