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28.10.13

Deutsche Medien und der Überwachungsskandal: Die Chance für internationale Aufmerksamkeit

Die internationale Version von Spiegel Online profitiert von der Aufmerksamkeit rund um den Überwachungsskandal. Auch Welt Online adressiert zu diesem Thema englischsprachige Leser. Der deutschen Presse bietet sich eine große Chance.

Spiegel Online InternationalWährend der Überwachungsskandal täglich größere Ausmaße annimmt, kristallisiert sich neben Verschlüsselungsdiensten und Sicherheitstools ein weiterer möglicher Profiteur heraus: deutsche Medienhäuser. Denn während die US-amerikanische und britische Presse (mit Ausnahme des Guardian) die Geschehnisse nur mit Zurückhaltung beleuchtet, erhalten hiesige Verlagsangebote die Chance, sich als Redelsführer der unabhängigen globalen Berichterstattung zu Überwachungsfragen zu positionieren. Bisher konzentriert sich ein Großteil der internationalen Beachtung auf den Spiegel und Spiegel Online. Das ist nicht verwunderlich, denn das Medienhaus gehört zu den Publikationspartnern der eng mit Edward Snowden in Kontakt stehenden englischen Zeitung The Guardian. Zudem betreibt Spiegel Online schon seit mehreren Jahren ein englischsprachiges Angebot. Zwischen fünf und zehn Artikeln erscheinen dort werktäglich. Viele Texte befassen sich mit Nachrichten und Facetten des Überwachungsskandals. Auch die jüngste Spiegel-Titelgeschichte über die mutmaßlichen Abhörmaßnahmen durch die Berliner US-Botschaft ist auf Englisch verfügbar. Das zahlt sich für die Hamburger aus: Im Juli dieses Jahres wurde bei Google so oft nach "der spiegel english" gesucht wie noch nie.

Unique Visitors von spiegel.de aus den USA

Der Analysedienst compete.com zeichnet bei seiner Trafficschätzung ein klares Bild: Seit Juni greifen bis zu doppelt so viele Anwender aus den USA auf spiegel.de zu wie sonst üblich. Zu diesem Zeitpunkt begann Whistleblower Snowden mit seinen Enthüllungen. Konkurrent Quantcast kommt in seiner Schätzung zu einem ähnlichen Ergebnis.

Sehr deutlich ist der von compete.com fesgestellte Unterschied bei den US-Besuchern von spiegel.de und welt.de: Die Springer-Zeitung, die bisher kein englischsprachiges Ressort anbietet, erlebte im Zusammenhang mit den Snowden-Leaks keinen nennenswerten Trafficanstieg. Den fast 500.000 eindeutigen US-Besuchern von Spiegel Online im Juli standen 35.000 Welt.de-Besucher gegenüber. Den absoluten Zahlen sollte man aufgrund ungenauer Messverfahren nicht zu viel Bedeutung zukommen lassen. Das Verhältnis zwischen den zwei Sites aber ist aussagekräftig.

In der Welt-Redaktion hat man mittlerweile erkannt, dass sich hier ein neuer, zumindest für die Stärkung der eigenen Marke, aber auch für die Steigerung der Besucherzahlen attraktiver Markt eröffnet: Am Wochenende wurde ein Artikel aus der Welt am Sonntag zur langfristigen Sicht auf Edward Snowden online auch in englischer Fassung publiziert (via rivva). Eine echte Seltenheit für die Berliner, die zuletzt im Jahr 2009 gelegentlich Nachrichtenbeiträge auf English veröffentlichten.

Die Entwicklung ist logisch: Speziell jetzt, wo der Überwachungsskandal durch die jüngsten Meldungen zur Merkel-Spionage hierzulande nochmals an Schärfe gewonnen und allerlei politische und diplomatische Aktivitäten in Gang gesetzt hat, lohnt sich der Aufwand, wichtige Beiträge ins Englische zu übersetzen. Der Bedarf von Journalisten und besorgten Bürgern rund um den Globus an einer unabhängigen Berichterstattung zum Thema ist groß, und deutsche Medien genießen hier nicht zuletzt aufgrund der bekannten deutschen Sensibilität bezüglich Datenschutz und Privatsphäre eine hohe Glaubwürdigkeit. Dank sozialer Medien verbreiten sich derartige Beiträge selbst dann, wenn sie nicht prominent auf der deutschsprachigen Homepage erscheinen. Nur die Sprachbarriere steht im Wege. Sie zu beseitigen, lohnt sich. /mw

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