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04.06.12

Deutschlands träge Digitalwirtschaft: Das Problem steckt in den Köpfen

Angela Merkel trifft sich heute mit acht Entrepreneuren, um über die Schwierigkeiten der deutschen Webwirtschaft zu sprechen. Das ist ein guter Anfang. Doch das Grundproblem wird sich so nicht lösen lassen: Es steckt in den Köpfen der Menschen in diesem Land.

Illustration: Jörn Schreiber, joern-schreiber.deAm heutigen Montag trifft sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit acht hiesigen Entrepreneuren zum sogenannten "Internet-Gipfel", um in einem vertraulichen Rahmen die Probleme der deutschen Webbranche zu diskutieren und Lösungsansätze zu skizzieren, mit denen Deutschland seine bisher international gesehen mäßige Position im IT- und Digital-Sektor stärken kann. Die zu dem Treffen geladenen Unternehmer, darunter Lars Hinrichs, Marco Börries, Christophe Maire und Frank Thelen, haben insgesamt 97 Firmen mit zusammen rund 10.000 Mitarbeitern gegründet und mehr als 300 Startup-Investments getätigt.

Auch wenn man an eine derartige Zusammenkunft keine zu hohen Erwartungen haben sollte, so ist sie ein Schritt in die richtige Richtung. Indem sich Merkel einige Stunden Zeit für die Sorgen und Wünsche von Schlüsselpersonen einer der wichtigsten Branchen der nächsten Jahre und Jahrzehnte nimmt, befördert sie die Thematik des chronischen globalen Misserfolgs der deutschen Digitalwirtschaft ins mediale und öffentliche Rampenlicht - genau dort gehört sie hin.

Wie man den Sektor stärken und international wettbewerbsfähig machen kann, dazu gibt es so viele unterschiedliche Vorschläge und Meinungen wie Beobachter und Akteure der Internetwirtschaft. Eine schöne, vielseitige Sammlung entsteht gerade in diesem Thread bei Google+, in dem Lars Hinrichs um Vorschläge bittet, wie sich die Voraussetzungen der deutschen Onlinebranche für nachhaltigen Erfolg verbessern lassen. Liest man die Vielzahl an Kommentaren, wird schnell klar, dass eine ganze Zahl von Hemmnissen für Startups und reifende Webfirmen zu existieren scheinen - von bürokratischen und datenschutzrechtlichen Hürden über eine fehlende gesellschaftliche Akzeptanz für gescheiterte unternehmerische Projekte und einer tief verankerten Skepsis bezüglich partizipativer Netztechnologien bis hin zu einer Angst vor Risiken und der Tradition misslungener IT-Unterfangen.

DIE eine Lösung kann es damit augenscheinlich nicht geben. Besonders, weil ein Großteil der Problematik sich meines Erachtens nach in unseren Köpfen abspielt. Regulatorische, juristische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen haben mit Sicherheit Auswirkungen auf die Entwicklung des digitalen Ökosystems. Doch zuvor muss erst einmal die allgemeine Erkenntnis vorhanden sein, dass es erstrebenswert ist, möglichst viel Energie und Ressourcen in die Gründung von Internet- und Technologiefirmen zu investieren. Dass viele Menschen davon profitieren, wenn junge Studienabgänger sich nicht in die Sicherheit einer Anstellung bei einem Großkonzern begeben, sondern mit einer Idee und Tatendrang die Welt, einen Wirtschaftszweig oder einen Aspekt des Alltags verändern oder verbessern wollen. Dass man diesen Menschen auch gönnen sollte, wenn sie Aufmerksamkeit und Kapital erhalten und eines Tages vielleicht zu Millionären werden - selbst wenn man persönlich nicht viel von dem jeweiligen Konzept hält. Dass man Gründern, deren Rechnung nicht aufgegangen ist, nicht mit einem hämischen "Siehste, wusste ich's doch" begegnet sondern sie ermuntert, ihr neu gewonnenes Wissen zu nutzen, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Dass eine gewisse Naivität in Bezug auf die Durchführbarkeit von Ideen und Visionen durchaus ihre guten Seiten hat. Dass es sich lohnen kann, Chancen über Risiken zu stellen, ebenso wie, nach vorne zu schauen, statt immer in die Vergangenheit (etwas, das uns Deutschen aus historischen Gründen besonders schwer fällt). Und dass eine junge Firma nicht allein durch eine revolutionäre Entwicklung in den Internet-Olymp aufsteigt, sondern sich auch überzeugend verkaufen können muss.

Als jemand, der seit 2006 in Stockholm wohnt, kann ich konstatieren, dass sich genau in diesen Punkten die schwedische Mentalität von der deutschen unterscheidet. Es verwundert also nicht, dass in dem nordischen Land derzeit keinerlei Bedarf an einem ähnlich gearteten Internet-Problem-Gipfel vorhanden ist.

Den erforderlichen Einstellungswandel in der deutschen Öffentlichkeit wird weder Angela Merkel noch ein anderer Politiker mit einem Fingerschnippen einleiten können, ebenso wenig wie Förderprogramme, Brancheninitiativen, Entbürokratisierungsbestrebungen oder Datenschutznovellen. Und natürlich auch nicht einzelne Blogbeiträge. Dazu benötigt es einen Kraftakt und unkonventionelle, kreative Ansätze. Wie verändert man über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte entstandene Werte, Verhaltensmuster und Mentalitäten? Ich weiß es nicht. Ich glaube aber, dass Deutschland nicht in der Lage sein wird, im Internet- und Digital-Bereich auf internationaler Bühne eine tonangebende Rolle einzunehmen, bevor nicht in den Köpfen auf breiter Front ein Wandel stattgefunden hat.

Ist dieser geschehen, werden sich andere regulatorischen Barrieren und den Startup-Erfolg behindernde Details vermutlich ganz schnell in Luft auflösen.

(Illustration: Jörn Schreiber)

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