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25.04.13

Das Netz und die News-Blase: Nachrichten werden überbewertet

Erfolgreiche Menschen sind informierte Menschen, erst recht in der Internetbranche. Doch Nachrichten werden überbewertet.

BlaseIn den vergangenen anderthalb Wochen befand ich mich auf einem kleinen Roadtrip mit Freunden und versuchte, weitestgehend dem Verhalten zu entsprechen, das man gemeinhin als "Urlaub" bezeichnet: nämlich nicht zu arbeiten. Größtenteils gelang mir dies auch. Die Artikel unter meinem Namen waren vorproduziert, den Blick in das E-Mail-Postfach beschränkte ich auf wenige Minuten täglich und auch dem Konsum meiner RSS-Feeds widmete ich deutlich weniger Zeit als sonst üblich. Ganz wollte ich mich von der Nachrichtenlange innerhalb der Webbranche jedoch nicht abkoppeln. Erstens ist es als Branchenbeobachter meines Erachtens nach essentiell, über die großen und kleinen Ereignisse innerhalb des Sektors informiert zu sein - Wissen, welches man nach der Rückkehr in den Arbeitsalltag für Artikel benötigt - und zweitens macht es auch ganz einfach viel Spaß. Denn wie bei vielen leidenschaftlichen Bloggern, Tech-Journalisten und sonstigen Berichterstattern ist der Blick auf das Netzgeschehen für mich nicht nur Beruf, sondern auch Hobby. Allerdings muss ich gestehen: Lange nicht mehr empfand ich es als so ernüchternd und teilweise langweilig, während meiner kurzen "Auszeit" die Berichte rund um das Treiben innerhalb der Webszene zu lesen. Inhalte ohne Substanz

Nicht dass mein Interesse für die Branchen verloren gegangen wäre. Wie eh und je verschlang ich gut recherchierte, informative und inspirierende Texte zu den vielschichtigen Themen der Technologie- und Netzwelt, die ich auf unterschiedlichen Wegen zusammentrug und zu einem geeigneten Zeitpunkt auf meinem iPad konsumierte. Doch gleichzeitig wurde mir klar, wie vergänglich der Großteil der Nachrichten und Analysen, die Tag für Tag in schier unbegrenzter Menge ins Netz gestellt werden, eigentlich sind. Geschätzt fehlten 80 Prozent der Texte, die ich innerhalb meiner Urlaubszeit aus meinen RSS-Abos fischte oder zumindest überflog, jede inhaltliche Substanz. Die Artikel bestanden entweder aus Gerüchten und Vorab-Ankündigungen, die am Tag darauf wiederlegt oder bestätigt wurden, aus einfallslosen Analysen ohne jede Relevanz und Inspirationsfähigkeit oder aus Schilderungen von Sachverhalten, die in dieser oder sehr ähnlicher Form schon tausendfach zuvor an selber oder anderer Stelle im Netz zu begutachten waren.

Besonders deutlich wurde dies bei der Unmenge an Texten, welche die dramatischen Ereignisse rund um den Anschlag beim Marathon in Boston durch eine Tech- und Social-Media-Brille betrachteten. Wie bei jedem größeren Vorfall mit nennenswerter Nachrichtenrelevanz wurde allerorts zum tausendstens Mal durchgekaut, wie Twitter & Co die Berichterstattung verändern, und abermals wurde die Leistung von Social Media und Bürgerjournalismus bzw -recherche mit der traditioneller Medien verglichen. 99 Prozent der Perspektiven und Gedanken kannte man zur Genüge.

Ins Auge fiel mir auch, wie zahlreiche Texte künstlich aufgeblasen werden, um eine minimale Information mit Neuigkeitswert in einen scheinbar gehaltvollen Beitrag zu verwandeln. Etwa bei Analysen zur Entwicklung von Apples Aktienkurs, bei denen irgendein sachlich mehr oder weniger zutreffendes Newshäppchen mit einer zwar korrekten, aber stark nach Konserve riechenden Zusammenfassungen der Gesamtlage des Lifestyle-Elektronikunternehmens kombiniert wird.

