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15.11.07

Die Digitalisierung des Radios

Das Fernsehen ist inzwischen flächendeckend digitalisiert, ob terrestrisch oder über Satellit. Beim Radio war man schon viel eher technisch bereit. Doch erst jetzt wird es ernst.



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DAB-Kofferradio im 70er-Jahre-Retrodesign (Bild: W.D.Roth)

Das Radio gilt immer als der kleine Bruder des Fernsehens, denn es bringt weniger Gebühren, obwohl die Benutzungszeit in Minuten am Tag höher ist. Im Gegensatz zum Fernsehen, bei dem die Programmvielfalt den Zuschauer über Satellit auch ohne Analog-Abschaltungen in die digitale Empfangswelt lockte, konnte man sich beim Radio bislang nicht über die optimale Digitalisierung einigen.

An der führt prinzipiell jedoch auch hier kein Weg vorbei: einerseits sind digitale Abstrahlungen kostengünstiger und mit höherer Übertragungsqualität realisierbar, andererseits ist es seitens der EU seit Jahren beschlossene Sache, dass die analogen Kanäle auch terrestrisch irgendwann abgeschaltet werden sollen. Allerdings sicher noch nicht im Jahr 2015, so wie ursprünglich geplant. Und die ARD will ja nun die Digitalisierung generell vorantreiben.

 

Das Problem bei der Radio-Digitalisierung ist die scheinbare Systemvielfalt: DAB (Digital Audio Broadcast) wurde schon Anfang der 90er-Jahre definiert und ist heute vom Kodierungsverfahren her veraltet: Es wird MPEG 1 Level 2 ("MP2") verwendet, das klassische MP3 ist bereits eine Fortentwicklung (MPEG 1 Level 3). Mehr Effizienz kann "DAB+" mit MPEG 4 AAC (Advanced Audio Coding) bringen, dem Verfahren, das auch Apple zum Komprimieren der Musik für den Ipod benutzt.

DAB ist immer noch die beste Lösung

Doch stattdessen wurde immer wieder vor allem im Norden Deutschlands DAB komplett in Frage gestellt und ausgebremst, DVB-T (Digital Video Broadcast terrestrisch) sollte an seiner Stelle auch den Ton ohne Bild liefern. Dieses System hat jedoch einige Nachteile:

  • Es wären mindestens 50 Sender notwendig, um gemeinsam einen DVB-T-Rundfunkkanal zu füllen. Selbst in Ballungsgebieten einigen sich aber nur mit Mühe ein halbes Dutzend Sender auf einen DAB-Kanal.
  • Der Strombedarf der Chips wäre so hoch, dass Taschenradios kaum realisierbar sind. Ein DVB-T-Radio-Prototyp von Technisat lief nur am Netz, nicht mit Batterien.
  • Der Empfang bei höheren Geschwindigkeiten in Auto oder Bahn ist problematisch: DVB-T ist nur auf 50 km/h ausgelegt; auch mit Diversity-Antennen sind 250 km/h nicht zu schaffen. Für Fernsehen ist dies ja auch nicht erforderlich - das würde bei so einem Tempo ohnehin niemand mehr wollen.
  • Es ist für DVB-T inzwischen keine flächendeckende Versorgung mehr vorgesehen; außerhalb der Großstädte, auf dem flachen Land, würde das Autoradio verstummen.

DRM (Digital Radio Mondiale) ist eine interessante Alternative für Kurz- und Mittelwelle. Die heutige UKW-Landschaft kann es allerdings nicht abbilden, soviel Kanäle geben die Lang-, Mittel- und Kurzwellen eben gerade wegen ihrer großen Reichweite nicht her. DVB-H-Radio ist wiederum ein technisch enorm aufwendiger Klimmzug, um mit Empfängertaktung das stromfressende DVB-T sparsamer zu machen. DVB-S wiederum ist als Radio für unterwegs ebenso wie andere Satellitenlösungen nur sehr bedingt geeignet.

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Kam über einen auf der IFA 2005 gezeigten Prototyp nie heraus: DVB-T-Radio (Bild: W.D.Roth)

DAB, das in Bayern seit 1995 auf Sendung ist - von DVB-T und auch DVB-S war damals noch nichts zu sehen - durfte dagegen über die ganzen Jahre immer wieder als Buhmann herhalten: Mal war es das drohende Ende des bayrischen "Zündfunks", mal wurden gar Fachjournalisten, die öfters über DAB schrieben und auch eine (mittlerweile mangels Masse eingestellte) DAB-Zeitschrift herausgaben, als "von der DAB-Lobby bezahlt" angeprangert. Und eine Gebührenveschwendung sei es sowieso, obwohl die überschaubare Senderzahl bislang gerade einmal mit 1 kW sendet, wo die UKW-Sender der ARD üblicherweise die 100fache Leistung abstrahlen.

