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30.09.14

Crowdfunding: Die Plattformen müssen ihre Nutzer besser schützen

Kickstarter, Indiegogo und andere bieten faszinierende Chancen für Gründer, sind aber ebenso Bühne für Betrug und Selbstüberschätzung. Die Plattformen tun bislang zu wenig, um ihre Nutzer zu schützen.

Startseite von Indiegogo Startseite von Indiegogo

 

Indiegogo und Kickstarter haben das Prinzip Crowdfunding groß gemacht: Es sind Plattformen, bei denen Erfinder und Gründungswillige auf Unterstützer, Geldgeber und potenzielle Kunden treffen. Das Prinzip: Die Macher stellen ihre Projektidee vor und bitten bei den Nutzern um Geld. Diese bekommen im Gegenzug eine Belohnung, bei Hardware-Projekten wird oftmals das fertige Gerät zu einem Sonderpreis und vor dem offiziellen Marktstart versprochen.

Es gibt in diesem Bereich Erfolge wie die Pebble Smartwatch, aber auch etliche Projekte, die niemals ihre Versprechen erfüllen konnten. Manchmal hatten die Gründer den Mund zu voll genommen, manchmal haben sie sich verkalkuliert, manchmal spielte ihnen ein unvorhergesehenes technisches Problem einen Streich und manchmal hatten sie vielleicht niemals vor, wirklich ein Produkt auszuliefern.

Was Kickstarter tut

Kickstarter hat auf diese Problematik, die sich gerade im Bereich der Gadgets zeigt, bereits in der Vergangenheit reagiert. So werden Projekte auf dieser Plattform generell darauf hin kontrolliert, ob sie gewissen Regeln entsprechen. Kickstarter erlaubt es Beispielsweise nicht mehr, das beschriebene Produkt mit Renderings aus dem Computer zu zeigen, weil man sie für Fotos halten könnte. Stattdessen sollen die Projektinitiatoren den Nutzern den aktuellen Prototypen im Bild präsentieren. Darüber hinaus gibt es am Ende des Projekts standardmäßig einen Infokasten „Risks and challenges“, in dem die Projektinitiatoren auf die möglichen Stolpersteine hinweisen sollen.

Als neuesten Schritt hat Kickstarter seine Nutzungsbedingungen überarbeitet. Zum einen wollte man sie lesbarer machen, wie es in einem Blogpost dazu heißt. Zugleich aber will man sich klarer als bisher von missratenen Projekten distanzieren. Hier ist besonders der Abschnitt 4 wichtig. Darin wird unter anderem aufgelistet, was ein Projektmacher zu tun hat, falls er es nicht wie versprochen umsetzen kann.

Auch in seinen FAQs stellt Kickstarter klar, dass sie sich letztlich nicht in der Verantwortung sehen, wenn Projekte nicht gelingen:

It’s the project creator’s responsibility to complete their project. Kickstarter is not involved in the development of the projects themselves.

Kickstarter does not guarantee projects or investigate a creator’s ability to complete their project. On Kickstarter, backers (you!) ultimately decide the validity and worthiness of a project by whether they decide to fund it.

Und bei alldem stellen sie fest: „… backers must understand that Kickstarter is not a store.“

Kickstarter erlaubt generell keine Renderings. Kickstarter erlaubt generell keine Renderings.

Was Indiegogo tut

Indiegogo ist in gewisser Weise offener als Kickstarter. Die Plattform begreift sich als „demokratisches“ Angebot. So entscheidet bei Indiegogo niemand im Vorfeld über die Projekte und gelöscht oder gestoppt werden sie nur in Ausnahmefällen. Ansonsten überlässt man es der Weisheit der Masse, die Guten und die Schlechten voneinander zu trennen. Dieses Prinzip bietet zwar mehr Freiheiten, birgt aber auch mehr Gefahren.

Im Gegensatz zu Kickstarter kann man bei Indiegogo darüber hinaus auch ein „flexibles Finanzierungsziel“ setzen. Während die Projektmacher bei Kickstarter das Geld der Nutzer also nur bekommen, wenn ihre zuvor festgelegte Mindestsumme erreicht oder überschritten wird, kann man als Initiator bei Indiegogo festlegen, dass man unabhängig davon ans Geld kommt. Das macht es zwar einerseits manchem Projekt einfacher, zumindest eine kleine Unterstützungssumme einzusammeln. Aber andererseits ist das ein Schlupfloch für Betrügereien, denn den Hinweis auf die „flexible“ Finanzierung kann man als Nutzer schon einmal schnell übersehen.

