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07.03.14

Sich selbst widersprechen: Konsistenz ist überbewertet

Menschen in Netzdebatten oder öffentlichen Diskussionen sind oft bestrebt, möglichst konsistent aufzutreten und ihren Aussagen aus der Vergangenheit nicht zu widersprechen. Doch das ist nicht notwendig.

KonsistenzAmazon-Chef und Ausnahmeperson Jeff Bezos stellte einst fest, dass Menschen, die oft recht haben, auch häufig ihre Meinung ändern. An diese erst auf den zweiten Blick intuitive Weisheit musste ich denken, als ich gestern diesen Austausch zwischen Wirres -Blogger Felix Schwenzel und SPON-Kolumnist Sascha Lobo sah.

Schwenzel wies darauf hin, dass der Enthüllungsjournalist und Edward-Snowden-Vertraute Glenn Greenwald einer eigenen, sieben Jahre alten Aussage widersprach (es soll im Folgenden übrigens nicht um Greenwald und seine Aussage gehen). Sascha Lobo erwiderte darauf etwas Grundsätzliches, dem wohl viele zustimmen können, die ab und an ihre Meinungen irgendwo in der Öffentlichkeit oder Halböffentlichkeit artikulieren:

"Wenn man sich häufiger als einmal im Jahr äußert, widerspricht [jeder] '07 irgendwo [sich selbst] '14 oder irgendwann. Dass es hier etwas Besonderes ist, klar, aber das Recht zu lernen und sich weiterzuentwickeln halte ich für nichts Verdammenswertes".

Als jemand, der seit sieben Jahren fast täglich Meinungen im Netz publiziert, stehe auch ich häufiger vor einem kleinen inneren Konflikt, wenn ich merke, dass ich in einem Text, Tweet oder anderswo genau das Gegenteil dessen von mir gebe, das ich vor einigen Jahren an gleicher Stelle verkündete. Und ich vermute, vielen geht es sehr ähnlich.

Gleichzeitig merke ich, dass dies vollkommen egal ist. Oder, wie es Lobo analysiert, so kann man es wohl auch als Zeichen werten, dass man sich weiterentwickelt. Wenige Charakterzüge sind unsympathischer als verbissene Sturheit. Andererseits will auch niemand als Fähnchen im Wind wahrgenommen werden. Es genügt, dass Politiker von Berufswegen ständig dazu gezwungen sind; oder Startup-Gründer, die sich aufkaufen lassen und sich plötzlich diametral zu ihren bisherigen Visionen stehende Positionen aneignen.

Die Kunst ist es, an den "richtigen" Stellen fähig zu sein, die eigene Meinung zu ändern. Nämlich dann, wenn man sich geirrt hat oder wenn unvorhersehbare Entwicklungen zu neuen Tatsachen führen. Wer dies nicht kann, endet in einer Sackgasse.

Gemeinhin gilt Konsistenz als gute Eigenschaft und Inkonsistenz als etwas Schlechtes. Glaubt man aber Herren wie Jeff Bezos oder Konrad Adenauer, dann ist andauernde Konsistenz zumindest im Bezug auf persönliche Meinungen und Ansichten eine Schwäche. Insofern bin ich ganz froh, in den vergangenen Jahren den ein oder anderen Artikel geschrieben zu haben, über den ich heute den Kopf schüttle. /mw

Foto: Business men debating isolated on white, Shutterstock

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