Ungeachtet aller politischen Diskussionen und Ablehnungen über all die Jahre ist DAB jedoch immer noch das System, das für die Digitalisierung des klassischen terrrestrisch über Funk abgestrahlten Radios am geeignetsten ist. Das Sendernetz ist inzwischen praktisch flächendeckend. In den Anfangsjahren fehlte es lediglich an Geräten, die Tonqualität der ersten Empfänger war auch noch nicht auf dem von UKW gewohnten Niveau und die Sendeleistung ermöglichte infolge Einschränkungen durch das frequenzmäßig benachbarte Militär keinen vernünftigen Empfang innerhalb von Gebäuden.

Fast 200 Radioprogramme auf Antenne möglich

Dies wird nun anders, zumal die ARD das gesamte ehemalige VHF-Fernsehband III für DAB freigeben will, wenn sie dafür neue DVB-T-Frequenzen im UHF-Fernsehband bekommt. Grund für diese Großzügigkeit: es ist mittlerweile ausgesprochen unpraktisch, wenn der Fernsehzuschauer mit Außenantenne nur für die ARD-Sender eine zusätzliche Antenne braucht. Ab Anfang 2009 können die letzten der neuen VHF-Frequenzen für Radio genutzt werden.

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Prototyp eines DRM-Empfängers, der hier den Deutschlandfunk auf Mittelwelle digital empfängt (Bild: W.D.Roth).

Auf diese Art wäre ein landesweites Radionetz möglich, das unter anderem der Deutschlandfunk nutzen würde, sechs landesweite Netze mit ARD- und kommerziellen Radioprogrammen sowie zusätzlich noch eine Versorgung mit lokalen Sendern in den Ballungsgebieten. In heutiger DAB-Technik wäre dann in sieben ehemaligen TV-Kanälen bereits Platz für mindestens 49 Programme - deutlich mehr, als heute in akzeptabler Qualität mit normalen Antennen auf UKW zu empfangen sind.

Mit DAB+ stiege die übertragbare Programmanzahl schon bei sechs realisierten Programmpaketen auf 60 bis 180 Radioprogramme. So würden auch Spartenkanäle über Antenne möglich und die kommerziellen Sender hätten dieselbe Reichweite wie die öffentlich-rechtlichen zur Verfügung. Zudem würde der Energiebedarf deutlich sinken: Statt 100 kW heute auf UKW sind für gleiche Ergebnisse auf DAB gerade einmal 10 kW Sendeleistung notwendig.

Podcast: Hörspiel zum Mitnehmen

Im Gegensatz zum Fernsehen nicht völlig irrelevant ist auch das Live-Webradio: Da die Datenrate geringer ist und es mittlerweile einige fertige Geräte zu kaufen gibt, kann ein Liebhaber eines bestimmten nur über WWW erreichbaren Senders durchaus auf die Idee kommen, diesen dauerhaft auf diesem Weg zu hören. Öffentlich-rechtliche Sender sind allerdings selten dabei, zumal diese über das Internet oft Formate nutzen, die nur mit einem richtigen Computer abrufbar sind, nicht mit einem Webradio.

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Ein Podcast kann mit der kompletten Beschreibung der Sendung gelabelt werden (Bild: Rüdiger Malfeld, Westdeutscher Rundfunk Köln)

Auch die Archivfunktion ist fürs Radio nicht unbedeutend: Die Kinder können auf diese Art ihr Hörspiel dann hören, wenn ihnen langweilig ist, und müssen nicht auf einen fixen Sendezeitpunkt warten, zu dem sie dann gerade keine Lust haben, oder von ihrem Taschengeld Hörbücher kaufen. Der Download als Podcast macht zudem von Empfangsbedingungen unterwegs unabhängig. Allerdings erwartet der Hörer dann auch entsprechende ID-Labels, damit er die Podcasts auf seinem MP3-Spieler wiederfindet.

Auto ist Digital-Problemzone

Während DAB einst ausdrücklich für den mobilen Empfang im Auto entwickelt wurde, werden heutige Neuwagen sehr oft mit Radios ausgerüstet, die sich nicht wechseln lassen, weil gar kein normales Autoradio in den Schacht passt oder aber die halbe Bordelektronik davon abhängt - ein Austausch des Radios würde viele Funktionen lahm legen. Ausgerechnet Rüdiger Malfeld, Funkamateur und somit technisch durchaus begabt, gleichzeitig Leiter Zentrale Aufgaben Hörfunk

des Westdeutschen Rundfunks Köln, kann beispielsweise in seinem Auto kein DAB hören - der Austausch des eingebauten Autoradios ist nicht möglich. Erst im Luxuswagenbereich von 40.000 ? aufwärts sind bislang gegen Aufpreis DAB-Radios ab Werk lieferbar.

Bei Kleinwagen ohne überladene Bordelektronik ist teilweise noch der Selbsteinbau möglich, der aber die meisten Werkstätten überfordern dürfte, da neben dem Auswechseln des Radios auch eine neue Antenne mit zwei Zuleitungen (DAB und bisherige Programme) notwendig wird. Diese Situation erfordert alleine schon, die analoge Ausstrahlung mindestens bis ins Jahr 2020 fortzuführen, wenn heutige Neuwagen so langsam zu Altwagen werden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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