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22.11.12

Das Anti-Startup: WhatsApp macht alles falsch

Kein anderes Internetunternehmen macht so viel falsch wie WhatsApp. Gleichzeitig sind nur wenige Webfirmen so erfolgreich. Der Smartphone-Messenger aus Kalifornien bleibt ein Mysterium.

Schon länger beobachten wir mit einer Mischung aus Erstaunen und Respekt den kometenhaften Aufstieg von WhatsApp. Mittlerweile gehört der im Sommer 2009 lancierte Smartphone-Messenger zu den nutzerstärksten proprietären Kommunikationsdiensten weltweit. Anwenderzahlen im geschätzten dreistelligen Millionenbereich, ein permanentes Anführen der App-Download-Charts in über 100 Ländern und eine Reichweite in Deutschland, mit der es lediglich Facebook aufnehmen kann, sprechen eine eindeutige Sprache.

Das vollkommen Einzigartige an dieser Situation: WhatsApp verstößt im Prinzip gegen jede Seite im ungeschriebenen Lehrbuch darüber, wie man ein Startup zum Erfolg bringt. WhatsApp mach alles falsch, was man als junger Onlinedienst nur falsch machen kann, und sichert sich trotzdem einen Platz an vorderster Front der tonangebenden Internetservices. Es folgt eine Zusammenfassung aller Fehltritte und fragwürdigen Praktiken des Unternehmens aus dem kalifornischen Mountain View:

Zwang zur Adressbuchfreigabe

Um WhatsApp nutzen zu können, sind Anwender dazu gezwungen, ihr Adressbuch freizugeben. Wer dem nicht zustimmt, muss auf WhatsApp verzichten. Für jeden um den Datenschutz besorgten Nutzer stellt dies eine frühzeitige Einstiegsbarriere dar.

Abhängigkeit von Mobilfunknummer

Bei WhatsApp gibt es keine Benutzernamen. Wer über die App mit Freunden oder Bekannten kommunizieren will, muss diese zwangsläufig zum Smartphone-Adressbuch hinzufügen. Die feste Bindung an eine Mobilfunknummer heißt auch, dass ein und der selbe WhatsApp-Account nicht auf mehreren Geräten gleichzeitig genutzt werden kann.

Funktioniert nicht auf Tablets

WhatsApp ist nicht nur nicht für Tablets optimiert, es geht gar den ungewöhnlichen Schritt, den Download zu verweigern. Versuche, über das iPad oder ein Nexus 7 WhatsApp auf offiziellen Wegen herunterzuladen, schlagen fehl.

Keine Augenweide

Weder optisch noch funktionell kann WhatsApp in irgendeiner Form überzeugen oder aus der großen Zahl an Konkurrenten herausstechen. Es bietet maximal Standardkost.

Keine Innovation

WhatsApp entwickelt sich nicht sonderlich weiter. Weder eine Browservariante noch eine offizielle Desktop-App noch eine API existieren.

Permanente Sicherheitsbedenken

Die App ist wegen ihres laxen Umgangs mit Sicherheits- und Verschlüsselungsfragen Dauergast in der IT- und Mainstream-Presse. Eine Google-Suche nach "WhatsApp + Sicherheitsloch" fördert 752.000 Suchergebnisse zu Tage.

Dilletantische Kommunikation

WhatsApp verzichtet komplett auf Presse- und Kommunikationsarbeit und hält sich anders als 99 Prozent der Internet- und Mobile-Startups mit offiziellen Verlautbarungen völlig zurück. Was anfänglich noch eine bewusst auf Informationsverknappung ausgelegte PR-Stategie à la Apple erahnen lässt, erweist sich spätestens dann als pures Desinteresse an Unternehmenskommunikation, wenn eine viel kritisierte Sicherheitslücke heimlich gestopft wird, ohne dass dies in irgendeiner Form bei WhatsApp Erwähnung findet. WhatsApp ist die öffentlichkeitsscheueste Firma des gesamten Webs.

Verwirrende Preispolitik

WhatsApp betreibt eine verwirrende, uneinheitliche Preispolitik (Nachtrag: Dieser Satz wurde modifiziert, da er missverständlich aufgefasst wurde). iPhone-Nutzer zahlen einmalig 0,89 Euro. Besitzer von Android-Smartphones und Geräten anderer Plattformen konnten WhatsApp bisher gratis verwenden. Obwohl das Unternehmen stets betonte, dass dies nur für das erste Jahr gelte. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass WhatsApp die Kostenpflichtigkeit ab dem zweiten Jahr nun durchzusetzen scheint. Die Meldung, dass demnächst 0,99 Dollar jährlich für WhatsApp zu entrichten seien, sorgte für einen regelrechten Tsunami in der Medienlandschaft. Was angesichts des Kleckerbetrags ein weiteres Indiz für die massive Bedeutung von WhatsApp darstellt.

Fazit

Sicherlich sollte der Erfolg von WhatsApp nicht zu dem Schluss führen, dass jedes junge Web- und Mobileunternehmen sich ähnlich eigenwilliges, nachlässiges und zurückgezogenes Agieren leisten kann, wie es die Kalifornier seit über drei Jahren. Doch die Geschichte zeigt, dass das alte Sprichwort, der Beste würde sich am Markt durchsetzen, im Netz nicht immer Gültigkeit hat. Oder dass im Social Web die Definition des "Besten" weit weniger mit dem eigentlichen Produkt sondern sehr viel mehr damit zu tun hat, wer dieses Produkt nutzt. Wie es allerdings überhaupt dazu kam, dass ausgerechnet WhatsApp sich an die Spitze der Smartphone-Messenger setzen konnte, darüber darf man weiter rätseln.

Nachtrag: Eine andere Schlussfolgerung lautet natürlich: "User ticken ganz anders, als man denkt", wie Jakob Steinschaden bei Twitter feststellt.

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