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27.08.10

diaspora: Die Lust auf was Neues

Als vier IT-Studenten aus New York im Mai ihren Plan eines dezentralen Social Networks als Gegengewicht zu Facebook präsentierten, war die Euphorie groß. Am 15. September soll die Software als Open Source veröffentlicht werden.

 

Als Anfang Mai der Plan von vier jungen New Yorker IT-Studenten bekannt wurde, eine dezentrale Facebook-Alternative zu entwickeln, hatten sie sich den bestmöglichen Zeitpunkt ausgewählt: Facebook selbst befand sich gerade im Kreuzfeuer der Kritik, nachdem es sich mit dem Launch seines Open-Graph-Protokolls wieder einmal grobe Schnitzer im Umgang mit der Privatsphäre seiner Nutzer erlaubt hatte.

Entsprechend lautstark war die Kritik speziell in der Blogosphäre, und eine Reihe von Blogger-Schwergewichten (im übertragenen Sinne!) und Vorbild-Geeks sinnierte lautstark über einen Abschied von Facebook. Doch das eigene Facebook-Konto zu schließen, ohne auf eine ernstzunehmende Alternative ausweichen zu können, ist ein radikaler Schritt, den nur wenige wagen. Und eine solche Alternative gibt es bisher nicht.

Das auf den Namen "diaspora" getaufte Vorhaben der vier New Yorker, über die Semesterferien das Grundgerüst für ein besseres Facebook aufzubauen, welches noch dazu ohne zentralen Server auskommen und als Open Source veröffentlicht werden soll, kam da mehr als gelegen.

10.000 Dollar an Spendengeldern wollten die ambitionierten Entwickler einsammeln. Am Ende wurden es bemerkenswerte 200.000 Dollar von fast 6500 Unterstützern. Ein beeindruckes Ergebnis, welches mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erreicht worden wäre, hätte das diaspora-Team den Spendenaufruf zu einem anderen Zeitpunkt gestartet. Gutes Timing ist alles!

In die Begeisterung über das Vorhaben mischten sich aber auch kritische Stimmen. Immerhin gab es von diaspora nicht mehr als einen Blogeintrag, ein Video und eine Website. Zudem kommt der Bau eines dezentralen Netzwerks, das also jeder selbst hosten (lassen) muss, aus dem Gesichtspunkt der Benutzerfreundlichkeit einer Quadratur des Kreises gleich.

Ein simple, auch für weniger versierte Nutzer verständliche Oberfläche jedoch ist Voraussetzung, um überhaupt theoretisch in irgendeiner Form Facebook Paroli bieten zu können. Und selbst wenn dieses Ding der Unmöglichkeit doch klappen sollte, dann liegt die nächste Herausforderung darin, die unheimlich starken Lock-In-Effekte von Facebook zu durchbrechen. Wer will schon zu einem neuen Social Network wechseln, wenn von den 200 Facebook-Freunden nur zwei bei diaspora sind?!

Die Chancen, dass diaspora wirklich eine kritische Masse erreichen wird, sind verschwindend gering. Was aber nicht heißt, dass man es nicht versuchen soll. Und wie es scheint, sind die diaspora-Macher nach wie vor mit vollem Eifer bei der Sache. In einem Blogeintrag kündigten sie gestern die Veröffentlichung des Quellcodes für den 15. September an.

Ab dann werden Nutzer in der Lage sein, diaspora auf einem Server zu installieren und sich mit anderen Peers zu verbinden, um in einem sicheren Umfeld und ohne zwischengeschalteten Mittler kommunizieren und sich vernetzen zu können.

Wie das konkret ablaufen wird und über welche Anbieter man diaspora hosten können wird (nicht jeder besitzt ein Webhostingpaket oder einen Dedicated Server), ist bisher unklar. Ungelöste Fragen gibt es also viele. In wenigen Wochen werden wir hoffentlich die Antworten bekommen.

Persönlich freue ich mich sehr auf den Launch von diaspora. Sicher, Versuche, dezentrale Social Networks auf die Beine zu stellen, gab es schon viele. Aber allein die Existenz des Codes reicht nicht aus. Aufmerksamkeit oder noch besser ein völlig übertriebener Hype sind für einen geglückten Start im Social-Networking-Bereich heutzutage Voraussetzung, gerade wenn es gegen ein Netzwerk mit über 500 Millionen Mitgliedern geht.

Ich werde diaspora definitv ausprobieren und versuchen, eine kleine, aber feine Schar an Kontakten um mich zu versammeln. An meinem Verhältnis zu Facebook ändert das vorerst nichts. Solange keine Netzwerkeffekte entstehen, wird diaspora nicht über den Status eines Nischenangebots für einen kleinen Kreis bewusster, technisch interessierter Nutzer hinauskommen.

Aber für den Anfang ist selbst das ein erstrebenswertes Ziel. Was danach kommt, liegt dann ganz in den Händen und der Überzeugungskraft der diaspora-Nutzer. Auch hängt es natürlich davon ab, inwieweit die Idee eines dezentralen Social Networks in der Praxis überhaupt funktioniert.

Übrigens wäre ich nicht überrascht, wenn Google versuchen würde, die Entwicklung von diaspora positiv zu beeinflussen. Dort dürfte man mittlerweile zu allem bereit sein, was Facebook daran hindert, weiter rasant zu wachsen.

Ich habe Lust auf was Neues! Wer noch?

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