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04.03.08

Developers, Developers, Developers, Developers: Ist Facebook das Microsoft der Web-2.0-Welt?

Man kann sich über das leicht hysterische "Developers, Developers, Developers, Developers" von Microsoft-CEO Steve Ballmer lustig machen, so oft man will -- er drückte damit in vier Wörtern das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Softwareriesen aus. Facebook ist vermutlich die einzige Web-2.0-Firma, die die Lektion daraus wirklich gelernt hat und gezielt den gleichen Weg wie Microsoft verfolgt, mit allen positiven und (wie ich meine) negativen Folgen, die das für die Web-Community haben könnte.

Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Den Titel meine ich nicht so, dass ich Facebook den gleichen finanziellen Erfolg wie Microsoft zutraue. Und ich habe auch nichts gegen Microsoft (ausser dass ich denke, dass die Firma derzeit nicht gerade ihre stärkste Phase durchlebt). Ich verdanke vieles in meiner bisherigen Karriere einer zeitweiligen Zusammenarbeit mit Microsoft, und ich glaube weiterhin, dass die Firma viele starke Produkte hat. Nein, nicht Vista. Aber ein paar andere.

Microsoft wird oft verdächtigt, durch dunkle Machenschaften und pures Glück zu seiner heutigen übermächtigen Marktstellung gelangt zu sein. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Der wichtigste Faktor für Microsofts Erfolg war und ist der gezielte Aufbau eines Ökosystems rund um Microsofts Windows-Plattform. Keine andere Firma in der IT-Branche macht besseres Partnermanagement als Microsoft, und keine lockt Entwickler so gezielt auf ihre Plattform.

Das bezieht sich nicht nur auf Microsofts Development-Tools, die klar zum Besten gehören, was es überhaupt gibt. Es geht vor allem um all die anderen Leistungen, die eine Softwarefirma kriegt, wenn sie für Microsoft Windows oder Microsofts andere Subplattformen Programme entwickelt oder Dienstleistungen anbietet: Gutes Marketingmaterial, Unterstützung im Verkaufsprozess bis hin zu fertigen Sales-Leads, umfassende technische Informationen, Teilnahmemöglichkeiten an Events und Messen, usw. Für Entwickler ist es sehr angenehm und (im Vergleich mit anderen Firmen) sehr problemlos, mit Microsoft zusammenzuarbeiten. Schon früh in seiner Geschichte gab sich Microsoft alle Mühe, es für Entwickler so einfach wie möglich zu machen, Software für DOS und später Windows zu schreiben. Apple dagegen verlangte viel Geld für seine SDKs, war in vielen Dingen sehr restriktiv und knauserte mit Information -- der Rest ist Geschichte.

Die massive Schattenseite von Microsofts Verhalten: Gelegentlich mal beschliesst die Firma, in einem bestimmten Produktsegment eine eigene Lösung auf den Markt zu bringen und walzt damit oft alle kleinen Wettbewerber platt, die sich bisher in diesem Segment tummelten. Office-Pakete? Gekillt von Microsoft Office. E-Mail-Software? Exchange hat gewonnen. Webbrowser? IE dominiert den Markt immer noch nach Belieben. Die neusten Verdrängungskandidaten sind Kollaborationssoftware (unter Druck von Sharepoint) und Security-Tools.

Was hinzu kommt: Weil die Entwickler durch die vielen Vorteile des Ökosystems immer abhängiger werden von Windows, werden auch deren eigene Kunden abhängiger von Microsoft. Wenn meine Buchhaltung mal auf einer bestimmten Software läuft, die es nur für Windows gibt, werde ich nicht auf Mac oder Linux umsteigen. Und Microsoft kann diese Abhängigkeit in Ruhe nutzen, um relativ hohe Preise durchzusetzen und ergänzende Produkte zu verkaufen. Nochmals: Das ist nicht an und für sich böse und heimtückisch, sondern nur das gezielte Ausnutzen einer raffinierten Strategie. Gut für Microsoft, weniger gut für die Kunden.

Das langfristige Problem für die Softwareentwickler ist, dass sie nicht nur unter dem Damoklesschwert von Microsofts Markteintritt in ihre Marktnische sitzen, sondern auch noch immer grösserer Konkurrenz ausgesetzt sind, weil andere eben auch die Vorteile von Microsofts Ökosystem sehen. Darum bleiben Softwarefirmen, die stark auf Microsofts Plattform fokussieren, tendenziell klein. Konkret: Von den 20 umsatzstärksten Softwarefirmen der Welt sind nur gerade zwei klar auf Microsoft-Plattformen fokussiert: Intuit mit seinen Buchhaltungsprogrammen sowie Symantec, das sich aber eher von den Schwächen der Plattform ernährt. Die anderen Firmen sind entweder klar multiplattformorientiert (SAP, Adobe, Autodesk, etc.) oder stehen sogar Microsoft ausgesprochen feindlich gegenüber (Oracle). PC-fokussierte Hersteller wie Corel sind hingegen schon lange vom Radarschirm verschwunden und fristen ein Schattendasein.

