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24.02.14

Das Ende des Roaming-Ärgers: Ich habe die Zukunft gesehen

Hohe Roaminggebühren sind ein Ärgernis, das auch durch die Vörstöße der EU nicht ganz beseitigt wird. In den USA bietet T-Mobile unterdessen einen Tarif an, der einen Blick in eine Zukunft gestattet, in der Ländergrenzen nicht mehr die Onlinekommunikation einschränken.

RoamingIch habe gerade die Zukunft gesehen: Ich reiste in ein anderes Land und konnte dort ohne Wechsel der SIM-Karte über ein lokales Mobilfunknetz kostenfrei im Internet surfen. Ohne dass ich dafür bei meinem Provider ein spezielles Roamingpaket buchen musste. Ohne dass mir im Nachhinein für meine Webzugriffe zusätzliche Gebühren in Rechnung gestellt werden. Ohne dass ich meine Nutzung extrem einschränken muss, um nicht frühzeitig ein lächerlich niedriges Trafficlimit zu überschreiten. Und ohne dass ich für den Vertrag, der mir dies ermöglicht, mehr zahlen muss als für die Prepaid-Karte des selben Anbieters.Verantwortlich für diese utopisch klingende Freiheit ist T-Mobile USA. Die US-Tochter der Deutschen Telekom bietet einen Vertrag, bei dem unbegrenztes Datenroaming in 100 Ländern inklusive ist. Einige Steine wurden mir zwar in den Weg gelegt. Diese hatten allerdings damit zu tun, dass man mit einem Journalisten-Visum für die Vereinigten Staaten bei T-Mobile USA aktuell eigentlich keinen Vertrag abschließen darf. Unverständlicherweise, wie ich in einem Beitrag auf meinem privaten Blog erläuterte. Doch ein Sprecher des Mobilfunkanbieters versicherte mir auf meine Nachfrage hin, dass man überprüfe, inwieweit man dies ändern könne, und informierte mich, dass man mir ausnahmsweise doch den Abschluss eines Vertrags gestatte. Unterdessen hatte ich jedoch bereits jemand anderes dazu bewegen können, in meinem Auftrag einen Vertrag abzuschließen. Das ist zwar etwas umständlicher, aber was tut man nicht dafür, um in 100 Ländern kostenfrei Roamen zu können.

Ende der vergangenen Woche bin ich aus den USA nach Kanada geflogen. Seitdem surfe ich mit meiner US-amerikanischen T-Mobile SIM-Karte im kanadischen Rogers-Netz. Komplett ohne Kosten und offizielle Nutzungsbeschränkungen in Hinsicht auf das Datenvolumen. Das einzige Manko ist die Drosselung auf eine maximale Datenrate von 128 kbit/s. Damit entfallen Medienstreaming und einige andere Aktivitäten, bei denen in kurzer Zeit viel Megabytes bewegt werden. Für die wichtigen und üblichen Aktivitäten und Apps, die während Reisen zum Einsatz kommen, reicht diese Geschwindigkeit aber völlig aus: E-Mails, Twitter, Facebook, Chats, Google Maps, foursquare. Wer unbedingt Highspeed benötigt, kann Zusatzpakete erwerben. Ich jedoch gebe mich mit 128 kbit/s komplett zufrieden. Alles andere erledige ich per WLAN, inklusive VoIP-Gespräche.

Hohe Kosten für Datenroaming sind für Vielreisende, Urlauber, Geschäftsleute (oder ihre Arbeitgeber), digitale Nomaden sowie globale Weltbürger eines riesiges Ärgernis, und sie behindern die Entwicklung des mobilen Internets. Laut einer aktuellen EU-Erhebung schränken 94 Prozent der Europäer ihre Onlinenutzung bei Reisen ins Ausland aus Kostengründen ein. 47 Prozent verzichtet komplett auf Roaming. Während mit dem Euro und dem Schengen-Abkommen verschiedene Grenzen des länderübergreifenden Austauschs aus dem Weg geräumt wurden, stellen Romainggebühren abgesehen von der Sprache die letzte verbliebene Barriere zwischen Nationen dar. Je größer die Distanz zur Heimat, desto größer ist zumeist diese Barriere.

Die EU verpflichtet hiesige Telekommunikationsfirmen dazu, innerhalb der nächsten Jahre die Gebühren für Roaming innerhalb Europas ganz abzuschaffen. Damit wäre ein erster wichtiger Schritt getan. Allerdings reisen immer mehr Menschen weitere Strecken, weshalb die EU-Initiative wirklich nur einen Anfang darstellen kann. Aus diesem Grund finde ich das Angebot von T-Mobile USA so zukunftsweisend: Es umfasst Länder auf allen Erdteilen. Bedenkt man, dass für die günstigste Variante des Vertrags 50 Dollar (rund 36 Euro) pro Monat anfallen, kann ich mir gut vorstellen, das Abo auch dann weiterlaufen zu lassen, nachdem ich meine Zelte an der Westküste abgebrochen habe (sofern dies nicht anbieterseitig verhindert wird).

Derzeit greifen zahlreiche Mobilfunker in Europa den Zwängen der EU vor und senken die Gebühren für Datenroaming. Noch immer existiert jedoch ein äußerst unübersichtlicher Tarifdschungel, der die Wahl der richtigen Lösung umständlich macht und hohe mentale Kosten verursacht. Bei T-Mobile in Deutschland etwa findet sich unter der Rubrik "Surfen im Ausland" ein Wirrwarr an Optionen. Zeitlich beschränkte Pässe, Tarifarten und Ländergruppen müssen evaluiert werden und lassen einen stets befürchten, womöglich doch die falsche Wahl getroffen zu haben.

T-Mobile

Das meines Erachtens nach Revolutionäre des Ansatzes von T-Mobile USA ist die Reduktion auf das Wesentliche und der Verzicht auf die aus Kundensicht frustrierende Differenzierung der Roamingangebote nach unterschiedlichsten Merkmalen. Das Surfen im Ausland ist für Nutzer dann am attraktivsten, wenn sie dabei nicht gezwungen sind, ihr Surfverhalten zu verändern, und wenn sie im Vorfeld der Reise nicht aktiv darauf einwirken müssen, während des Trips die besten Konditionen zu genießen. Abgesehen von der Drosselung, die sich bei "normaler" Smartphone-Verwendung wirklich nicht als großes Hindernis erweist, erfüllt die US-Tochter des deutschen Telekomkonzerns diese Kriterien.

Für T-Mobile USA ist das Inklusivroaming Teil einer großangelegten Marketingoffensive und vermutlich mit einem recht großen Investment verbunden. Immerhin lässt sich das Unternehmen lukrative Roamingebühren entgehen, ohne dass die dafür zulässigen Verträge mehr kosten als ihre Prepaid-Alternativen (und darüber hinaus keine Mindestlaufzeiten oder Kündigungsfristen beinhalten!). Dennoch hoffe ich, dass das Beispiel progressive, aufstrebende Mobilfunker in anderen Ländern inspiriert, durch kundenfreundliche, simple und vor allem kostengünstige Roaminglösungen Marktanteile zu erobern. Damit möglichst viele andere Menschen, die meine Bedürfnisse in Bezug auf Connectivity teilen, ebenfalls die Zukunft erleben können. Hat man diese einmal gesehen, will man nicht wieder zurück in die Vergangenheit. /mw

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