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26.07.12

Die bessere Alternative zum plakativen Offlinesein: Bewusster Surfen

Die These der Notwendigkeit gelegentlicher Offlinephasen hält sich hartnäckig. Eine bessere Alternative ist, sich bewusster im Netz aufzuhalten und eingefahrene Nutzungsmuster zu hinterfragen.

Das bewusste Abschalten vom digitalen Informationsstrom ist ein von vielen Onlinemedien gerne und regelmäßig propagiertes Unterfangen - ein Evergreen des Internetzeitalters, der mit dem verbreiteten Einsatz von Smartphones noch an vermeintlicher Relevanz gewinnt. Das Offlinesein als einzig verbliebene Möglichkeit zur Entspannung, so liest man es oft. Auch manch ein Webworker freut sich in der ruhigen Sommerzeit darüber, für eine Weile dem Netz nicht so nahe zu sein - zum Unverständnis anderer - und meine Kollegin Corinne Dubacher beschreibt bei unserem Schwesterblog imgriff.com ihre Erlebnisse mit einer eintägigen Social-Media-Pause.

Unterschiedliche Persönlichkeiten, Präferenzen und Idealvorstellungen zum perfekten Relaxen sorgen dafür, dass alle Menschen den für sie individuell am meisten geeigneten Weg finden müssen, um ihre Batterien aufzuladen. Manche können dies am besten mit abgeschaltetem Mobiltelefon in der Natur, für andere hingegen heißt Freizeit, mit dem iPad und einem Drink auf der Terrasse zu sitzen und dabei dem Sonnenuntergang zuzuschauen. Das Offlinesein als ultimative Lösung für die Allgemeinheit anzupreisen, ist daher in meinen Augen genauso falsch wie grundsätzlich auf Personen herabzublicken, die den Drang einer digitalen Auszeit verspüren. Letzterer Gruppe sollte jedoch bewusst sein, dass es sich zu lernen lohnt, auch ohne tage- oder wochenlange, vollständige und plakative Abnabelung vom Netz Ruhe und inneren Frieden zu finden. Genauso wie heutzutage niemand mehr auf die Idee käme, in einer wohlverdienten Pause den Strom abschalten zu müssen.

Erkennt ihr euch wieder?

Doch wie lernt man, sich Auszeiten zu gönnen, ohne dafür extra den Computer, das Smartphone sowie das Tablet zum Schweigen zu bringen und sich in ein Funkloch begeben zu müssen? Mein Vorschlag: Indem man digitale Routinen und zu Reflexen gewordene Verhaltensmuster im Onlinealltag bewusst wahrnimmt. Welche Routinen gemeint sind, beschreibt ein Zitat aus diesem englischsprachigen Blogbeitrag des Musiksoftware-Beraters Jason Timothy auf sehr schöne Weise:

"Wie oft täglich durchlauft ihr den Zyklus, eure E-Mails abzurufen, euren Twitter-Feed auf neue Retweets sowie interessante Tweets der gefolgten Nutzer zu überprüfen, bei Facebook und Google+ nach neuen Benachrichtigungen oder Mails zu gucken und danach bei Flickr und Pinterest vorbeizuschauen, nur um sicherzugehen, nichts verpasst zu haben? Und was macht ihr, wenn dieser Zyklus abgeschlossen ist? Ihr werft einen erneuten Blick in euer E-Mail-Postfach - es könnten ja noch Mails eingetroffen sein. Damit beginnt der Spaß von vorn".

Erkennt ihr euch wieder? Auf mich trifft dieses Verhaltensmuster in Teilen definitiv zu, wenn ich auch zwischen den einzelnen Zyklen versuche, andere Aufgaben zu erledigen. Doch grundsätzlich existiert ein permanenter, latent im Hinterkopf sitzender Drang, in regelmäßigen Abständen sämtliche Social-Media-Konten im Auge zu behalten. Nun könnte ich zu meiner Verteidigung behaupten, es ginge in meinem Fall auch darum, dringende, für eine Berichterstattung relevante Nachrichten nicht zu verpassen. Das ist sicherlich ein valides Argument, gilt jedoch nicht, wenn ich zehn Minuten nach einem Tweet oder Status Update unbedingt nachschauen muss, wie viel Retweets oder "Gefällt mir"-Klicks ich erhalten habe, und auch dann nicht, wenn ich automatisch, ohne nachzudenken, alle 30 Minuten meinen Facebook-Newsfeed öffne, nur um mitzubekommen, was zumeist entfernte Bekannte von mir gerade treiben.