Indiegogo verweist auf nicht näher beschriebene Algorithmen , die automatisch Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen erkennen sollen. Die werden sich sicherlich vor allem auf leicht erkennbare Dinge wie beispielsweise illegale Produkte beziehen. Ansonsten sieht sich Indiegogo als Marktplatz und weist damit  in seinen Nutzungsbedingungen  ebenso wie Kickstarter Verantwortung von sich:

Campaign Owners are legally bound to fulfill any Perks. Indiegogo is under no obligation to become involved in disputes between Campaign Owners and Contributors, or Users and any third party. In the event of any dispute, such as a Campaign Owner's alleged failure to comply with the Terms or alleged failure in fulfillment of a Perk, we may provide the Campaign Owner's contact information to the Contributor so that the two parties may resolve their dispute.

Ähnlich wie bei Kickstarter bekommt man solche ausführlichen Erklärungen nur, wenn man sich in die Tiefen der Unterseiten begibt.

Die Plattformen machen es sich einfach – und gefährden sich selbst

Aus meiner Sicht machen es sich Kickstarter, Indiegogo und viele andere Plattformen zu leicht. Sie informieren zwar über die potenziellen Gefahren, aber doch vor allem auf Unterseiten und in kleinen Schriftgrößen am Rande der Seite. Immerhin: Sowohl Indiegogo als auch Kickstarter weisen ebenfalls im Zuge des Bezahlprozesses darauf hin und dort ist der Hinweis auch dringend notwendig. Bei Indiegogo findet er sich eher unauffällig und klein unterhalb des Formulars, bei Kickstarter wird er mit dem Hinweis „Important“ versehen und ist oben im sofort sichtbaren Bereich zu finden – aber trotzdem nur eine Randnotiz im Vergleich zum Bezahlprozess auf der linken Seite.

Hinweis im Bezahlprozess bei Kickstarter... Warnhinweis im Bezahlprozess bei Kickstarter in der Seitenleiste (Pfeil)...

 

...und bei Indiegogo. ...und bei Indiegogo unterhalb des Formulars.

 

Wo ich persönlich aber vor allem Nachholbedarf sehe: Beide Portale geben den Nutzern zu wenige Möglichkeiten, die Projekte zu bewerten und einzuschätzen. Man setzt zwar auf die Weisheit der Masse, gibt der aber zu wenig Mittel und Wege sich zu äußern. Und auch die Portale selbst hätten noch viele Möglichkeiten, den Nutzern mehr Informationen sofort an die Hand zu geben.

So kann man auf Indiegogo lobenswerterweise auch dann ein Projekt kommentieren, wenn man es (noch) nicht unterstützt hat. Bei Kickstarter hingegen sind die Kommentare allein den Unterstützern vorbehalten. Warum eigentlich? Gerade wenn noch Fragen offen sind, sollten die doch für jeden gut sichtbar gestellt werden dürfen. Und auch Zweifel an der Umsetzbarkeit, der Glaubwürdigkeit der Macher oder dem generellen Zeitplan sollte man direkt auf der Projektseite äußern können.

Zudem sollten die Projektseiten einen Standard-Fragenkatalog enthalten, den jeder Initiator beantworten muss. Der sollte sich zum Beispiel darum drehen, wie viel Erfahrung die Initiatoren schon mit vergleichbaren Projekten haben oder was sie zur Umsetzung dieses Vorhabens qualifiziert. Eventuell müssen solche Fragen je Kategorie angepasst werden, denn bei Hardware-Projekten ist unter anderem gut zu wissen, wie viel Erfahrung es im Team mit dem Start einer Massenproduktion bisher gibt. Die Antworten der Macher sollte man als Nutzer wiederum direkt kommentieren können. Auf diese Weise könnten fachkundige Nutzer der Portale die unbequemen Fragen direkt und öffentlich stellen.

Darüber hinaus wäre es denkbar, bestimmte Fakten positiv oder negativ hervorzuheben. So könnten die Portale offensiver und besser sichtbar darauf hinweisen, ob der Projektmacher bereits andere erfolgreiche Crowdfunding-Projekte hatte, ob er seine Identität hat bestätigen lassen und einiges mehr. Airbnb würde ich hier in manchen Dingen als vorbildlich ansehen. Das Portal versucht, auf möglichst viele Weisen sowohl Vertrauen zu schaffen als auch Feedback zu einem zentralen Feature der Plattform zu machen.

Solche und andere Maßnahmen könnten sicherlich dazu führen, dass so mancher Nutzer kein Geld gibt. Und da Kickstarter, Indiegogo & Co. an den erfolgreichen Finanzierungen verdienen, schneiden sie sich hier auf den ersten Blick ins eigene Fleisch. Aber das ist natürlich zu kurzfristig gedacht. Wer von einem Crowdfunding-Projekt bitter enttäuscht wurde oder sich gar über den Tisch gezogen fühlt, wird kaum wieder den Schritt wagen. Und wer von solchen Crowdfunding-Alpträumen hört, wird es möglicherweise selbst gar nicht erst in Erwägung ziehen. Damit untergraben Crowdfunding-Plattformen am Ende ihre eigene Lebensgrundlage. Letztlich basiert ihr Geschäftsmodell auf dem Vertrauen der Nutzer.

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