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10.01.14

Der Schmetterlingseffekt und die Technologiebranche: Wenn es das iPhone nie gegeben hätte

Kleinste Veränderungen können große Auswirkungen haben, so besagt es die Theorie des Schmetterlingseffekts. Das erlaubt angeregte Gedankenspiele - auch darüber, wie einige wenige Ereignisse die gesamte Technologiebranche beeinflussen.

iPhoneEines der Lieblingsthemen von Film- und Serienproduzenten ist das Phänomen, dass kleine Ereignisse heute große Konsequenzen morgen haben, und dass minimale Modifikationen an Ausgangsbedingungen zu massiv variierenden Endergebnissen führen. Sowohl Butterfly Effect mit dem jungen Ashton Kutcher, die (meines Erachtens nach zu unrecht) gefloppte TV-Serie Day Break als auch die gerade im Kino laufende Komödie About Time befassen sich mit diesem sogenannten Schmetterlingseffekt (daher auch der Name des Kutcher-Films).

Geprägt wurde der Begriff laut Wikipedia in den frühen 70er Jahren vom US-Mathematiker und Meteologen Edward Lorenz. Dieser warf damals in einer Arbeit (PDF) die provokative Frage auf, ob der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen könnte. Lorenz wollte Aufmerksamkeit für die komplexen Zusammenhänge schaffen, die das globale Wetter steuern, und auf die Tatsache hinweisen, dass die Kreisläufe der Natur so miteinander vernetzt sind, dass einzelne Veränderungen in einem Teil des Systems signifikante Auswirkungen auf einen anderen haben können. Wenn sich die Geschichte ändern ließe...

Hollywood-Regisseure beleuchten den Schmetterlingseffekt gerne aus der Perspektive des Zeitreisenden. Was passiert, wenn der Protagonist in die Vergangenheit reist und dort eine Kleinigkeit verändert - sei es nur, einen Freund aus einer Zwickmühle zu helfen oder die heimliche Jugendliebe zu küssen. Häufig ist die Überraschung groß, wenn dann nach der Rückkehr in die Gegenwart nichts mehr ist wie zuvor. Filmfiguren müssen die Dynamik des Schmetterlingseffekts meist erst erlernen, bevor sie mit seiner Hilfe Sinnvolles anstellen können.

Die Frage, wie sich die Welt entwickelt hätte, wären einzelne geschichtliche Geschehnisse anders verlaufen, bietet - wenn auch nicht mehr - immerhin Potenzial für faszinierende, (bierselige) Gedankenspiele. Man stelle sich nur einmal vor, Christopher Columbus hätte seine Schiffsfahrt nach Amerika aufgrund von Krankheit oder Vorrätemangel frühzeitig abgebrochen. Garantiert wäre der Kontinent dann zu einem späteren Zeitpunkt entdeckt worden - doch vielleicht von einer anderen Nation mit anderen Zielen, als die Spanier sie verfolgten. Nicht auszuschließen, dass Amerika ethnisch, demografisch und politisch ganz andere Strukturen erhalten hätte, was wiederum die politische und soziale Lage in der gesamten Welt des 20. und 21. Jahrhunderts beeinflusst hätte.

Technologische Meilensteine mit Nachwirkungen

Interessant ist der Blick auf die Theorie des Schmetterlingseffektes auch im Technologiesektor. Gelegentlich ertappe ich mich beim Grübeln darüber, was passiert wäre, wenn Steve Jobs Anfang 2007 nicht das iPhone veröffentlicht hätte. Nach Aussage von Apples Design-Chef Sir Jonathan Ive stand das Smartphone im Laufe der Entwicklungsphase mehrfach vor dem Aus, weil bestimmte Aspekte des Geräts nicht zur Zufriedenheit von Jobs, Ive und Co umgesetzt werden konnten. Ohne das iPhone aber hätte Google Android womöglich nicht derartig aggressiv vorangetrieben. Ohne das Apple-Smartphone wäre auch der native App Store nicht lanciert und anschließend von allen Anderen nachgeahmt worden. Die App-Ökonomie, wie wir sie heute kennen, hätte nicht existiert. Instagram, Snapchat oder WhatsApp würde niemand kennen.

