<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

13.10.14

Die Zukunft des Fernsehens: Ich brauche keinen Streaming-Stick, ich will eine Mega-Monstermaschine

In der Zukunft des Medienkonsums sollen wir selbst Programmdirektor sein. Punkt. Doch selbst wenn wir das wollten, wird uns Live-TV wegen vieler Vorteile fehlen - es sei denn, wir arbeiten mit cleverer Hybridtechnik dagegen. Doch das erforderte weit stärkere Maschinen, als wir sie heute nutzen.

Amazon Fire TV: Apps und Mediathek, aber kein Live-TV. Amazon Fire TV: Apps und Mediathek, aber kein Live-TV.

Mit meinem Kollegen Martin Weigert geriet ich vor einigen Monaten in einen Disput. Wir werden auf lineares Fernsehen nie ganz verzichten wollen, behauptete ich. Martins Gegenthese: Der TV-Markt, wie wir ihn heute kennen, wird in den kommenden Jahren völlig zusammenbrechen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich gemessen an der derzeitigen Entwicklung weiterhin an meiner These festhalte, mich allerdings selbst wundere, warum ausgerechnet ich sie aufgestellt habe. Denn ich halte nicht sonderlich viel vom laufenden Fernsehprogramm, besitze einen Google Chromecast, bin seit kurzem Abonnent von Netflix, war es davor von Watchever, teste gerade ein Amazon Fire TV, habe einen Smart TV in meiner Küche stehen und stoße hin und wieder in den Untiefen des Netzes "zufällig" auf die eine oder andere TV-Serie, die es im deutschen Fernsehen noch nicht zu sehen gibt. Und doch stolpere ich jeden Tag in der Mittagspause wieder in meine Wohnküche (ich arbeite im Home Office) und will in der halben Stunde, die ich entbehren kann, einen Happen essen und dabei kurz bei einer belanglosen TV-Serie abschalten.

Fünf Minuten, bis ein Stream läuft

Diese halbe Stunde ist eine wichtige Zeitangabe, denn eine Episode einer Comedyserie dauert für gewöhnlich nicht länger. Eine passende Sendung auf einer "modernen" TV-Lösung zu starten, ist allerdings derzeit noch ein verblüffend langwieriger, um nicht fast zu sagen ein anstrengender Prozess:

     

  1. TV-Gerät einschalten
  2. Medienquelle auswählen
  3. App auf dem Smartphone starten
  4. Nach einer geeigneten Sendung suchen
  5. Hier in den vorhandenen Staffeln nach einer noch unbekannten Folge suchen
  6. Folge auswählen und öffnen
  7. Chromecast oder Smart-TV als Quelle wählen
  8. Warten, bis das TV-Gerät den Stream akzeptiert und gepuffert hat
  9. (Umstellen auf englischsprachige Originaltonspur)
  10. (Wieder auf den Puffer warten)
  11. (Nicht selten noch einmal neu starten und den ganzen Prozess wiederholen, weil es die App in diesem mühseligen Prozess unterwegs zerrissen hat)
  12. Das ausgesuchte Video gucken

Im Vergleich dazu der Medienkonsum auf einem Fernseher:

     

  1. Das TV-Gerät einschalten. (Wenn der Fernseher automatisch auf den zuletzt gesehenen Sender schaltet und dieser meistens derselbe ist, wie bei mir und ProSieben der Fall, dann entfallen alle weitere Schritte.)

Ich habe nicht selten mehrere Minuten damit verbracht, einen Videostream über ein Smart Device auf meinem Fernseher ans Laufen zu bekommen und den Konsum mangels Geduld schon oft genug auf den weniger komfortablen Laptop verlegt.

Lieber RTL gucken als Programmdirekter sein?

Ich denke, wir sind uns alle einig, dass das lineare TV-Programm hierzulande qualitativ maximal Mittelmaß ist. Und doch schaue ich lieber die dritte Wiederholung einer Folge "Big Bang Theory" auf ProSieben, als über den Chromecast mühsam eine neue Folge zu starten. Der banale Grund dafür: Es ist deutlich einfacher.

