<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

08.07.13

Bild-Kommentar entlarvt schockierende Realität: In der Überwachungsdebatte gibt es nicht nur eine Sichtweise

Ein Bild-Kommentar vom Montag irritiert Netzaktivisten, denn er streitet Edward Snowden den Heldenstatus ab. Der Text belegt, was offenbar manchen entgangen war: Es gibt in der Überwachungsdebatte nicht nur eine einzige Sichtweise.

SnowdenEin heute in der Bild-Zeitung auf Seite 2 und im Web veröffentlichter (Springer-Link) Mini-Kommentar zu den Snowden-Leaks und dessen Auswirkungen sorgte am Montagvormittag in der Twittersphäre für einige Entrüstung. Grund: Kommentator Julian Reichelt hält Whistleblower Edward Snowden nicht für einen Held, sondern wirft ihm vor, indirekt Terrorismus zu fördern. Denn nun wüssten Terroristen genau, wie sie der Überwachung entgehen können.

Vorweg: Ich teile die Sicht von Reichelt nicht. Wie ich ohnehin eher selten mit den konservativen Positionen der Bild sympathisiere.

Dennoch warf die Empörung in meiner Timeline bei mir Fragen auf:

     

  1. Gibt es wirklich Überwachungskritiker, die davon ausgehen, dass außer einschlägigen Sicherheitspolitikern alle Menschen in Deutschland in dieser Sache einer Meinung sind?
  2. Ist wirklich jemand darüber verwundert, dass die Bild-Zeitung in ihrer Positionierung einen anderen Fokus wählt als andere tonangebende Leitmedien, und dass sie sich dabei nicht auf die Seite eines Whistleblowers schlägt, der gerade zum Idol von mit Sozialismus und Kommunismus sympathisierenden Staaten heranreift?
  3. Ist es angemessen, Menschen vom hohen Ross herab als dumm, dümmlich oder ähnlich abwertend zu bezeichnen, nur weil sie in ihrer Reflexion zu einem anderen Schluss kommen als man selbst?

Ich fand schon die im Web zu beobachtende Selbstgefälligkeit im Bezug auf Merkels Neuland-Kommentar deplatziert. Sich jetzt darüber zu echauffieren, dass sich nach Dutzenden, wenn nicht hunderten eher überwachungskritischen Beiträgen der vergangenen Wochen in Deutschlands Zeitungen nun eine (der wenigen) journalistischen Gegenstimmen zu Wort meldet, ist bei weitem kein Grund für einen kollektiven Shitstorm. Erst recht nicht, wenn es sich dabei um einen Text von nicht einmal 150 Wörtern handelt, der noch dazu im entscheidenden Punkt ("Überwachungs-Exzesse") der Versuchung von Beschönigung widersteht.

Wir, die "Erleuchteten", täten gut daran, mit konträren Sichtweisen zu Netzthemen respektvoll, offen und konstruktiv umzugehen, anstatt uns kategorisch vor jeder abweichenden Meinung zu verschließen.

Klar strotzen manche Digitalkritischen Stellungnahmen so sehr vor Ignoranz und Unkenntnis, dass es schwierig ist, diese ernst zu nehmen. Im aktuellen Fall jedoch werden wir lediglich Zeuge einer aus einem anderen Werteverständnis resultierenden Perspektive. Eine, die für den gläsernen Bürger ablehnende Individuen schwer zu verdauen sein mag, die jedoch in sich durchaus kohärent ist.

Wie sich der digitale Mob in Netzfragen immer wieder kategorisch, reflexhaft und emotional auf Andersdenkende stürzt, trägt besorgniserregende Merkmale von Konformismus. Und es legt nicht unbedingt die Grundlage für Annäherung zwischen den Lagern.

Auch wenn ich persönlich der Ansicht bin, dass der Preis der omnipräsenten Überwachung für das Streben nach absoluter Sicherheit zu hoch ist, bin ich froh, dass im öffentlichen medialen Diskurs nicht nur die Stimmen der Aktivisten und Freiheitskämpfer zu vernehmen sind. So verlockend der Gedanke auch klingen mag, alle Protagonisten auf seiner Seite zu haben: Das Thema ist viel zu wichtig und diffizil, um nicht alle möglichen Positionen wenigsten gehört und gedanklich Revue passiert lassen zu haben. /mw

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer