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07.09.10

Debatte um Hyperlinks: Wie der Link beschädigtes Vertrauen ersetzt

Autor Nicholas Carr und diverse US-Kollegen sinnieren über die Nachteile von Hyperlinks. Sie vergessen, dass der Link in Zeiten von Kostendruck, Klick-Besessenheit und Quantitäts-Fokus für den Onlinejournalismus sogar noch wichtiger wird.

Im Netz gibt es kaum etwas Natürlicheres als Links. Sie sind für mich elementarer Bestandteil einer jeden Website und eines jeden Artikels. Ohne Verweise, sowohl als Quellennachweis als auch zu Sites mit weiterführenden Informationen, wäre das Internet für mich nur halb so unterhaltsam und lehrreich. Habt ihr schon einmal einen ganzen Abend bei Wikipedia verbracht und seid von Eintrag zu Eintrag "gesurft"? Ich mehrmals. Links sei dank, die auf sinnvolle Weise im Zusammenhang stehende Informationen verknüpfen und somit Wissen nicht mehr als einzelne, isolierte Objekte betrachten.

Mir fällt nicht ein einziger Punkt ein, den ich an Hyperlinks kritisieren würde. Entsprechend unverständlich erscheint mir eine Diskussion zum Für und Wider von Links, auf die GigaOm verweist. Autoren und Blogger wie Nicholas Carr, Ryan Chittum oder Laura Miller sinnieren über die Schattenseiten der Anreicherung von Onlinecontent mit Links. Ihr Hauptkritikpunkt: Links lenken vom eigentlichen Text ab, strengen das Gehirn übermäßig an und werden ohnehin von einem Großteil der Leser ignoriert.

Ich möchte mich gar nicht weiter mit diesen Argumenten auseinandersetzen. Nicht, weil ich sie anzweifle. Es ist gut vorstellbar, dass man sich tatsächlich wie von Carr behauptet besser an den Inhalt eines soeben verschlungenen Beitrags erinnert, wenn man nicht zwischendrin Verweisen gefolgt ist oder zumindest mehrere neue Browser-Tabs für das spätere Lesen geöffnet hat.

Der Grund, warum ich diese Debatte für überflüssig halte, ist ganz einfach, dass Links derartig viele Vorteile mit sich bringen, dass damit verbundene eventuelle Nachteile meines Erachtens nach in Kauf genommen werden müssen. Ähnlich wie sich ein Pferd mit ein wenig Heu und Würfelzucker begnügt, ein Auto jedoch teures Benzin schluckt.

Allerdings möchte ich speziell im Hinblick auf den professionellen Onlinejournalismus auf eine zusätzliche Funktion des Links aufmerksam machen, die meiner Ansicht nach immer größere Bedeutung erhält: Der Hyperlink ersetzt das verminderte Vertrauen der Leser in das, was ihnen von den etablierten Verlagen im Netz dargeboten wird.

Kostendruck, fehlende Monetarisierungswege und das Festhalten an veralteten Ideologien in Kombination mit dem Streben nach Page Impressions und Spitzenplätzen bei Google sorgen dafür, dass die Qualität der Onlinetexte in der Regel (nicht immer, aber oft) unter der von Printbeiträgen liegt. Zumindest unter der von Printbeiträgen, die vor 20 oder 15 Jahren aus den Druckmaschinen kamen - als es der Verlagsbranche noch gut ging. Wer mir nicht glaubt und der Meinung ist, bei den Medienhäusern liefe alles immer nach höchsten journalistischen Standards, der sollte sich einmal in Ruhe bei Bildblog umschauen (was selbstverständlich nicht heißen soll, dass nicht auch früher schon ab und an Unfug und Unwahrheiten gedruckt wurden).

Mein Vertrauen in die professionellen Verlagsmedien ist entsprechend beschädigt und meine Bereitschaft, einfach so eine Behauptung, einen Hinweis auf irgendeine Studie oder ein Zitat zu glauben, nur weil es bei FAZ.net oder sueddeutsche.de steht, nicht mehr vorhanden. Hier hilft der Link: Er gibt mir als Leser die Möglichkeit, selbst bestimmte Angaben nachzuprüfen und mich von deren Richtigkeit zu überzeugen. Ich wünschte, ich hätte dieses Bedürfnis nicht. Aber ich habe es. Und deshalb reagiere ich automatisch allergisch, wenn ein Onlineartikel auf allerlei externe Informationen Bezug nimmt, diese aber nicht verlinkt.

In der perfekten Welt wäre dieses Misstrauen nicht notwendig. In einer, in der das Qualitätsmedium Spiegel Online in neun Monaten neun Artikel über die komplett irrelevante, aber dafür kurvige US-Reality-TV-Darstellerin Heidi Montag veröffentlicht, leider doch.

(Illustration: stock.xchng)

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