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10.03.09

Die neue Viralität: Social Media verändert das Web

Facebook liefert den ersten Sites mehr Traffic als Google, während das Social Network erst ein Drittel der Zugriffe von Google hat. Mit dem Wachstum von Angeboten wie Facebook verändern sich die Aufmerksamkeitsströme im Netz fundamental.

Perez Hilton hat für den Zeitraum der Verleihung der Oscars für seine gleichnamige Promiklatsch-Website einen Rekordzugriff von 13,9 Millionen Seitenaufrufen verkündet. Hitwise hat für diesen Zeitraum sich die Quellen des Traffics angeschaut und bekanntgegeben, dass Facebook Traffic-Quelle Nummer Eins war. Seit Dezember steht Facebook bei Perez Hilton auf Platz Eins der Referrer. Wie Liz Gannes auf NewTeeVee zu recht feststellt, ist das eine bemerkenswerte Entwicklung. Für nahezu alle Websites ist der größte Trafficlieferant immer Google gewesen.

Das ändert sich jetzt.

 

Size matters

Social Media erreicht einen Verbreitungsgrad, bei dem sich die Auswirkungen langsam überall im Web bemerkbar machen und fundamentale Online-Gesetze aushebeln. Dass sich Facebook dabei an forderster Front findet, liegt nicht nur daran, dass das Social Network mit über 175 Millionen Mitgliedern und einem Netzwerkeffekt-bedingten enormen Wachstum das größte Social Network der Welt ist, sondern außerdem und vor allem am Newsfeed. Der Newsfeed dürfte die am meisten unterschätzte Neuerung im Social-Network-Feld sein. Der gekonnte Einsatz des Newsfeeds macht Facebook zum Dreh- und Angelpunkt des Online-Lebens für viele Menschen. Und durch die damit sehr einfache Möglichkeit, Links mit den Mitmenschen zu teilen, wird Facebook zum neuen Traffic-Gorilla. Das ist auch der Grund, warum Facebook Connect höchstwahrscheinlich der Gewinner bei den Connect-Systemen sein wird.

Nebenbei: Dass ausgerechnet die Facebook-Kopiermaschine studiVZ diese neben der Plattformisierung wichtigste Neuerung im Social-Network-Bereich völlig verschläft, zeigt deutlich, wie wenig man bei Holtzbrinck von diesem Geschäft versteht. Selbst alteingessene Medien wie Welt Online haben mittlerweile die Rückständigkeit von studiVZ gegenüber Facebook und die daraus folgenden Konsequenzen erkannt.

Videosites verdanken 3,3 Prozent ihres US-Traffics Facebook, wie Gannes auf NewTeeVee berichtet. Das ist noch nicht viel, aber es ist eine Steigerung um 112 Prozent gegenüber 2008. Hier wächst erst etwas heran.

28 Millionen 'Pieces' an Content werden laut Facebook jeden Monat auf dem Social Network von den Usern verbreitet. Das macht Facebook zu einem veritablen Dreh- und Angelpunkt für die Verteilung und Verbreitung von Inhalten. Und ebenso wie bei Twitter bedeutet es eine immense Verschiebung in der Art der Aufmerksamkeitsströme im Web, bei der selbst alteingessene Hasen wie Digg bald alt aussehen werden.

Bei all dem darf man außerdem nicht vergessen, dass Facebook in den USA zwar für einige Sites, wie Perez Hilton, mehr Traffic sendet als Google, aber zumindest in den USA erst ein Drittel der Zugriffszahlen von Google erreicht. Das Potential hier ist also enorm. Schwer vorherzusagen, welche Dynamiken dies noch entwickeln wird.

Social Networks sind dabei längst zu einer nicht mehr wegzudenkenden Online-Größe geworden, die selbst Email in ihre Schranken verweist. Holger Schmidt von der FAZ hat eine aktuelle Nielsen-Studie zusammengefasst:

10 Prozent der gesamten Online-Zeit fließt inzwischen in diese Web 2.0 Seiten; die Verweildauer steigt dreimal schneller als im Durchschnitt aller Webseiten. Seit dem vergangenen Jahr ist die Reichweite der sozialen Netzwerke und Blogs, von Nielsen als Member Communities bezeichnet, um mehr als 5 Prozent gestiegen.

 

Neben Google

Sollte es jemals einen "Google-Killer" geben, dann wird das keine weitere Suchmaschine sein, auch wenn diese noch so gut ist. Der Traffic-und-Aufmerksamkeits-Kuchen wird neu verteilt und der Anteil der Suche allgemein wird reduziert. Letztlich ist das ein Zeichen eines größeren Wandels, den das Web zur Zeit durchmacht. Und eigentlich ist es kein Wandel sondern etwas anderes: Das Web wird erwachsen . Seit einigen Jahren wachsen webeigene Infrastrukturen, die nun anfangen, spürbare Auswirkungen hervorzurufen.

Natürlich wird Google deswegen nicht verschwinden. Wenn vom "XY-Killer" in Artikeln die Rede ist, dann ist das oft nicht mehr als der Versuch, eine Veränderung narrativ zu dramatisieren. Google, das bereits im Hintergrund semantische Technologien einsetzt, wird nicht von einer semantischen Suchmaschine bedrängt, Buzz hin oder her. Google wird von Social Media, das endgültig im Web-Mainstream angekommen ist, 'bedrängt'. Aber niemals gekillt, denn Google ist das Suchen - pull -, Social Media in der Regel das Erhalten - push - von Informationen im Web.

Letzteres wird in nicht allzuferner Zukunft die mit Abstand beherrschende Form an Aufmerksamkeitströmen darstellen. Ob semantisch oder nicht, Suchmaschinen im aktuellen googleschen Sinne - also Volltextsuchen über das möglichst gesamte Web - werden in den nächsten Jahren immer mehr aus dem Zentrum der Webnutzung verschwinden und mehr und mehr die Ränder abdecken. Für den Pull-Bedarf des Zentrums werden Startups aus dem Social-Media-Bereich, oder vielleicht auch Google selbst, ebenfalls Lösungen finden, die mit einer klassischen Websuche weniger zu tun haben werden, weil sie auf eine reichere Datenbasis werden zugreifen können. Willkommen in der Zukunft.

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