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26.09.14

Da braut sich was zusammen: Die gesamte US-Techbranche spricht über Ello

Im Sommer wurde der Microblogging-Dienst Ello zum Gesprächsthema innerhalb der deutschsprachigen Geek-Szene. Seit einem Tag kennt plötzlich die englischsprachige Branchenpresse kaum noch ein anderes Thema. Auch wenn die Aussichten auf den großen Erfolg aufgrund üblicher Mechanismen des Social Web nicht groß sind, wird es ab jetzt spannend.

Ich muss gestehen: Seit meinem Artikel vom 9. September über Ello habe ich mich nicht mehr bei dem werbefreien Microbloggingdienst, der in den Sommermonaten im deutschsprachigen Raum und in bestimmten Kreisen der Designer-Community einiges an Aufmerksamkeit erhielt, blicken lassen. Denn trotz des interessanten Idee und der guten Intentionen der Macher bietet der Service erst einmal nichts, was ich nicht woanders auch bekommen kann. Zudem sagt ein kleiner geografisch-begrenzter Hype sehr wenig darüber aus, ob ein Social-Web-Angebot auf breiter Front Netzwerkeffekte erzielen und damit für User tatsächlichen Mehrwert bieten kann.

Doch heute darf ich konstatieren, dass Ello offiziell die Aufmerksamkeitsschwelle in der englischsprachigen Tech-Szene durchbrochen hat: Beim morgendlichen Blick in meinen Feedreader und meine Twitter-Timeline war Ello plötzlich Topthema von amerikanischen Bloggern, Journalisten und Branchenvertretern. Den Anfängen eines solchen Phänomens auf den Grund zu gehen, ist immer schwierig. Ein Eintrag über Ello bei der renommierten Newssite Hacker News vor vier Tagen mag den Auslöser gegeben haben. Recode berichtete gestern, dass der Service sich besonders in LBQT-Kreisen einer großen Beliebtheit erfreue, nachdem Facebook zuvor mit der Sperrung von Accounts einiger Drag Queens in die Kritik geraten war.

Was Ello seit gestern an Presseberichten zuteil wurde, ist jedenfalls äußerst beeindruckend. Eine Auswahl:

Und viele viele mehr (siehe Techmeme). Jubel-Blogger Robert Scoble bezeichnet Ello fragend als das nächste Google+, wobei unklar ist, ob das als Lob oder Beleidigung gemeint ist.

Mit dem plötzlichen Durchbruch in der englischsprachigen Webszene beginnt Ellos offizielle Ära als Rivale für existierende soziale Netzwerke. Zehntausende werden sich in diesen Tagen den Dienst anschauen, und dann eventuell immer mal wieder dort vorbeischauen - oder auch nicht. Die laut den Berichten bereits vorhandene Loyalität bestimmter subkultureller Gruppen zu dem Service hilft sicherlich, einen vollständigen Geisterstadt-Effekt zu verhindern. Wahrscheinlich ist auch, dass das Aufbäumen von Ello eine Reihe von notorischen Facebook-Skeptikern in Bewegung setzt, die seit Jahren unzufrieden mit der Macht des sozialen Netzwerks sind, aber nie wirklich an anderer Stelle “zuhause” wurden. Zumal das Narrativ "David gegen Goliath" nicht nur für Journalisten sehr verlockend ist.

Der aktuelle Medienfokus wird, wie das immer der Fall ist, dennoch schnell vorbei sein. Bleiben danach genug der sich jetzt mit dem Dienst vertraut machenden Anwender “hängen”, hat Ello Chancen, tatsächlich zu etwas Größerem zu werden. Dass es soweit kommt, dafür gibt es aber nach wie vor keine Garantie. Zumal der Service noch nicht einmal mobile Apps vorweisen kann.

Nach unserer Kenntnis ist es übrigens erst das zweite Mal, dass das Angebot eines US-Startups zuerst in der kleinen deutschsprachigen Early-Adopter-Sphäre zum Gesprächsthema wird und die gleiche Entwicklung dann mit Verspätung im englischsprachigen Web durchmacht: Der Hypezyklus des Frage-Antwort-Service Formspring folgte vor vier bis fünf Jahren dem selben Muster. Heute existiert der Dienst nicht mehr.

Ello-Mitgründer Paul Budnitz verspricht, dass der Dienst "Ad-free und porn friendly" bleiben werde. Man sollte sich also genau überlegen, ob man die eigenen Eltern zu Ello einlädt. /mw

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