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11.02.10

Debatte um Tagesschau-App: Warum sich ein Blick in den hohen Norden lohnt

Als die ARD im Dezember eine kostenlose iPhone-App der Tagesschau ankündigte, war die Entrüstung groß. In Schweden hat das öffentliche-rechtliche Fernsehen gestern eine Gratis-Applikation mit einem Großteil seines Programms veröffentlicht. Proteste von Medien und Politik gab es keine.

SVT Play auf dem iPhoneWas war das für eine Aufregung, die zwischen Weihnachten und Neujahr über Medien- und Politikdeutschland hereinbrach: Die ARD kündigte eine kostenlose iPhone-Applikation der Tagesschau an, und Medienkonzerne wie die Axel Springer AG, Bundestagsabgeordnete, Staatsminister sowie Verlegerverbände gingen auf die Barrikaden.

Durch kostenlose Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die über den Zweck der Grundversorgung hinaus gingen, würden die Monetarisierungsversuche der privaten Anbieter gefährdet, so der Tenor. Auch Vorwürfe der Wettbewerbsverzerrung und der Bildung eines marktbeherrschenden Kartells waren zu hören.

All das bei einer Applikation, die nichts anderes tut, als die von jedem Computer aus abrufbaren, verschiedenen Sendungen der Tagesschau auf ein Smartphone-freundliches Format zu bringen!

Dass es auch anders geht, zeigt Schweden. Gestern Abend hat Schwedens öffentlich-rechtlicher Fernsehsender SVT die kostenlose iPhone-Anwendung seines Streaming-Angebots SVT Play veröffentlicht. SVT Play ist quasi Schwedens Pendant zur ZDF Mediathek: Ein Großteil der auf den verschiedenen SVT-Kanälen gezeigten Programme steht dort mit unterschiedlicher Halbwertszeit zum Gratis-Streaming bereit. Neben einer mobilen Site für Smartphones gibt es nun also auch eine eigene Anwendung für das iPhone.

Umfangreiches ProgrammangebotSVT bietet nicht alle, aber eine Vielzahl seiner auf svtplay.se abrufbaren Inhalte über der iPhone-Applikation an - und das, ohne dass der Besitz eines iPhones zur Zahlung von Rundfunkgebühren verpflichtet. Nach derzeitiger Auslegung des schwedischen Medienrechts gilt dies, so lange weder das vollständige Fernsehprogramm noch Live-Sendungen im großen Stil auf digitalem Weg übertragen werden.

Das eigentlich Bewunderswerte ist nicht die App (die einen sehr guten Eindruck macht), sondern wie die Reaktionen aus Medienbranche und Politik auf die vor einigen Wochen angekündigte iPhone-Applikation ausfielen: Es gab keine. Mag sein, dass SVTs Smartphone-Avancen in dem ein oder anderen Interview zur Sprache kamen, aber ein landesweiter Aufschrei der Entrüstung und Befremdung, wie er in Deutschland auf die ARD-Bekanntmachung der Tagesschau-Applikation folgte, blieb aus. Und das, obwohl es um sehr viel mehr als nur den Stream eines einzelnen Nachrichtenangebots geht.

Smartphones sind nichts anderes als eine alternative Zugriffsmöglichkeit auf digitale Inhalte - und für immer mehr Menschen ein essentielles Werkzeug zur Kommunikation und Informationsbeschaffung. In Schweden hat man das erkannt, weshalb niemand in Frage stellen würde, dass auch eine iPhone-gerechte Zubereitung der Inhalte zur Grundversorgung gehört.

Vielleicht hilft den Kritikern der Tagesschau-Anwendung ja ein Blick auf das Beispiel Schweden, um zu erkennen, dass eine Entrüstung, wie wir sie im Dezember erleben durften, deplatziert und vor allem vollkommen unzeitgemäß ist. Auch kommerzielle oder macht-/medienpolitische Interessen sollten hier nicht zu falschen Beurteilungen führen.

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