Konsumiert weniger Nachrichten!

Eine schöne Abwechslung von meiner Unzufriedenheit mit dem, was mir von den Tech-Medien an Urlaubslektüre geboten wurde, stellte dieser Beitrag bei slate.com dar, der die systemische Schwäche der heutigen Nachrichtenlandschaft kritisiert und dies am Beispiel der Ereignisse in Boston macht. "Breaking News is Broken" - wörtlich übersetzt "Eilmeldungen sind kaputt", so der Titel. Anstatt sich viele Stunden "in Echtzeit" stückchenweise mit Informationen und Fehlinformationen über aktuelle Begebenheiten bombardieren zu lassen, wäre es besser, im Nachhinein einfach zehn Minuten für einen gut zusammengefassten und recherchierten Text beim bevorzugten Nachrichtenmedium aufzuwenden, so der Autor.

Zumindest in meiner Rolle als Medien- und Newskonsument stimme ich dieser Sichtweise zu. Zu viel Zeit verschwenden wir als "Verbraucher" heute damit, uns mit Nachrichten berieseln zu lassen - bei denen es sich häufig nicht einmal um Nachrichten handelt, sondern um Nachrichtenpartikel, Gerüchte und Belanglosigkeiten, die sich in keiner Form positiv auf das Leben oder die berufliche Tätigkeit auswirken. Im Grunde ist ihr Zweck einzig und allein Unterhaltung, kaum anders als bei einer TV-Reality-Show oder einem Kreuzworträtsel. Daran ist freilich nichts verwerflich. Beim Nachrichtenkonsum fehlt uns aber häufig die Einsicht, warum wir das Gefühl haben, jedes Detail eines Bombenanschlags, einer Geiselnahme oder eines beliebigen anderen Medienevents irgendwo auf der Welt möglichst "live" mitverfolgen zu müssen, anstatt im Nachhinein mit minimalem Zeitauwand ein maximales Level an sachlich korrekter Information zu erhalten.

Die Luft aus der News-Blase lassen

Gleiches gilt auch für die Internetwirtschaft und den Technologie-Bereich. Zwar benötigen Unternehmer, Startup-Teams, Kreative, Investoren, Aktienbesitzer und Analysten möglichst aktuelle Einblicke und Informationen, um kritische und sensible Entscheidungen treffen zu können. Und rechtzeitig über neue Apps, Onlinedienste und Startup-Gründungen zu erfahren, ist für neugierige Personen und Early Adopter auch einfach eine Freude. Doch ich glaube, dass es an der Zeit ist, die Luft aus der mit der Digitalisierung und dem Aufkommen von sozialen Medien sowie dem Realtime Web entstandenen News-Blase entweichen zu lassen. Der Weg dorthin läuft über die Nachrichtenkonsumenten, die sich in Newsverzicht üben und - sofern es für ihr berufliches oder privates Vorankommen nicht erforderlich ist - ganz einfach weniger Zeit damit verbringen, künstlich aufgeblähte und mit Geschmacksverstärkern aufgepeppelte Nachrichtenkost zu sich zu nehmen, die sie nie sättigt, ihnen aber viel Zeit nimmt. Wie bei Lebensmitteln ist es gar nicht so leicht, überhaupt das Vorhandensein eines Problems wahrzunehmen - bis es einem wie Schuppen von den Augen fällt.

Bis zu einem gewissen Grad werden Nachrichten überbewertet, so mein Fazit aus dieser Reflexion. Wo das ideale Maß an Informations- und Newskonsum liegt, wird von Person zu Person variieren. Die eigenen Gewohnheiten diesbezüglich aber einmal zu hinterfragen, schadet sicher nicht. Und als Redakteur und Autor nutze ich diese Erkenntnis auch dafür, an der eigenen redaktionellen und inhaltlichen Linie zu arbeiten. Denn dafür ist ja Urlaub auch da: Um gestärkt und mit neuen Ideen zurück an die Arbeit gehen zu können. /mw

(Foto: stock.xchng/calyssa)

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