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16.08.08

Böses Internet: Filmkritiker hat Angst vor Bloggern

Uh-oh: Filmkritik geht natürlich nur im Print, im Internet überall nur "sprachliches und intellektuelles Unvermögen", wettert Josef Schnelle in der Berliner Zeitung.

(atomicjeep, CC-Lizenz)Im Internet treiben sich "hauptsächlich Dilettanten und Abschreiber" herum, warnt Josef Schnelle in der Berliner Zeitung. Im besten Oberlehrer-Tonfall beklagt er den eigenen Autoritätsverlust angesichts der meinungsfreudigen Stimmenvielfalt der Blogger – die Geschichte geht so:

In den USA entlassen Zeitungen ihre Filmkritiker, in Deutschland werde das auch so kommen – und Schuld hat natürlich das Internet, genauer: Die Blogger, die damit die Filmkritik zu Grabe tragen. Denn damit mal eins klar ist: Filmkritik gehört gedruckt, das ist "keine demokratische Angelegenheit", mit Daumen rauf oder runter kommt man da nicht weiter. Dass im Netz jeder einfach so seine Meinung veröffentlich darf, ist Josef Schnelle ganz und gar nicht geheuer. Was da in den Blogs steht ist eh nur "flüchtige Gesprächskultur", zitiert er einen Kollegen, weit entfernt vom "respektablen Literaturgenre" Filmkritik.

Zwar sei die gedruckte Filmkritik Dank der Kinoanzeigen noch nicht akut bedroht: "Aber auch bei uns baut sich im Netz eine Gegenwelt der Blogger auf, deren sprachliches und intellektuelles Unvermögen der Spiegel jüngst aufspießte", schreibt Josef Schnelle.

Dass sich im Internet neben den zahlreichen Laien-Foren und dumpfer Entertainment-Portale eine lebhafte Szene versierter Intellektuellen herausgebildet hat, die geistreicher als jede Zeitung über Filme schreiben, übersieht Schnelle geflissentlich. Oder deutet es, im Fall eines von ihm geschätzten Online-Schreibers, zur Ausnahme der Regel um: Was der denn in dem dreckigen Internet mache, in einem Netzversteck, fragt er sich.

Ekkehard Knörer, crossmedialer Filmkritiker, demontiert das merkwürdige Pamphlet dann auch vollkommen richtig im Perlentaucher. Äußerst lesenswert – nicht allein schon wegen der "Aufzählung von Qualitätsangeboten" im Internet. Und bei moviepilot.de fragt man sich, warum Schnelle in seinem Text ausgerechnet den amerikanischen Filmkritiker Roger Ebert anführt, der im Netz sehr umtriebig ist.

"Das Kino braucht die Filmkritik. Auf Blogs kann es verzichten", kalauert Schnelle zum Schluss seines Artikels. Dass das Kino Filmkritik braucht, mag niemand ernsthaft bestreiten wollen. Dass sie gefälligst gedruckt gehört, schon eher.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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