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14.07.10

Die deutsche Datenschutzdebatte: Überzeugung oder Reflex?

Nichts scheint den Deutschen wichtiger zu sein als der Schutz ihrer Daten. Sagen sie. Mit monetären Vorteilen ändern sich die Vorzeichen aber plötzlich, wie eine aktuelle Studie zeigt.

 

Es gibt kaum ein Thema, das im Jahre 2010 die digitale Gesellschaft in Deutschland mehr bewegt als der Schutz der persönlichen Daten. Egal ob es um die Macht von Google geht, den zunehmenden Einfluss von Facebook, den Verlust der Anonymität im Internet oder die Konsequenzen ortsbezogener mobiler Netzwerke - immer wieder kommt es zur Kollision zweier grundsätzlich verschiedener Haltungsweisen:

Auf der einen Seite stehen diejenigen, die im Aufstieg einiger weniger digitaler Megafirmen und in der zunehmenden Bereitschaft vieler vor allem junger Menschen, im Internet persönliche Informationen zu publizieren, eine allgemeine Bedrohung sehen. In der Öffentlichkeit wird diese Gruppe unter anderem von einschlägigen Politikern sowie Daten- und Verbraucherschützern vertreten.

Auf der anderen Seite stehen Personen, die sich für eine liberalere, unternehmerfreundlichere Einstellung zum Datenschutz einsetzen und dabei mitunter neidisch auf die USA schielen, deren weniger restriktive Datenschutzgesetze möglicherweise einen Teil zum Erfolg von Facebook, Google, Apple und Microsoft beigetragen haben.

Ein Forscherteam um die VWL-Professorin Dorothea Kübler wollte nun wissen, wie Verbraucher selbst zu der Thematik stehen und ob sich die von ihnen gemachten Aussagen zur Bedeutung von Datenschutz mit ihren tatsächlichen Handlungen decken. Die Forscher ließen 225 Berliner Studenten bei zwei Internet-Versandhäusern DVDs bestellen. Das Warenangebot beider Shops war identisch und auch das Design vergleichbar, allerdings fragte eines der zwei Angebote bei der Bestellung auch das Geburtsdatum und das jährliche Einkommen der Käufer ab. Dafür waren alle DVDs einen Euro günstiger.

Das Ergebnis: 74 Studenten tätigten einen Kauf (der von den Forschern mit sechs Euro für das Erscheinen und sieben Euro für eine Bestellung subventioniert wurde). In dem Szenario (DIF), in dem es für die die zusätzlichen Daten einen Ein-Euro-Rabatt gab, entschieden sich 39 von 42 Käufern für dieses günstigere Angebot.

In einem anderen Szenario (EQ) entfiel der Rabatt, dennoch gelang es dem Shop mit weniger Datenhunger nicht, signifikant mehr Besteller zu finden.

Von den 151 Studenten, die keine DVD bestellten, nannten lediglich 9 Prozent Datenschutzgründe, wogegen der Großteil das Angebot oder den Preis als Grund für die Nicht-Bestellung angab.

Im anschließenden Gespräch mit den Probanden zeigte sich allerdings, dass 95 Prozent der teilnehmenden Studenten laut eigener Aussage ein Interesse am Schutz ihrer persönlichen Daten haben, 75 Prozent sogar ein sehr großes. Das PDF mit der Auswertung gibt es hier.

Bevor man irgendwelche Schlüsse aus dieser Untersuchung zieht, muss man auf die relativ geringe Anzahl an Studienteilnehmern sowie auf die geografische Begrenzung auf den Berliner Raum hinweisen. Eine Repräsentativität dieser Umfrage ist also in keiner Weise gegeben, allein schon deshalb nicht, weil die deutsche Gesellschaft nicht nur aus Studenten besteht.

Dennoch dient das Experiment als Indikator für die Komplexität der deutschen Datenschutzdebatte - oder als Beleg für das deutsche Privatsphären-Paradox, wie US-Journalist und bekennender Transparenz-Befürworter Jeff Jarvis es bezeichnet.

Während in Deutschland Datenschutz als heilige Kuh und qualitatives Alleinstellungsmerkmal angesehen und entsprechend eifrig von der Politik instrumentalisiert wird, scheint es zumindest eine gewisse Bereitschaft bei Konsumenten zu geben, ihre Ideale in Bezug auf den Datenschutz aufzugeben, wenn sie dafür (monetäre) Vorteile erhalten - ein Phänomen, dass sich seit langem bei Kundenkarten beobachten lässt.

Das wiederum wirft die Frage auf, inwieweit der Ruf nach Datenschutz bei Verbrauchern überhaupt ein echtes, hinreichend reflektiertes Ideal darstellt und mehr ist als nur ein anerzogener Reflex, der ausgeschaltet wird, sobald sich ein paar Euros sparen lassen.

Weitere wissenschaftliche Untersuchungen in diesem Sektor sind willkommen.

(Foto: stock.xchng)

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