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05.07.12

Das "verlorene" Interview mit Steve Jobs: So sollte digitale Filmdistribution nicht aussehen

Ein "vergessenes" Interview mit Steve Jobs aus dem Jahr 1995 steht jetzt bei iTunes zur Verfügung. Allerdings nur in englischsprachigen Ländern und nur als Stream. Wann lernt die Unterhaltungsbranche endlich, wie zeitgemäße Distribution von digitalen Medieninhalten aussehen muss?

Eigentlich wollte ich die Mittagspause damit verbringen, mir das Interview mit dem verstorbenen Apple-CEO Steve Jobs aus dem Jahr 1995 anzuschauen, das nach seiner nur partiellen TV-Ausstrahlung über Jahre in einer Schublade verstaubte und erst kurz nach dem Tod von Jobs wiederentdeckt wurde. Nachdem der rund 75 Minuten lange Film in einigen ausgewählten US-Kinos landete, steht er seit heute im iTunes Store zur Verfügung. Allerdings nur dann, wenn man ein für Käufe aktiviertes iTunes-Konto aus einem englischsprachigen Land besitzt, wie ich gerade feststellen musste. Für Interessenten im deutschsprachigen Raum und den meisten anderen Ländern dieser Erde existiert damit bisher keine legale Möglichkeit, sich das Interview in voller Länge und gegen Entgelt anzuschauen.

Genau derartige Einschränkungen treiben Menschen jeden Tag zu illegalen Alternativen. Statt die 3,99 Dollar für das Streaming des Interviews ausgeben zu dürfen, müsste ich mich nun auf die Suche nach einer inoffiziellen Quelle machen, bei der ich den Streifen wahrscheinlich sogar kostenfrei abrufen kann. In den Augen des verantwortlichen Filmdistributors Magnolia Pictures wäre das von Anwendern außerhalb des englischsprachigen Marktes erwartete Verhalten vermutlich, sich bis zu Veröffentlichung einer lokalisierten Version zu gedulden (was auch immer es an dem Interview zu lokalisieren gibt). Doch diese Denkweise passt nicht mehr in das Zeitalter der globalen Vernetzung, bei der Menschen in Japan, Südafrika, Deutschland, Argentinien und Alaska zeitgleich die Informationen über neuen Content erhalten und entsprechend ungern Wochen oder Monate warten wollen, um auf diesen Zugriff zu erhalten.

Magnolia hätte sich keinen Zacken aus der Krone gebrochen, wenn der von einer VHS-Kassette stammende Streifen in seiner US-Version auch in iTunes Stores anderer Länder veröffentlicht worden wäre. Nein, es hätte sogar deutlich mehr verdient. Denn HEUTE werden sich viele Apple- und Steve-Jobs-Fans in Folge der Presseberichterstattung auf die Suche nach dem Streifen machen, nicht in einigen Wochen, Monaten oder nächstes Jahr.

Nur als Stream, nicht als Download

Das Filmvertriebsunternehmen scheinen ohnehin fragwürdige Motive umzutreiben. Denn das Interview, dessen digitale Aufbereitung nicht gerade teuer gewesen sein dürfte, ist ausschließlich als Stream verfügbar, nicht als Downloadoption. Bei Instapaper-Gründer und Apple Fan Marco Arment sorgt dies für Verstimmung. Wer also die 3,99 Dollar zahlt, hat gemäß iTunes-Richtlinie 30 Tage Zeit, um den Stream zu starten - und anschließend 48 Stunden (in den USA nur 24 Stunden), bevor der Streifen wieder aus der eigenen iTunes-Bibliothek verschwindet.

Wenn Magnolia tatsächlich die Profitgier umtreibt, wie Arment vermutet, so hat das US-Unternehmen dafür die vollkommen falsche Strategie gewählt: Statt den Film sofort weltweit zur Verfügung zu stellen, und das als kostenpflichtigen Stream, teureren Download sowie noch teurere DVD/Blu-Ray für Sammler, begrenzt es den Zugriff sowohl regional als auch in Bezug auf die Nutzungsart. Die Folge: Sobald ein nicht autorisierter Mitschnitt des Streams im Netz aufgetaucht ist, werden sich Anwender auf diesen stürzen. Man findet das Interview sogar schon in voller Länge bei YouTube...

Nicht eine vermeintliche Gratiskultur oder eine prinzipiell fehlende Zahlungsbereitschaft sind die treibenden Kräfte hinter Piraterie, sondern das Unverständnis der Unterhaltungsbranche für eine zeitgemäße, grenzüberschreitende Distribution von digitalen Inhalten - erst recht im Bezug auf den VHS-Mitschnitt eines Interviews mit einem Firmenlenker, das ohnehin nicht zum Kassenschlager bei der breiten Massen werden wird. Beispiele für diesen Missstand gibt es viele. Das Jobs-Interview gehört zu den offensichtlichsten.

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