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18.07.13

Mensch und Internet: Das Überleben des Medienkompetenteren

Der Mensch wurde nicht für das digitale Zeitalter geschaffen. Er wird sich anpassen, doch der Weg dahin ist steinig.

MedienkompetenzAls ich gestern mit der U-Bahn fuhr, ließ ich mein Smartphone ausnahmsweise einmal stecken. Stattdessen beobachtete ich die anderen Fahrgäste und womit sie sich während der Fahrt beschäftigten. Manche unterhielten sich, andere starrten aus dem Fenster heraus in die Dunkelheit des Tunnels. Einige plauderten am Handy. Die Mehrzahl der Passagiere jedoch war damit beschäftigt, auf das Display ihres Mobiltelefons zu blicken. Direkt neben mir saß ein Mann, etwa 35 Jahre alt, bei dem ich eine Weile auf das Smartphone schielte. Schritt für Schritt arbeitete er das komplette Social-Media-Programm ab: Erst tauschte er einige WhatsApp-Nachrichten mit seiner Freundin aus - der Kontext verriet ihre Beziehung zueinander. Anschließend ging er zu Facebook über, scrollte durch seinen Newsfeed, hinterließ ein paar Likes, inspizierte einige Fotos und ein paar Profilseiten. Dann war Instagram an der Reihe, womit er jedoch nur relativ wenig Zeit verbrachte, ehe er einen schnellen Blick auf seine Twitter-Timeline warf. Anschließend wechselte er nochmals zu Facebook, allerdings nur für einige Sekunden: Wir waren an seiner Station angelangt, er stieg aus.

Reflexhafte Nutzung sozialer Netzwerke

Mir kam das Nutzungsverhalten des unbekannten U-Bahn-Fahrers nur allzu bekannt vor. Ähnlich verbringe ich kürzere Wartezeiten und Pausen. Fast automatisch betätige ich in derartigen Situationen die Ikonen der einzelnen Apps und tauche in die Streams ein. Oft, ohne mich wirklich unterhalten zu fühlen, oder um zu wissen, wonach ich eigentlich suche. Unterbrochen wird dieser Vorgang nur von E-Mails und Chatnachrichten, welche dazwischenfunken und von mir mal unmittelbar, mal später mit Antworten bedacht werden. Der den sozialen Medien zugeneigte Mann in der U-Bahn sowie meine Wenigkeit sind keine Einzelfälle. Millionen Menschen geht es ähnlich, wie die explodierenden Zugriffszahlen der führenden mobilen Dienste nahelegen. Für sie ist der kurze Social-Media-Kick, das schnelle Checken von Messages und das ständige Mitteilen von Gefühlen und Alltagsmomenten zu einem Reflex geworden, der nur mit großer Anstrengung pausiert werden kann. Wer sich selbst testen möchte, versuche einfach mal, während der nächsten Überbrückungsperiode, etwa im Bus oder der Bahn, zehn Minuten lang nicht das Smartphone zu zücken.

Digitale Entgiftung

Manche User, die derartige, fast suchtartige Verhaltensmuster bei sich sich erkennen, entwickeln das Bedürfnis, sich für einen begrenzten Zeitraum von der schier unendlichen Informationsflut und den Verlockungen sozialer Netzwerke abzukoppeln. Eine solche "Digitale Entgiftung" liegt im Trend. Zumindest suggerieren das die zahlreichen Publikationen und Selbstversuche, die darauf abzielen, die gefühlte Abhängigkeit vom Internet zu unterbrechen. Die einjährige Webabstinenz von Paul Miller gehörte hierbei sicher zu den extremsten Unterfangen. Inwieweit es sich um ernsthafte, authentische Projekte oder aber um populistische Versuche mit fragwürdigen Motiven handelt, ist nicht immer sofort ersichtlich. Von einer latent existierenden Unzufriedenheit der Anwender über ihre eigene Handhabung der Datenflut sowie über das Fehlen besserer Hilfsmittel zu ihrer Steuerung aber geht auch das Berliner Startup Offtime aus: Eine in der Entwicklung befindliche App soll Nutzern mehr Kontrolle einräumen und ihnen dabei helfen, leichter für kurze Zeiträume abschalten zu können. Gegen ihre Impulse, am laufenden Band nach neuen Kommentare, Likes und Retweets zu schauen, wird aber auch Offtime nichts ausrichten können.

Genau weiß heute niemand, wie sich die Menge an stetig verfügbaren Informationen und die permanente Geräuschkulisse des Netzes auf das menschliche Wohlbefinden auswirken werden. In publizistischen und feuilletonistisch angehauchten Tech-Kreisen aber scheint man sich einig zu sein: Wer das ungehinderte Einprasseln von zu viel Bits und Bytes auf einen nicht verhindert, dem drohen gesundheitliche Beschwerden, ausufernder Stress und Burnout. Tenor: Der Mensch benötigt gelegentliche Ruhe, und der allein in Deutschland von über 15 Millionen Usern praktizierte Always-On-Lebensstil bedroht diese.

Überleben des Medienkompetenteren

Doch dass man auch ganz anders auf die Problematik schauen kann, zeigt Autor Dominic Basulto in diesem aktuellen Beitrag: Mit einer Anspielung auf Darwins "Überleben der bestangepassten Individuen" sieht er die versierte, nicht systematisch verringerte Handhabung des Informationsstroms als eine Charaktereigenschaft künftiger Gewinner. Wer nicht in der Lage ist, sich der vernetzten Welt ohne übertriebene Vorkehrungen zum Selbstschutz zu stellen, der verliert schlicht den Anschluss, während die Supernetzwerker lässig mit einer Vielzahl von Informationen jonglieren.