Aber was hat das alles mit Facebook zu tun? Ganz einfach: Facebook hat derzeit die führende Plattform für Social-Networking-Applikationen, eingeführt im letzten April, seither sehr erfolgreich, heute schon mit ca 17'000 Applikationen aller Art bestückt. Es werden allerlei Phantasiezahlen darüber herumgereicht, wie viele hundert Millionen die führenden Hersteller solcher Applikationen inzwischen wert sein könnten.

Wie Microsoft macht es Facebook den Entwicklern leicht: Das API ist ziemlich einfach, es gibt schönen Beispielcode und eine gute Dokumentation, und vor allem hilft Facebook bei der Vermarktung. Der immer lästigere Application-Spam auf Facebook ist nichts anderes als der bewusste Versuch, die Applikationsentwickler glücklich zu halten, indem man ihnen möglichst viele User zuführt.

Mit anderen Worten: Wer gern mit wenig Aufwand und doch einer grossen Erfolgschance webbasierte Anwendungen auf den Markt bringen will, wird kaum eine bessere Variante als Facebooks Plattform finden. Es gibt reichlich Erfolgsstories von Applikationen, die nur nach wenigen Tagen schon Millionen von Usern erreicht hatten und auch schon nennenswerte Umsätze mit Werbung erzielen konnten. Toll, oder? Während die Konkurrenz um Google noch die Segnungen von "Offenheit" beschwört und seit Monaten an ihrer OpenSocial-Vaporware herumbastelt, macht Facebook seine Entwickler schon heute erfolgreich. Klingt irgendwie genau wie ... Microsoft.

Was als nächstes passieren könnte, kann man sich vorstellen: Die Entwickler werden zunehmend abhängiger von Facebook und sind darum Änderungen in Marketingpolitik, Pricing und technischen Eigenschaften der Plattform komplett ausgesetzt. Eigentlich unglaublich, aber eine ganze Generation von Webstartups (zumindest in den USA) begibt sich in zunehmende Abhängigkeit zu dieser Plattform und lernt darum nicht, auf eigenen Füssen zu stehen und ihre eigene Userbasis aufzubauen. Facebook währenddessen ist durch nichts daran gehindert, nach Belieben die erfolgreichsten Applikationen nachzubauen und die kleinen Konkurrenten zu verdrängen. Wie das geht, hat man schon etwas weniger raffiniert im Beispiel von Myspace gesehen, das systematisch einige Widget-Hersteller aussperrte, um seine eigenen Video- und Fotoplayer durchzusetzen. Das ist nicht vollends gelungen, aber Myspace hatte auch keine vergleichbare technische Plattform als Hebel.

Und die Nutzer? Werden die nicht protestieren gegen unfaire Behandlung ihrer Lieblings-Applikationshersteller? Klar. Ein bisschen. Aber nicht lange, wenn es eine gute Alternative vom Plattformbesitzer gibt. Viele Leute fanden WordPerfect noch jahrelang besser als Word, aber Microsofts systematische Verbesserungen (neben ein paar weniger feinen Methoden) überzeugten bald auch noch die letzten Protestler. Dito bei Webbrowsern.

Etwas böse formuliert: Facebook lässt all die kleinen Developer seine eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeit für neue Features machen. Gratis Markttests sozusagen, komplettes Outsourcing aller Aufwände. Was will man mehr als Plattformbetreiber?

Den Entwicklern solcher Applikationen kann man nur raten, nicht alles auf die Karte Facebook zu setzen, auch wenn es bequem ist. Alternativen gibt es nur leider noch kaum. Es kann sein, dass OpenSocial tatsächlich Abhilfe bringen wird, aber erfahrungsgemäss sind solche Offenheits-Konsortien deutlich langsamer und schwerfälliger als eine einzelne Firma mit einer klaren Strategie. Ausserdem fehlen bei OpenSocial bisher einige Features, die Facebook attraktiv machen -- beispielsweise die lästigen, aber wirkungsvollen Applikationseinladungen -- und generell wird es wohl schwieriger sein, ein konsistentes Benutzererlebnis hinzukriegen. Ganz klar: der Vorteil bei Einfachheit und Marketingkraft bleibt vorerst wohl bei Facebook.

Anders gesagt: Wenn die Facebook-Plattform das Microsoft Windows für Social Networks ist, dann ist OpenSocial wohl Linux. Bleibt im Interesse der Social-Networking Szene zu hoffen, dass das Endresultat hier etwas anders herauskommen wird als beim Kampf um den PC-Desktop.

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