Ich bin die letzte Person, die pauschale Empfehlungen ausspricht, wie dass man nur einige wenige, vorab zeitlich begrenzte Male am Tag in seine Mails hereinschauen, die bevorzugten Social Networks besuchen und die abonnierten RSS-Feeds abrufen sollte. Das mag für manche eine praktikable Lösung sein, setzt mich jedoch mehr unter Druck, als wenn ich mir so viel Zeit für die Online-Interaktion einräume, wie ich benötige. Zumal diese ja häufig auch viel Spaß macht.

Eigene Routinen und Verhaltensmuster bewusst wahrnehmen

Was ich jedoch in den vergangenen Tagen ausprobiert und unmittelbar genossen habe, ist eine stärkeres Bewusstsein über meine Aktivitäten im sozialen Netz. Sich selbst dabei zu beobachten, wie man reflexartig bestimmte Dienste und Apps immer und immer wieder aufruft, ohne noch darüber nachzudenken und ohne einen unmittelbaren Nutzen daraus zu ziehen, fasziniert und irritiert gleichermaßen. Eigentlich nicht überraschend und trotzdem erleuchtend ist außerdem die Erkenntnis darüber, was passiert, wenn man einen gedanklich bereits verfassten Tweet oder ein geplantes Status Update im letzten Augenblick doch nicht veröffentlicht: nichts natürlich. Zwei Sekunden später ist der jeweilige Gedanke schon wieder vergessen. Sollte er partout nicht verschwinden und das Mitteilungsbedürfnis an einem nagen, spricht nichts dagegen, dem Gefühl nachzugeben. Doch dies geschieht zumindest in meinem laufenden, noch sehr jungen Experiment nur selten.

Innere Zufriedenheit statt Bestätigung von außen

Jason Timothy, der Autor des oben verlinkten Blogbeitrags, gibt einen interessanten Ratschlag zur Verhaltensweise bei sozialen Diensten: "Die Belohnung sollte nicht Bestätigung von anderen sein, sondern das gute Gefühl, etwas abgeschlossen zu haben, womit man selbst zufrieden ist". Nach dieser Prämisse wäre jeder Tweet, jedes bei Google+ veröffentlichte Update, jedes bei Instagram hochgeladene Foto, jeder bei Facebook gepostete Link und jeder Blogbeitrag nur dann tatsächlich für eine Veröffentlichtung zu empfehlen, wenn die Motivation des Urhebers nicht darin liegt, von anderen Menschen bestätigt zu werden (Lesetipp dazu: The rise of narcissism).

Mein Ziel mit diesem Beitrag ist nicht, Leser dazu zu animieren, unbedingt nach derartigen Regeln zu verfahren und mit aller Härte gegen des eigene, jeden Social-Media-Anhänger antreibende Mitteilungsbedürfnis anzukämpfen. Mein Vorschlag liegt darin, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie das eigene Onlineverhalten im Social Web aussieht, welche repetitiven Prozesse die eigene Nutzung kennzeichnen, welche Motive das Handeln steuern und welche Erwartungshaltungen man an den Content knüpft, den man über die zahlreichen Kanäle veröffentlicht.

Ich glaube, im besseren Verständnis derartiger Aspekte liegt der Schlüssel zur Fähigkeit, auch im Always-On-Zeitalter ausspannen zu können, ohne von dem unangenehmen und mit Ausnahme von beruflichen Verpflichtungen völlig überflüssigen Zwang gesteuert zu werden, permanent Twitter, Facebook & Co einen Besuch abstatten zu müssen.

Was würde wohl passieren, wenn ihr das nächste Status Update, den nächsten Tweet oder das nächste Foto NICHT veröffentlicht?

(Foto: Flickr/alubavin, CC BY 2.0)

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