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23.05.08

Der Experte warnt: "Elektronische Bildschirmmedien machen dumm"

So geht Simpel-Journalismus: Einfach nur einen Wissenschaftler mit pauschalen und umstrittenen Urteilen als Kronzeugen im Artikel auftreten lassen, schon klappt?s auch mit der knalligen These.

Vorlesung an der Berliner Humboldt Universität: Finde den Laptop (Bild Keystone/Franka Bruns)Braucht der Journalist einen, der ihm die 'Politlüge' von der dräuenden Rentnerarmut zerzaust, dann holt er sich eine habilitierte Hilfskraft von der INSM vor den aufnahmebereiten USB-Stick. Dazu ist diese Posaunenkapelle der Arbeitgeber auch da. Braucht der Journalist dagegen jemanden, der ihm - extra tiefgelegt und für jeden verständlich - mit einigen plakativen Thesen erklärt, warum er (oder sie) durch das gute, alte Holzmedium so schlau werden konnte, während draußen im Internet heutzutage alle doof bleiben müssen, dann greift er zu Manfred Spitzer. So, wie jetzt Evelyn Finger von der 'Zeit', die ihn zu "Deutschlands bekanntestem Hirnforscher" emporjazzt.

Der Artikel selbst enthält die üblichen Stänkereien der retardierten Medienmitglieder: dass Studenten immer 'doofer' würden, dass sie sich nicht mehr 'fokussieren' könnten und dass sie nur noch per 'Copy & Paste' zu schreiben verstünden. Man fragt sich, wie diese Dummerles bloß immer wieder durchs Examen rutschen: Sind die Profs auch schon verblödet, gibt's denn überall für ein bisschen Sex bereits gute Noten? Die Bildwelten der Frau Finger sind dabei von einer geradezu surrealen Komik - sie muss wohl lange keinen Hörsaal mehr von innen gesehen haben:

 

"Alltag an der Alma Mater. Bevor die Vorlesung beginnt, haben die Studenten schon ihre Laptops aufgeklappt, und wenn der Professor zu reden beginnt, sind sie schon über den unieigenen Router ins Netz verschwunden: E-Mails checken, Blogs schreiben, Verabredungen treffen. Schnell ein Buch bei Amazon ordern! Mal sehen, was auf eBay gerade für meine alte Comicsammlung geboten wird! ... Kann man Hegels Phänomenologie des Geistes begreifen, während man sich auf StudiVZ tummelt? Hilft es, während eines Hegel-Seminars den Hegel-Eintrag in der Wikipedia zu lesen?"

Donnerwetter, wer hätte gedacht, dass es an Deutschlands Universitäten schon so 'onlinig' zugeht! Kein Wunder, dass 'das Bild zum Text' gar kein Bild zum Thema ist, sondern einem amerikanischen Grabbelkatalog entstammt. Um an derartige Zustände zu glauben, muss man wohl ein ungebildeter Zeitungsleser sein: Ich dagegen kenne zumeist nur Professoren, die ausrasten würden, sobald auch nur ein Handy vor ihrem Katheder bimmelt. Einen Laptop würden sie vermutlich an Ort und Stelle standrechtlich erschießen. Wo also lebt diese Verfasserin - am Newsdesk vielleicht? Frau Finger, draußen spielt das Leben! Hegels 'Phänomenologie', dies nur nebenbei, haben selbst zu Zeiten des Dampfradios nur ganz wenige begriffen - und auch die nicht wirklich ...

Was im Artikel dann folgt, ist eine einzige Eloge auf den bundesdeutschen Hans Dampf der Hirnforschung, auf unseren umtriebigen Professor Spitzer aus dem schönen Ulm, der alle die Defekte und Schäden lange vorausgeahnt hat, die uns das Leben vor dem Monitor bescheren wird: "Negative Bahnungseffekte" sind dabei das Mindeste, was uns droht, sagt jedenfalls dieser Herr, und "elektronische Bildschirmmedien machen dumm". Die solide gedruckte BILD-Zeitung hingegen, so möchte ich als aufmerksamer Thesenprüfer vom Dienst ergänzen, die hat mit ihrer unglaublich gefühlvollen Haptik schon so manchen zum Schriftsteller gemacht ...

