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24.05.12

Cash-Cow mit Zukunft: Warum Facebook eine Suchmaschine starten sollte

Facebook wird alles dafür tun müssen, um neue Erlösquellen zu erschließen. Der Start einer eigenen Suchmaschine erscheint deshalb sehr wahrscheinlich.

In der Woche nach dem größten Börsengang der Internetgeschichte -- der sich auch immer mehr zu einem der problematischsten entwickelt - fällt es schwer, sich nicht in überdurchschnittlich vielen Artikeln mit Facebook zu befassen. Wir hoffen, ihr seht es uns nach! Als Gastautor Hubertus Porschen in seinem gestrigen Beitrag die künftigen Herausforderungen und Chancen des nun unter ganz neuem Druck stehenden sozialen Netzwerks beleuchtete, kam er auf einen Punkt zu sprechen, den ich an dieser Stelle noch einmal separat aufgreifen möchte: Facebooks Potenzial als Suchmaschine.

Facebooks Suche in seiner bisherigen Form ist nicht der Rede wert. Über das zentrale Suchformular lassen sich zwar sowohl interne Inhalte, Apps und Kontakte als auch Webcontent (durch die Integration von Bing) suchen. Dies ist aber weder besonders nutzerfreundlich gelöst, noch macht es Spaß oder sorgt für den Eindruck, hiermit könnte Facebook Google oder andere Suchmaschinen in Bedrängnis bringen. Nein, bisher ist die Suche maximal zweckmäßig, im schlimmsten Fall aber unbrauchbar.

Dass dies für immer so bleiben wird, erscheint spätestens im Angesicht der jüngsten Klagen über die Einseitigkeit und mangelnde Effektivität des bisherigen Facebook-Geschäftsmodells äußerst unwahrscheinlich. Denn wie jeder von Google weiß, stellt eine Vermarktung von Suchwörtern nach wie vor eine ultimative, relativ krisenfeste Cash-Cow dar. Anwender, die nach etwas Spezifischem suchen, sind für zur Intention passende Anzeigen deutlich empfänglicher als Nutzer, die bei Facebook mit ihren Freunden interagieren.

Suchwortvermarktung bleibt Cash-Cow

Trotz der verbreiteten These, dass Empfehlungen des Social Graph künftig der klassischen Suche Konkurrenz machen könnte, gibt es wenig Grund zur Annahme, dass wir im angebrochenen Jahrzehnt deutlich weniger im Netz recherchieren werden. Die Art und Weise, wie dies abläuft, könnte sich verändern und stärker Signale aus dem persönlichen Umfeld sowie neue Bedienkonzepte mit einbeziehen. Doch die Suche als gängiger Weg, um online an spezifische Informationen zu gelangen, wird nicht so schnell verschwinden - womit auch die Suchwortvermarktung ein lukratives Geschäftsmodell bleibt.

Genau deshalb ist in nächster Zeit mit einer Offensive von Facebook im Suchmarkt zu rechnen. Hubertus Porschen verwies in seinem Text auf eine Prognose des Marktforschungsunternehmens Greenlight, das davon ausgeht, dass die Lancierung einer vollwertigen Suchmaschine dem Social Network aus dem Stand einen weltweiten Marktanteil von 22 Prozent bescheren könnte. Angesichts von fast 500 Millionen Nutzern, die sich täglich bei dem Dienst einloggen (manche davon auch über Drittanbieter, die Mehrzahl jedoch direkt bei Facebook), erscheint diese Vorhersage nicht unrealistisch. Im vierten Quartal 2011 erwirtschaftete Google 7,29 Milliarden Dollar über eigene Sites, 69 Prozent des Quartalsumsatzes. Hochgerechnet auf die 38 Milliarden Dollar Umsatz, die der Interntgigant im Gesamtjahr 2011 generierte, wären dies rund 26 Milliarden Dollar Umsatz aus Anzeigen auf Google-Angeboten. Die Suchwortvermarktung dürfte dabei den Löwenanteil ausmachen (und YouTube einen kleineren Teil). Angesichts dieser Zahlen wird deutlich, was für ein Geschäft sich Facebook, das derzeit pro Quartal lediglich rund eine Milliarde Dollar umsetzt, mit seiner schwachen Suche entgehen lässt.

Momentan steuern User das kalifornische Netzwerk an, wenn sie mit ihren Freunden kommunizieren oder unterhalten werden wollen, und Google, sofern sie nach etwas suchen. Mit Google+ möchte letztgenannter Konzern dieses Verhältnis zu seinen Gunsten verändern. Es wäre ein Wunder, wenn Facebook nicht ernsthaft versuchen würde, das Thema Suche stärker zu belegen. Die enge Kooperation mit Microsoft und dessen Suchmaschine Bing ist aufgrund der weltweit geringen Bing-Reichweite bei weitem nicht genug, zumal sie Facebook auch aus wirtschaftlicher Sicht garantiert nicht das einbringt, was eine eigene Suchwortvermarktung an Erlösen verspräche.

Voraussetzungen für Facebook Search sind gut

Die Integration einer Suchmaschine wäre für Facebook eine Leichtigkeit. Das Suchfeld existiert bereits, Nutzer wissen genau, wie eine Suchmaschine funktioniert, und dank der Nutzungsdaten sowie Likes von 900 Millionen aktiven Mitgliedern ließe sich das vieldiskutierte aber bisher in der Praxis eher enttäuschende Konzept der Social Search endlich perfektionieren. Auch sollte es dem US-Unternehmen nicht schwer fallen, den regelmäßig aktiven und damit eher loyalen Teil seiner Anwenderschaft zur Nutzung einer vollwertigen Suche-Funktion zu animieren.

Je länger ich darüber nachdenke, desto offensichtlicher erscheint eine Facebook Suche. Und was spräche dagegen? Wahrscheinlich wären es vorrangig kartell- und datenschutzrechtliche Aspekte, die sich als Herausforderungen erweisen würden. Doch wenn Google seine Vielzahl von Webangeboten mit seiner global absolut dominierenden Suche und dem Social Network Google+ verknüpfen darf, spricht erst einmal wenig dafür, dass Facebook dies verwehrt bliebe. Im Gegenteil: Angesichts eines Google-Suchmarktanteils von über 90 Prozent in einigen Ländern (darunter Deutschland) ist nicht unmöglich, dass Kartellbehörden sogar Gefallen an mehr Konkurrenz im Suchsegment finden.

Facebook könnte für die Suchmaschine auf eine noch engere Zusammenarbeit mit Bing setzen, eine eigene Lösung entwickeln oder sich eine externe Suchmaschine einverleiben. In puncto Qualität der Ergebnisse hat bisher noch kein alternativer Suchanbieter Google das Wasser reichen können. In Kombination mit Facebooks gigantischem Datenschatz allerdings verändern sich die Vorzeichen.

Es würde mich nicht wundern, wenn die Angestellten einer der kleineren Suchmaschinen wie DuckDuckGo oder Blekko demnächst Facebook auf ihren Visitenkarten stehen hätten.

Halten ihr einen Vorstoß von Facebook in den Suchmarkt für erstrebenswert?

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