Live-TV im Web wie auf Magine: Nach wie vor der Königsweg? Live-TV im Web wie auf Magine: Nach wie vor der Königsweg?

Ein weiteres sonderbares Verhalten, über das ich selbst ein wenig erstaunt bin, stellte ich neulich an mir fest: Ich wollte mal wieder einen Spielfilm gucken. Also schaute ich zunächst in den Mediatheken, die ich schon bezahlt hatte, Watchever und Netflix, fand dort nichts, was mir auf Anhieb zusagte, entweder zu alt, schon gesehen oder vom Cover her nicht interessant. Einige neuere Filme, die ich gerne gesehen hätte, suchte ich auf Google Play oder iTunes, um dort aber festzustellen, dass es sie nur als Kaufversion gab. 14 Euro waren mir aber zu viel. Da brachte mich der Zufall auf die letztendlich gewählte Abendgestaltung: Auf RTL lief 'The Avengers' und ich freute mich plötzlich wie ein kleines Kind: "Den Quatsch wolltest du dir doch schon lange einmal angucken! Schnell noch eine Runde drehen, einen guten Wein aussuchen und um Punkt 20.15 Uhr RTL anschalten!"

Ich hätte mir den Film auch in einer Online-Videothek, egal ob illegal oder legal, sofort anschauen können. Ja, sogar werbefrei und im Original. Aber irgendwie wollte ich das nicht. Ich wollte einmal nicht Programmdirektor sein, sondern das sehen, was schon jemand für mich ausgewählt hat ohne dass ich mir selbst darüber Gedanken machen muss. Und ich wollte Teil von etwas sein. Allein das Wissen, dass Millionen andere Fernsehzuschauer den Film zeitgleich mit mir anschauen würden, dass ich mich mit einigen in sozialen Netzwerken darüber austauschen könnte, war für mich Motivation, ihn zu gucken. Es ist vielleicht das gleiche Gefühl, wie aufs Land zu ziehen und dort die Möglichkeit zu vermissen ins Kino zu gehen, selbst wenn man das in der Stadt lange nicht mehr getan hat.

Wir werden immer Live-Sendungen sehen wollen

Das schließlich führt mich zum dritten Punkt meiner Theorie: Manche Sendungen muss ich live gucken, nicht erst ein paar Stunden oder Tage später. Und wer immer schonmal versucht hat, einen Online-Stream des Spiels der Fußball-Nationalmannschaft oder auch nur der kürzlich völlig misslungenen Übertragung der Apple-Präsentation zu gucken, der weiß, dass das erstens nicht das gleiche ist und zweitens all zu oft schief geht.

Die Vorteile des linearen Fernsehens zusammengefasst:

  • Einfachster Zugang
  • Live-Sendungen ohne technische Probleme
  • Das Gefühl, nicht alleine zu gucken und sich mit anderen in Echtzeit über den Inhalt austauschen zu können, beispielsweise beim "Tatort"
  • Zumindest manchmal einfach das gucken können, was andere ausgesucht und für gut befunden haben.
  • Die Möglichkeit, durch Reinzappen auf etwas Neues zu stoßen, das man sich anhand von Cover und Beschreibung sonst nie angeschaut hätte

Kommen wir zur Lösung des Problems: Was ich will, ist ein TV-Betriebssystem, das mir lineares und On-Demand-Fernsehen kombiniert und es mir dabei so einfach macht wie gewöhnliches Fernsehen. Ich will die Kiste einschalten und sofort etwas sehen ohne es erst auswählen zu müssen. Das muss nicht zwingend lineares Fernsehen sein, es kann auch eine vom System für mich ausgesuchte oder aufgezeichnete Sendung sein, die mich sofort beim Einschalten begrüßt. Aber es muss sofort losgehen. Über Live-Sendungen will ich informiert werden, damit ich mein laufendes Programm unterbrechen und daran teilnehmen kann. Und ich will weiterhin zappen, sprich, ohne Zeitverzögerung auch durch aufgezeichneten Content springen können.