Fürs journalistische Handwerk, so lernte ich das noch, möge sich der Berichterstatter vorab schlau machen über den, den er dort interviewen wird. Schon würde er zum Beispiel auf Aussagen wie diese stoßen, die ihm zeigen, dass Manfred Spitzer alles andere als den wissenschaftlichen 'Mainstream' repräsentiert. Er ist - wie bspw. auch der Talk-Runden-Professor Sinn vom IFO-Institut - eher ein 'Medienprofessor' als ein Wissenschaftler aus realen Laborzusammenhängen:

 

"Spitzers neueste Veröffentlichung mit dem reißerischen Titel ?Vorsicht Bildschirm? ... verstärkt die Einschätzung, dass Spitzer nicht nur die Komplexität von Bildungs- und Lernprozessen extrem reduziert, sondern darüber hinaus simpelste Kausalketten konstruiert, die in ihrer Absurdität fast schon (ungewollt) humoristisch wirken. ?Wären Bildschirme nie erfunden worden, dann gäbe es allein in den USA jährlich etwa 10.000 Morde und 70.000 Vergewaltigungen weniger [...]."

Ziehen wir dann noch solche und ähnliche Kommentare heran, manchmal auch Pamphlete, so formt sich das Bild eines Wissenschaftlers, der im eigenen Fach umstritten ist, der 'Ergebnisse' eher kompiliert und andere höchst eigenwillig rezipiert, den es dabei massiv in die Medien zieht, wo allerdings auch ein erheblicher altjournalistischer Bedarf für solch krude Thesen besteht, weshalb in beiderseitigem Einverständnis dem Affen Publikum dann ordentlich Zucker gegeben werden kann. Was zu einem harmonischen Verhältnis zwischen Spitzers 'Transferzentrum' in Ulm und der deutschen Presse führt. Vor allem aber - auch der Journalist versteht's:

 

"Wissenschaftliche Fakten über das Gehirn werden anschaulich vermittelt und durch feuilletonistische Beiträge begleitet - ein echtes Lesevergnügen mit viel Wissen und Humor."

Faktisch und gesellschaftspolitisch aber ist Manfred Spitzer das heutige Äquivalent zu einem Ludditen seligen Angedenkens. Oder - netter ausgedrückt - ein Neil Postman der Hirnforschung. Der revolutionäre Sozialkonservatismus seiner Thesen ist unübersehbar, wie diese für Frauen quasi das Berufsbild einer 'Internetsekretärin' entwickelt, die dem Herrn Professor dann die schönsten Funde ergoogeln darf:

 

"Da Mädchen einen 'geringeren Testosteronspiegel' und ohnehin qua Geburt soziale und kommunikative Stärken haben, sollte man sie verstärkt ans Internet lassen. Jungen dagegen nicht, weil die nur ballern, verbotene Spiele runterladen und allerlei anderen visuo-akustischen Unsinn treiben".

Werbung für \&quot;Grand Theft Auto IV\&quot; in Los Angeles: Computerspiele werden mittels vorab gefassten Thesen zurechtgefingert (Bild Keystone/Reed Saxon)Ich dagegen finde es ausgesprochen ärgerlich, dass die Holzmedien einige gute Ansätze, die es bei ihnen manchmal ja auch gibt, im Handumdrehen durch solche Artikel wieder konterkarieren, wo sie mit dem publizistischen Holzhämmerchen daherargumentieren. Um zu zeigen, was stattdessen im Bereich der Berichterstattung über Computerspiele und jugendliches 'Monitorverhalten' (das übrigens so 'jugendlich' gar nicht mehr ist) möglich wäre, verlinke ich hier einfach mal diesen Artikel aus der taz. Dort hat man es nicht nötig, das Thema 'Computerspiele' mittels einer vorab gefassten These 'zurechtzufingern' - und interessant klingt es trotzdem:

 

"GTA IV" ist dabei schlau und bissig und wohl auch deshalb ein Dorn im Auge der Videospielgegner: Die Spieler verstünden doch die ganzen Anspielungen nicht, es gehe darum, möglichst viel zu metzeln. "Quatsch, sagt Houser. Natürlich verstehen die Spieler, worum es in "GTA IV" geht." Auch die Amerikaner: "Es sind nicht die Amerikaner, die verblödet sind, es sind ihre Medien, die für Idioten gemacht sind. Die Welt von GTA ist das, was Amerika wäre, wenn man seinen Medien glaubte", sagt Houser: "Gewalttätig, ängstlich, von Sex besessen und vernarrt in Waffen."

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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