Basultos Gedanken sind provokativ. Sie dürften vor allem denjenigen nicht behagen, die das Gefühl haben, das Internet hätte die Kontrolle über sie, anstatt vice versa. Immerhin läuft die Annahme von Basulto durch die Bezugnahme auf die Evolutionstheorie im Endeffekt darauf hinaus, dass sich ultimativ nur diejenigen in der künftigen Informationsgesellschaft behaupten können und fortpflanzen, welche die fortschreitende Fusion von Mensch und Maschine, von physischer und digitaler Welt, problemlos wegstecken. Google Glass tragende Quasi-Cyborgs beschweren sich nicht über zu viele Push-Mitteilungen.

Die entscheidende Rolle von Dopamin

Das Internet als nächstes großes Kriterium einer natürlichen Selektion? Ich mag und kann nicht beurteilen, ob daran etwas dran sein könnte. Tatsache ist, dass der Mensch nicht für die vernetzte Welt geschaffen und auch (noch) nicht für sie optimiert wurde. Besonders deutlich wird dies beim Blick auf das Wirken des Neurotransmitters Dopamin. Dieser wird immer dann in großen Mengen ausgeschüttet, wenn wir die Aussicht auf eine Belohnung und auf Wohlbefinden vor uns sehen. Dopamin ist verantwortlich dafür, dass Menschen für das Erreichen von Zielen kämpfen, in der Erwartung von Freude und Genugtuung. Dopamin sorgt auch dafür, dass wir alle fünf Minuten in unsere sozialen Netzwerke blicken, permanent Mails checken, unentwegt überprüfen, ob unser mit viel Liebe konzipierter Tweet Retweets erhalten hat und immer noch einen letzten Youtube-Clip starten, in der Hoffnung auf die ultimative Unterhaltung. Die Crux von Dopamin liegt darin, dass sich das versprochene Glücksgefühl nur selten tatsächlich einstellt. Dafür sind andere Hormone zuständig, die in ganz anderen Teilen des Gehirns produziert werden. Das erklärt, warum wir nach dem Blick auf den Newsfeed, nach dem Verspeisen von Ummengen an Schokolade oder dem Kauf eines lange ersehnten Fernsehers kaum zufriedener sind als zuvor.

Dopamin erwies sich einstmals als sehr nützlich, trieb es die Menschen doch dazu an, trotz mitunter zahlreicher Unwägbarkeiten auf die Jagd zu gehen oder sich der Fortpflanzung zu widmen. In unserer heutigen Zeit des Überflusses sichert Dopamin aber nicht nur unser Überleben, sondern treibt Menschen in Suchtzustände und lässt sie die Kontrolle über scheinbar harmlose Prozesse verlieren. Mit dem Netz erreicht dieser Konflikt eine neue Qualität. Aufgrund der massiven Dopamin-Ausschüttung bezeichnet die Psychologin Kelly McGonigal moderne Technologie in ihrem lesenswerten Buch " The Willpower Instinct " als eines der Phänomene mit dem größten Suchtpotenzial überhaupt.

Mit Blick auf die Überlegungen von Basulto wären demnach die Menschen mit einer besonderen Empfänglichkeit für den Dopamin-Kick diejenigen, die in der weiteren Evolution des Menschen die schlechtesten Karten hätten. Sie würden an der Technologie schlicht zugrunde gehen. Wer weniger leicht in Versuchung zu bringen ist, Impulsen des Gehirns zu folgen, und sich besser unter Kontrolle hat, der wäre dementsprechend besser dafür gerüstet, den Herausforderungen der virtuellen Zukunft souverän und entspannt gegenüberzutreten.

Anpassungsfähigkeit wird auf die Probe gestellt

Für endgültige Schlussfolgerungen über die Langzeitfolgen des Internets auf die Psyche, das Verhalten und das seelische Wohlbefinden von Menschen ist es meines Erachtens nach noch viel zu früh. Wir durchlaufen gerade einen massiven Lernprozess. Dieser begann nicht etwa mit dem Aufkommen des World Wide Web, sondern schon lange davor - mit dem Entstehen der Konsumgesellschaft mit alle ihren unser Gehirn mit Dopamin überschüttenden Versuchungen - von Fast Food über Einkaufszentren bis zu Pornos. All diese existierten nicht, als der menschliche Körper die Dopamin-Produktion ausbildete, um in die Lage versetzt zu werden, seinen Fortbestand zu sichern. Oder sie existierten, waren aber mit deutlich mehr Arbeit verbunden, als zum Drive-Through zu fahren oder ein glänzendes Gadget in die Hand zu nehmen.

Das Internet verändert nicht nur die Gesellschaft, sondern auch den Menschen. Allerdings schreitet der technische Fortschritt mit einer deutlich rasanteren Geschwindigkeit voran als die Evolution. Die Frage ist daher, inwieweit wir durch Erfahrungswerte, Selbstdisziplin, Selbstbeobachtung und das Erlernen von neuen Gewohnheiten in der Lage geraten, wider unserer biologischen Voraussetzungen dauerhaft die Kontrolle über die Kräfte zu gewinnen, die heute Menschen im letzten Schritt dazu treiben, sich für einige Zeit ganz vom Netz zu verabschieden. Die Anpassungsfähigkeit gilt als eine der großen Stärken des Menschen. Mit dem Internet und den darauf aufbauenden Errungenschaften, die in den nächsten zehn bis 20 Jahren auf ihn zukommen, wird diese Eigenschaft auf die Probe gestellt. /mw

Foto: Young man holding smartphone, Shutterstock

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