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20.05.10

Chrome Web Store: Wie Google den Browser und Bezahlinhalte revolutionieren will

Google hat den Chrome Web Store vorgestellt. Damit soll das Installieren von Applikationen direkt im Browser möglich werden - eine Strategie, die Bezahlangeboten zu einem unerwarteten Aufschwung verhelfen könnte.

Seit der Vorstellung des ersten Webbrowsers im Jahr 1990 verwenden Internetnutzer die Software, um durch die Eingabe von HTTP-Adressen gezielt Websites anzusteuern. Wer nicht weiß, auf welcher Site das Gesuchte zu finden ist, nutzt dafür eine Suchmaschine.

Mit dem gestern im Rahmen der Entwicklerkonferenz Google I/O angekündigten Chrome Web Store will Google dieses seit zwei Jahrzehnten angewandte Verfahren um eine zusätzliche Dimension erweitern: Der Browser soll nach den Vorstellungen von Google zu einem Ort werden, an dem man Applikationen installiert, die man zuvor im Chrome Web Store ausgesucht hat.

Statt beispielsweise über die Adresseingabe oder ein Bookmark zu www.tweetdeck.com zu surfen und dort die Desktop-Software des beliebten Twitter-Clients herunterzuladen - der ab sofort auch Google Buzz unterstützt - würden Nutzer innerhalb ihres Browers aus dem Chrome Web Store die TweetDeck-Applikation "installieren" und aus Chrome darauf zugreifen.

Der Unterschied ist, dass die jeweilige Anwendung nicht direkt auf dem lokalen Betriebssystem installiert wird, sondern innerhalb des Browsers läuft und dort eine bevorzugte Behandlung erfährt. Möglich wird das, da sämtliche für den App Store vorgesehenen Dienste auf herkömmlichen, vom Browser lesbaren Protokollen und Standards basieren, wie HTML5 oder Flash. Gleichzeitig erhalten die Applikationen jedoch größere Funktionsfreiheit, um sich für den Nutzer wie auf herkömmlichen Wegen installierte Desktop-Software anzufühlen.

Google möchte mit dem Chrome Web Store den Browser revolutionieren und die zwei drängensten Probleme für Entwickler lösen: Auffindbarkeit und Monetarisierung.

Richtig, Monetarisierung! Das neue Google-Produkt würde sich nicht "Store" nennen, wäre darin nicht auch ein Weg für Entwickler vorgesehen, Applikationen zu verkaufen. Die Zahlungsabwicklung soll laut Google über ein "bequemes und sicheres Zahlungssystem" ablaufen - gemeint ist damit wahrscheinlich das hauseigene Google Checkout .

Liest man zwischen den Zeilen, wird deutlich, was Google mit dem Chrome Web Store eigentlich anstrebt: nämlich ein im Browser integriertes Zahlungssystem, um Onlinedienste und Inhaltelieferanten dabei zu unterstützen, Geld für ihre Angebote zu verlangen.

Der Betrieb kostenpflichtiger Webangebote wurde bisher durch die Unrentabilität von Micropayments, das fehlende Vertrauen der Nutzer in einzelne Anbieter oder Einschränkungen bei den Zahlungswegen erschwert. Google scheint mit dem Chrome Web Store in Kombination mit Google Checkout einen Versuch zu starten, sämtliche dieser Faktoren auszuschalten. Eine (derzeit rein spekulative) Prepaid-Lösung beispielsweise würde es Anwendern erlauben, ihr Google-Konto mit einem beliebigen Betrag aufzuladen, den sie dann für den Kauf von Applikationen einsetzen.

Der Begriff "Applikationen" darf dabei nicht zu eng gesehen werden. Auch diese gestern vorgestellte, auf HTML5 basierende Ausgabe von Sports Illustrated könnte im Chrome Web Store verkauft werden. Im Prinzip wäre damit all das möglich, was heute bereits mit viel Erfolg vom Apple App Store und Android Market vorgemacht wird.

Apple erhält von jeder Transaktion eine 30-prozentige Beteiligung, genau wie Google für Verkäufe im Android Market. Ob Google für den Chrome Web Store ebenfalls etwas von den Einnahmen der App-Verkäufe einbehalten oder sich damit begnügen wird, durch den Store seinen Chrome-Browser und das ebenfalls geplante Chrome Betriebssystem ins Rampenlicht zu befördern, ist derzeit noch unklar. Update: Laut TechCrunch beträgt die Beteiligung ebenfalls 30 Prozent.

Klar ist hingegen, dass sämtliche für den Chrome Web Store entwickelten Anwendungen auch in allen anderen führenden Browsern funktionieren werden. Es sind ja lediglich Websites, die von Chrome neu paketiert und mit zusätzlichen Rechten ausgestatten werden.

Nachdem Google mehr als einmal mit Inhaltelieferanten aneinander gerasselt ist, die das Unternehmen bezichtigten, mit fremdem Content Geld zu verdienen, könnte der Chrome Web Store das Verhältnis zwischen Google und Verlagen deutlich verbessern und gleichzeitig für alle Webangebote eine neue Alternative darstellen, ihre Services zu monetarisieren.

Die Bewertung aus Nutzersicht fällt mir momentan noch schwer. Zum einen kann man durchaus kritisch darauf blicken , dass Google den Fokus des Browsers weg vom offenen Web hin zu einer durch den US-Konzern kontrollierten Disitributionsfläche für Anwendungen umfunktionieren möchte. Andererseits könnte sich eine Entschärfung der Monetarisierungsproblematik auch positiv auf die Qualität und Vielfalt von Onlineanwendungen auswirken.

Eins wird mit der jüngsten Ankündigung nochmals deutlich: Google hat mit Chrome (Browser sowie OS) tatsächlich Großes vor. Marcel ahnte das bereits beim Start des Chrome Browsers im September 2008.

Einige Screenshots von Web Apps in Chrome gibt es hier.

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