<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

20.07.08

Blogs in Deutschland: "Man spricht nicht darüber"

Deutsche Online-Schreiber können nicht richtig bloggen, nicht ordentlich streiten und füllen stattdessen lieber oberlehrerhaft die Wikipedia: Lustvoll watscht der Spiegel die Blogosphäre ab.

Gerade klingt der Blogger-Blues etwas ab, da kommt der Spiegel und tritt nochmal kräftig nach. Auf drei Seiten widmet sich die aktuelle Ausgabe der deutschen Blogosphäre. Das Urteil ist vernichtend: Es fehle an Relevanz, politische Blogs seien "so gut wie nicht vorhanden", Blogs würden kaum wahrgenommen. Der Teaser gibt die Stoßrichtung vor:

Deutsche Online-Schreiber haben ein Problem entdeckt: sich selbst. Im Vergleich zu ihren US-Kollegen fehlt es ihnen an Macht und Bedeutung, um die öffentliche Debatte mitzubestimmen. Die meisten sind unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell.

In den USA hingegen werden Blogger reich, berühmt, wechseln mitunter gar zu den etablierten Medien – die sich sogar schon anpassen und blogartige Texte bringen. Lewinsky, Irak-Krieg, Obama. Blogger mischen bei wichtigen Themen mit, schreiben Enthüllungsgeschichten und bestimmten die öffentliche Agenda.

Sehnsucht nach Zuständen wie in den USA

An diesen Ansprüchen gemessen kann die deutsche Blogosphäre nicht mithalten. Soll sie aber, finden die Autoren des Spiegel-Artikels (vielleicht auch einige Blogger, die aber nicht zitiert werden). Was Blogs alles sein könnten! "Massenmediale Alphatiere" gebe es in den USA, hier "spricht man nicht darüber". Es klingt fast so, als wäre das Geschreibe der "Amateure" nur uncool und peinlich.

Auch Habermas wird zitiert, "Wurzeln einer egalitären Öffentlichkeit". Wie war das noch? Es zählt das Argument, nicht, dass es von einem Professor kommt? Gleich darauf wird dann enthüllt, dass ein Blogger in seinem Hauptberuf die Öffentlichkeitsarbeit für einen Wasserversorger mache und freundlich gefragt, was denn angesichts seines Hauptberufs von seinen Texten über Verzerrungen in der Berichterstattung von Massenmedien zu halten sei.

(Beantwortet wird die Frage nicht, nur in den Raum gestellt. Ob die Texte jetzt großer Schwachsinn sind oder der Blogger kundiger Politik- und Medienkenner – egal. Weiter im Text.)

Ist der Ruf erst ruiniert

Auch das schwarze Schaf der Blogosphäre wird hervorgezerrt – seht her, das Blog-Monstrum aus der Schmuddelecke – und die islamophobe Hetze, die anonym aus dem Ausland funkt, vollkommen zu Recht angeprangert. "Solcher Schlamm" vermiese der Blogger-Szene den Ruf, heißt es im Spiegel. So wie Scientology den hervorragenden Ruf der katholischen Kirche ruiniert? So wie der Dreck aus der Bild-Zeitung an seriösen Nachrichtenmagazinen kleben bleibt?

Die erwartete Kritik der Bloggeria am eigenen Artikel wird schon am Anfang des Textes vorweggenommen: Was man auch über Blogger schreibe, man werde verdroschen, "weil man nix verstanden hat oder mit den falschen Leuten gesprochen hat". Verstanden haben sie es. Mit den richtigen Leuten gesprochen auch. Aber vielleicht waren die Erwartungen einfach zu hoch?

Aktuelle Diskussion bei Don Dahlmann ("Warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren") und auf Nerdcore ("Warum Blogs in Deutschland funktionieren").

Nachtrag: Spiegel-Artikel jetzt auch online.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer