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09.08.08

Peinliche Zeitungsente: Karadzic nach Wien gedichtet

Versteckt in einer Abstellkammer soll der Kriegsverbrecher Karadzic in Österreich gelebt haben, schrieben Boulevardblätter und fanden schnell ein paar Augenzeugen. Oder etwa doch nicht?

(Keystone/Darko Vojinovic)Monatelang soll der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic als dubioser Wunderheiler in Wien gelebt haben. Das behauptete zumindest die Kronen-Zeitung - exklusiv natürlich. Andere Medien schossen sich dankbar auf die Story ein und zerrten entsetzte Augenzeugen hervor. Eine spannende Woche für den Boulevard – mit einem kleinen Problem.

Die ganze Geschichte war eine Ente. Schnell fanden sich dutzende Zeitgenossen, die täglich mit dem sogenannten „Balkan-Schlächter“ zu tun gehabt haben wollen. Komisch sei ihnen der bärtige Mann mit zu einem Knoten gebundenen Haaren schon immer vorgekommen. Dass sich dahinter Karadzic verstecken könnte, hätten sie niemals geahnt. Doch die investigativen Genies der Krone förderten nach penibler Recherchearbeit alle Details über das Leben des „Opa Pera“, wie ihn angeblich alle nannten, zutage:

Er war ein Frühaufsteher. Er trug stets die Bibel bei sich. Er war ein Sauberkeitsfanatiker. Sechs Monate versteckte sich Balkan-Schlächter Radovan Karadzic bei Familie J. aus Wien-Penzing. Getarnt als Wunderheiler, mit Rauschebart und einem Kreuz um den Hals. Sein Zimmer: Eine Abstellkammer hinter der Küche.

Sogar seinen Ernährungsgewohnheiten und Freizeitaktivitäten kamen die Krone-Reporter auf die Spur:

Karadzic aß freitags kein Fleisch, ging jeden Sonntag in die Kirche, er las viel und erfand Frauengeschichten und Söhne, die er niemals hatte.

Konkurrent Österreich konnte diesen Coup der Krone natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Daher ließ man die "Teufelsreporter" ausschwärmen und verpasste der Geschichte ein paar Gesichter. Und siehe da - auch Österreich wurde fündig:

Verpixelung nachträglich eingefügt

Und je mehr angebliche Zeugen die Österreich-Truppe ausfindig machen konnte, desto verdutzter glotzten sie in die Kamera:

Verpixelung nachträglich eingefügt

Damit die geringsten Zweifel an der Geschichte beerdigt werden, fördern die Starjournalisten des Blattes auch noch das ultimative Beweisstück aus dem Ärmel:

Blöd nur, dass sich kurz danach der echte Petar Glumac zu Wort meldet und die Ente auffliegen lässt: Er war der Wunderheiler in Wien, den alle für Karadzic gehalten haben. Schlampig recherchiert? Wen kümmert's schon – Schnee von gestern. Und heute haben wir schon wieder die nächste Sensations-Story im Blatt:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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