<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

16.05.13

Die MP3-Sammlung fällt in Ungnade: Wieso Musikmiete die Zukunft gehört

Wenn ein ehemals leidenschaftlicher MP3-Sammler plötzlich gar nicht mehr weiß, was er mit einer lokalen Musikdatei anfangen soll, dann zeigt dies, wo die Zukunft des digitalen Musikkonsums liegt: in der Miete.

Mp3Befragt man Leute zu ihren Präferenzen beim digitalen Musikkonsum, lassen sich die Antworten zwei grundsätzlichen Lagern zuordnen: Das eine Lager verwendet in erster Linie Streamingdienste, entweder "On Demand" wie Spotify & Co oder in Form personalisierter Radios à la Pandora und Aupeo , das andere bevorzugt den "Besitz" der angehörten Musiktitel in Form von lokalen oder in die Clouds von Amazons Cloud Player, Google Play Music und Dropbox abgelegter, käuflich erworbener oder anderweitig heruntergeladener Dateien. Wenn es darum geht, welche Gruppe weniger Verständnis für die Gepflogenheiten der anderen hat, so sind es in der Regel die Verfechter des digitalen Musikbesitzes, die sich kritisch über das On-Demand-Konzept äußern, bei dem Lieblingsalben und -songs nur so lange gehört werden können, wie man die monatliche Abogebühr zahlt oder wie der Anbieter seine Dienste werbefinanziert bereitstellt. Der Gedanke, dass der Zugang zur kompletten, durch sorgfältiges Kuratieren und Selektieren angelegten Tonsammlung von heute auf morgen vom Streamingservice blockiert werden kann, behagt den Anhängern des Musikbesitzes gar nicht.

Doch mit zunehmender Gewöhnung an die "Miete" von Musik - nichts anderes ist On-Demand-Streaming eigentlich - entsteht auf Seiten des Streamingnutzers eine zunehmende Aversion gegen den Besitz lokaler MP3-Dateien, welcher in der Prä-Streaming-Ära auch für sie die typische Form des digitalen Musikhörens darstellte. Ich selbst konnte gestern erleben, was es heißt, so sehr die Musikmiete verinnerlicht zu haben, dass einem ein unerwartet auftauchendes MP3-File plötzlich Kopfschmerzen bereitet. Ein Freund ließ mir nämlich ungefragt einen seiner Aussage nach sehr guten Titel aus dem morgen erscheinenden Album von Daft Punk (Random Access Memories) zukommen. Ich fragte ihn nicht, wo er die MP3-Datei her hatte, kam aber seiner Empfehlung nach und hörte mir den Track an. In der Tat gefiel er mir. Doch nachdem ich ihm von Anfang bis Ende gelauscht hatte, stellte ich mir die Frage, was ich nun damit machen würde. Da mir der Song zusagte, würde ich ihn gerne mehrfach hören. Doch läuft mein gesamter Musikkonsum mittlerweile über Spotify, SoundCloud und gelegentlich Musicplayr, und der Zugriff auf diese Dienste erfolgt über verschiedene Geräte (Notebook, Smartphone, Tablet). Zwar lässt sich auch lokale Musik bei Spotify importieren, aber für einen einzigen Titel die dafür notwendigen Prozesse anzukurbeln, war mir zu umständlich. Da ich als ordnungsliebender Mensch und Minimalist den Song aber auch nicht einfach so im lokalen Downloadordner liegen lassen wollte, entschloss ich mich, ihn zu löschen und darauf zu warten, bis das Daft Punk-Album bei Spotify auftauchen würde.

In der Tat: Weil das MP3 eines mir zusagenden Songs nicht in meine Musikkonsumstruktur passte, entfernte ich es von meiner Festplatte und warte lieber geduldig darauf, bis es "On Demand" im Netz verfügbar ist.

Für mich war dieser Moment ein Schlüsselerlebnis: Ich, einst ein leidenschaftlicher MP3-Sammler, bin vollständig im Zeitalter der Musikmiete angekommen. Meine Wertschätzung für den einstmals klaren Vorteil lokaler Musik, nämlich die volle Kontrolle über ein Stück zu besitzen, hat sich komplett aufgelöst. Stattdessen habe ich nun vor allem einen Anspruch: die Möglichkeit zum geräteunabhängigen, aufwandslosen On-Demand-Zugriff auf Musik. Immer und überall. Dieses Bedürfnis ist für mich derartig vordergründig, dass ich auf das Anhören eines Musikstücks lieber verzichte, als in diesem Punkt Abstriche zu machen.

Viele werden mein Räsonieren nicht verstehen können, und das ist völlig in Ordnung. Jeder hat andere Ansprüche an Musik und an die Rahmenbedingungen, in denen sie konsumiert wird. Für die meisten Audiophilen ist lokale Musik nach wie vor attraktiver, weil sie dann ihre bestmögliche Tonqualität bekommen.

Mir ist es wichtig, anzumerken, dass wie überall ein Gewöhnungseffekt eintritt, und dass dieser irgendwann auch dazu führt, dass das einstmals Selbstverständliche, wie für mich die lokale MP3-Sammlung, sukzessive zur Seltenheit und schließlich sogar zum Abnormalen wird.

Insofern kann ich nachvollziehen und begrüßen, dass Google auf der gestrigen Entwicklerkonferenz I/O die Erweiterung seines bisher wenig beeindruckenden Cloudmusikdienstes um eine (vorerst nur in den USA verfügbare) On-Demand-Streamingkomponente vorgestellt hat, auch wenn offen bleibt, wie erfolgreich das Unternehmen damit in Markt mitmischen können wird. Für mich steht in jedem Fall fest: Musikmiete, nicht Musikbesitz, ist die Zukunft. /mw

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer