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07.06.12

Demontage des Textlogos: Twitter zu verstehen, ist schwer

Twitter verzichtet in seinem Logo künftig auf die Darstellung des Firmennamens. Stattdessen soll der stilisierte Vogel zum ultimativen Markenzeichen werden. Eine rätselhafte Entscheidung.

Twitter hat eine ganze Reihe von Baustellen, an denen es arbeiten muss. Konkurrenten wie Facebook und Google+ versuchen von zwei Seiten, den Microbloggingdienst zu bedrängen und dessen Einsatzszenarien selbst abzudecken. Die erste Umsatzmilliarde in Dollar wird erst für 2014 erwartet - acht Jahre nach der Gründung und das, obwohl bereits jetzt über eine Milliarde Dollar an Venturekapital in das Unternehmen aus San Francisco gepumpt worden sind. Auf den Durchbruch in den Mainstream wartet Twitter in vielen Ländern noch immer. Selbst im Heimatmarkt USA nutzen lediglich acht Prozent der Onlinepopulation den Dienst auf täglicher Basis (eine genaue Definition für "Nutzung" existiert nicht). In Deutschland gibt es gerade mal 600.000 aktive Twitter-Konten. Und auch bei seiner Entwicklerplattform hat der Dienst eigentlich alle Hände voll zu tun - während Facebook seine Plattform mit einem App Center auf ein neues Niveau heben will, pflegt Twitter zur Entwicklergemeinde ein eher gespaltenes Verhältnis und lässt an einem Verständnis für die Kraft des Plattformansatzes zweifeln.

Es gibt also viel zu tun. Umso überraschender ist, mit welchen Nebensächlichkeiten sich das gereifte Startup aus Kalifornien in der vielleicht wichtigsten Phase seiner Geschichte befasst. In einem aktuellen Blogbeitrag gibt der Service bekannt, die Bezeichnung "Twitter" aus seinem Logo zu entfernen und künftig auf den bekannten, hellblauen (oder alternativ weißen) Twitter-Vogel als universelles Markenzeichen zu setzen. Parallel veröffentlicht der Dienst eine Reihe von Richtlinien zur Nutzung des Twitter-Logos im Umfeld von Produkten und Websites. Eine veränderte Darstellung des Zwitschervogels ist genauso unerwünscht wie der Verweis auf Twitter mittels des alten, textbasierten Twitter-Logos, egal ob in ausgeschriebener Form oder abgekürzt mit dem prägnanten blau-weißen "t".

Nichts gegen eine Modernisierung der Corporate Brand oder des Markenzeichens von Firmen. Aber Twitters aktueller Schritt gibt Rätsel auf.

 

Twitters Markenbekanntheit in den eigentlich für den Dienst zu gewinnenden Zielgruppen ist nicht groß genug. Werden Eltern und Großeltern beim Besuch auf einer beliebigen Website tatsächlich wissen, was es mit der kleinen, bläulichen Vogelgrafik auf sich hat? Und selbst wenn sie den Zusammenhang herstellen können, besteht die Gefahr, dass ihnen der genaue Name nicht einfällt. Facebooks Like-Button bedarf mittlerweile kaum noch einer Erklärung. Aber Twitter ist nicht Facebook. Im Hinblick auf Twitters Mission, den Mainstream für sich zu gewinnen, wirkt die Entfernung des textbasierten Logos wie eine klare Fehlentscheidung.

Zudem ist verwunderlich, dass sich das Unternehmen überhaupt zum aktuellen Zeitpunkt mit einer derartige Lappalie befasst. Sicherlich, manchmal sind es minimale Modifikationen am äußeren Erscheinungsbild einer Marke, die einen erheblichen Unterschied in der Wahrnehmung der Konsumenten auslösen können. Dass die Hervorhebung des Vogels und die kategorische Abkehr vom Textlogo aber irgendwelche positive Auswirkungen auf die Marktposition von Twitter haben könnte, halte ich für unwahrscheinlich.

Auch unter ästhetischen Gesichtspunkten macht die Änderung für mich den Eindruck einer Fehlentscheidung. Ohne das Textlogo "Twitter" neben dem Foto am oberen Bildrand sieht die komplette Startseite auf twitter.com unfertig aus. Minimalismus und Simplizität in allen Ehren, aber man kann es übertreiben. Wer bekommt bei einem Besuch des Angebots eigentlich Lust, sich bei dem Dienst zu registrieren?

Hätte Twitter eine derartige Auffrischung des Logos am 1. April bekanntgegeben - ich hätte es sofort für einen Aprilscherz gehandelt. Doch das Unternehmen meint es ernst. Und offenbart damit eine gewisse Einfallslosigkeit darin, auf welche Weise es seine Position gegen die Konkurrenten absichern und verbessern kann. Eine völlig widersinnige Demontage des Textlogos ist das Letzte, was Twitter derzeit voran bringt.

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