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06.07.12

Die "Big Four" des Internets: Begegnung auf Augenhöhe

Wenn Amazon demnächst ein eigenes Smartphone auf den Markt bringt, erreicht die Transformation der vier führenden Internetkonzerne einen kritischen Punkt. Der Onlinehändler, Google, Microsoft und Apple stehen sich dann so nah gegenüber wie nie zuvor.

Noch vor einigen Jahren waren die Kerngeschäfte der führenden IT- und Internetfirmen klar abgesteckt und deutlich voneinander abgegrenzt: Google wurde vorrangig mit seiner Suchmaschine assoziiert, Amazon verkaufte Produkte über das Internet, Microsoft verdiente sein Geld mit Windows, Office, der Xbox und Enterprise-Lösungen, und von Apple kamen formschöne Computer sowie der iPod. Doch die stetig zunehmende Bedeutung von Informationstechnologie sowie der Drang nach permanentem Wachstum sorgten dafür, dass alle vier Firmen ihr Territorium auszuweiten begannen und neue Märkte betraten. Immer häufiger kam es dabei zu Überschneidungen der jeweiligen Angebote. Betroffen war jedoch selten das Kerngeschäft, weswegen sich die Konkurrenzkämpfe bisher auf kleinere Scharmützel beschränkten. Doch indem die "Big Four" der Webwelt sich alle zu Hardware-Anbietern im Zukunftsmarkt "Mobile" wandeln, beenden sie die Ära der relativ ungestörten Koexistenz für immer.

Apple hat das iPhone und iPad. Google verteilt nicht nur sein Android-Betriebssystem an Smartphone- und Tablet-Hersteller, sondern verkauft mit dem Galaxy Nexus auch ein Smartphone unter eigner Marke. Das kommende Nexus 7-Tablet manifestiert Googles neuen Hardware-Fokus, der nicht zuletzt auch durch die Übernahme von Motorola Mobility unterstrichen wurde. Auch Microsoft steht kurz vor der Veröffentlichung eines eigenen Tablets, dem Surface. Noch fehlt im Portfolio der Redmonder ein hauseigenes Smartphone, aber die enge Zusammenarbeit mit Nokia geht durchaus in diese Richtung. Gerüchten zufolge soll der Softwareriese auch an BlackBerry-Hersteller Research In Motion interessiert sein. Und natürlich bietet es mit Windows Phone ein eigenes mobiles Betriebssystem an, das Hersteller lizensieren können - auch wenn sich der Marktanteil des OS bisher noch in Grenzen hält.

Amazon zieht nach

Bis zum Herbst 2011 war Amazon der einzige Vertreter der Big Four, der abgesehen von seinen E-Book-Lesegeräten keine eigene Hardware vorzuweisen hatte. Dann jedoch lancierte der Onlinehändler sein preiswertes Android-Tablet Kindle Fire - das sich schnell als großer Erfolg erwies und ein Anlass für Google gewesen sein dürfte, ebenfalls ein preiswertes 7-Zoll-Tablet zu entwickeln. Denn Amazon strengt sich an, die Präsenz von Android auf seinem Tablet-Neuling möglichst nicht zu sehr in den Vordergrund zu rücken - anstelle von Google Play ist sogar ein eigener App Market integriert.

Mit dem Kindle Fire, das derzeit in Europa noch nicht erhält ist, verdeutlichte Amazon seine Ambition, sein eigenes um das Onlinekaufhaus aufgebautes Ökosystem nicht gegen die Konkurrenz in Rückstand geraten zu lassen. Dass es da bei einem Tablet-PC nicht bleiben würde, war abzusehen: Gerüchte zu einem Amazon-Smartphone sind schon länger im Umlauf, und Bloomberg will nun weitere Details erfahren haben. Unter anderem wird berichtet, dass Apple-Zulieferer Foxconn die Herstellung übernimmt.

Die Big Four begegnen sich auf Augenhöhe

Inwieweit sich dieses Detail sich als korrekt erweisen wird oder nicht, sei dahingestellt. Entscheidend ist, dass Amazon in einigen Monaten auch ein Kindle-Smartphone anbieten wird. Daran besteht sehr wenig Zweifel. Und damit wäre die Transformation von Google, Microsoft, Apple und Amazon von auf einige Anwendungsszenarien spezialisierten Firmen zu auf die gesamte Palette an digitalen Dienstleistungen abdeckenden Allroundern vorläufig abgeschlossen. Alle vier Konzerne würden eigene Smartphones und Tablets anbieten (sofern wir Nokia als Microsofts inoffizielle Smartphone-Sparte ansehen) und hätten dabei gemein, dass nicht (nur) die Erlöse aus dem Verkauf der Geräte im Vordergrund stehen, sondern auch die künftigen Umsätze, die über sie mit dem Vertrieb von Apps, Medieninhalten, physischen Produkten sowie mit Werbung erwirtschaftet werden.

Die Big Four standen sich noch nie derartig von Angesicht zu Angesicht gegenüber wie jetzt. Vier konkurrierende Firmen und vier Ökosysteme aus Software und Hardware, welche das digitale Leben von Menschen auf der ganzen Welten auf Jahre hin prägen werden. Wer sich darüber nicht freuen kann? Unter anderem deutsche Medienfirmen und Facebook. Offensichtlicher als heute war noch nie, dass es das soziale Netzwerk ohne eigene Hardware schwer haben könnte. Vielleicht werden aus den Big Four ja demnächst die Big Five.

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