Man stelle sich auch vor, der damals 22-jährige Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hätte auf die Ratschläge seiner Investoren gehört und Yahoos Übernahmeangebot in Höhe von einer Milliarde Dollar vom Juli 2006 akzeptiert. Dass der damals schon ergraute Internetkonzern das soziale Netzwerk in einen ähnlichen Erfolg verwandelt hätte, wie es Zuckerberg auf eigene Faust gelang, ist unwahrscheinlich. Eher hätte Yahoo Facebook mit strategischen Fehlentscheidungen frühzeitig ins Abseits befördert, analog zum Schicksal der Fotocommunity Flickr. Ohne Facebook würde dem gesamten digitalen Ökosystem ein wichtiger Durchlauferhitzer fehlen. Ein anderes Netzwerk wäre in die Lücke gesprüngen und hätte dem sozialen Web vielleicht eine komplett andere Marschroute auferlegt. Das Internet des Jahres 2014 würde sich von dem, welches wir heute kennen, stark unterscheiden.

Auch die Samwer-Brüder eignen sich als Beispiel: Ihre erste Geschäftsidee soll Alexander, Marc und Oliver gekommen sein, nachdem Oliver mit seinem Studienfreund Max Finger für die Diplomarbeit 100 erfolgreiche US-Startups interviewt hatte. Kurze Zeit darauf gründeten die Gebrüder den eBay-Klon Alando und begannen ihren nicht unumstrittenen, aber beeindruckenden Aufstieg zu Deutschlands Webunternehmern Nummer eins. Wäre dem Trio damals nicht das Netz als lohnenswertes Geschäftsfeld ins Auge gestoßen (kurzzeitig handelten sie mit in Bolivien hergestellten Pantoffeln), hätte die Geschichte der hiesigen Internetwirtschaft einen völlig anderen Verlauf genommen.

Parallele Innovationen 

In seinem lesenswerten Buch " Whats Technology Wants " beschreibt der Autor Kevin Kelly, wie zahlreiche der wegweisendsten Erfindungen der jüngeren Geschichte jeweils parallel von mehreren Innovatoren vorangetrieben wurden, ohne dass diese von den Aktivitäten der anderen wussten. Dies bedeutet, dass sich selbst beim unplanmäßigen "Ausfallen" eines Erfinders hinreichend ähnliche Projekte in Arbeit befinden, um eine bestimmte Produktgattung zur Marktreife zu bringen. Andererseits hängt der Erfolg von Produkten maßgeblich vom richtigen "Timing", von einem gelungenen Design sowie einem klug gewählten Markt ab. Dass Apple das iPhone aus dem Stand zu einem Verkaufshit machte, heißt nicht, dass dies einem anderen, ein Touchscreen-Handy in die Läden bringenden Unternehmen anstelle von Apple auch geglückt wäre. Womöglich hätte es zwei bis drei Jahre gedauert, bis ein Konkurrent durch Iterationen und Markttests mit einem berührungsempfindlichen Smartphone auf ähnlich gute Resonanz gestoßen wäre, wie sie Jobs 2007 mit dem iPhone erlebte. Eine lange Zeit in der noch jungen Digitalära.

Das Durchspielen des Schmetterlingseffekts im Bezug auf Schüsselereignisse der Technologielandschaft hilft, die Bedeutung zu erkennen, die selbst in scheinbar trivialen Produktentscheidungen liegen kann. Ein auf später verschobener Launch könnte die Zukunft einer ganzen Branche verändern, ein schwieriger Beschluss zwischen Welterfolg und vorrübergehendem Trend entscheiden. Wer es schafft, diese ganz speziellen Situationen rechtzeitig zu identifizieren, der besitzt einen unbezahlbaren Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Allen anderen bleibt nichts weiter übrig, als ihr Glück zu versuchen und im Nachhinein schlauer zu sein als vorher. /mw

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