Netflix, wichtiger Schritt auf dem Weg zur Zukunft des Fernsehens, aber noch nicht ganz da. Netflix, wichtiger Schritt auf dem Weg zur Zukunft des Fernsehens, aber noch nicht ganz da.

Hier das Beispiel dazu, wie das aussehen könnte:

Ich schlurfe um 15.00 Uhr in die Küche, schalte den Fernseher ein und bekomme ohne weiteres Zutun eine Folge "Big Bang Theory" zu sehen, die 15 Minuten vorher auf ProSieben begonnen hat und beim Aufzeichnen direkt angeschaut werden kann. Das System hat anhand früher gesehener Sendungen bereits für mich herausgefunden, dass ich die Folge noch nicht kenne. Ansonsten hätte es mich mit einer anderen Episode begrüßt. Nach fünf Minuten entscheide ich, dass mir die Folge nicht gefällt. Ich teile der Datenbank das per Druck auf eine Taste mit und schalte um. Weil das System weiß, dass ich gerne die aktuellen Nachrichten sehe, zeigt es mir nun auf diesem Kanal die Fünf-Minuten-Tagesschau, die es zehn Minuten zuvor aufgezeichnet hat.

Nach den Nachrichten startet eine Folge "House of Cards", die ich noch nicht kenne. Da ich jetzt aber keine Lust auf Drama habe, schalte ich um und bekomme eine Folge "Ground Floor" im Original zu sehen, vom System ausgewählt aus einer Online-Videothek. Nach 13 Minuten meldet sich das System wieder und teilt mir mit: "Gleich beginnt eine Folge der 'Simpsons' auf ProSieben. Willst du das laufende Programm unterbrechen und dorthin wechseln?" Und falls mir das doch alles nicht gefällt, zeigt mir das System in der Mediathek weitere nach persönlichen Kriterien aufgezeichnete Sendungen oder Empfehlungen an, sowie eine Auswahl in Kürze startender Sendungen im TV.

Wichtig: Keine Wartezeit

Kurz gesagt: Ich muss nicht erst mühsam etwas starten, ich bekomme es sofort serviert und habe dabei das Gefühl, ganz normales Fernsehen zu sehen - nur mit den Sendungen, die ich gerne mag. Damit ich nichts verpasse, informiert mich das System über anstehenden Live-Sendungen und schaltet auf Wunsch dorthin.

Googles Chromecast: Technisch noch zu schwach Googles Chromecast: Technisch noch zu schwach

Es dürfte klar sein, dass sich ein solches System nicht auf einem HDMI-Stick mit einem schwachen Singlecore-Prozessor, 4 GB Speicher und 512 MB RAM realisieren lässt. Wir sprechen hier von einem Hochleistungsrechner, der Tag und Nacht arbeitet, etlichen Prozessorkernen, mehreren Festplatten mit mehreren Terabyte Speicher und natürlich auch einem Breitbandzugang von mindestens 100 Mbit/s. Denn, klar, HD-Qualität muss allermindestens her.

Machbar? Mit Sicherheit. Wenn nicht heute, dann in ein paar Jahren. Auf die Software kommt es dabei an und ein kluges Zusammenspiel mit den Hardware-Komponenten. Die heutigen Protagonisten wie Apple, Google, Amazon und Netflix, die Zuschauerdaten erfassen und auswerten, könnten das endlich einmal zu unseren Gunsten tun, unser TV-Verhalten dabei studieren und vielleicht eine solche Kiste ins Leben rufen. Schöner aber fast, wenn ein Startup dieses Potenzial erkennt und die Mega-Monstermaschine für uns entwirft. Mit einem solchen System in meinem Wohnzimmer gäbe ich meinem Kollegen Martin Recht und das lineare Fernsehen, wie wir es heute kennen, könnte getrost zusammenbrechen.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer