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25.11.08

Berufsbild: Presseverschweiger

Eigentlich sollen sie mit der Presse sprechen – eigentlich, denn immer öfter verweigern sich die Ansprechpartner: Ein Besuch auf Deutschlands Pressebaustellen.

Fußballchef Theo Zwanziger: Wie auch immer das ausgehen mag (Keystone)Oh ja - ich weiß sehr wohl was in den PR-Lehrgängen von 'Transparenz', 'Dialogbereitschaft' und 'kommunikativen Prozessen' gesäuselt wird. Und manch eine Tanja Anja mit ihren schönen blauen Augen mag das sogar glauben. Die Wirklichkeit sieht doch ein wenig anders aus als im Code d'Athènes ausgemalt. Beispielhaft ist vielleicht diese Odyssee, die der taz-Schreiber Felix Werdermann hinter sich hat. Das Vordringen zum heilgen Gral der Transparenz im PR-Gewerbe erinnert mich hier doch mehr an die Mission eines Sturmtrupps im Ersten Weltkrieg, der hinter den Stacheldrahtverhau der feindlichen Linien zu gelangen trachtet:

"Die neue Pressesprecherin Antje Evers erklärt in einer E-Mail an die taz, dass folgendes Prozedere einzuhalten sei, bevor man Auskunft erhält: '1. Vorlage einer gut lesbaren Kopie eines gültigen Presseausweises. 2. Schriftliche Bescheinigung der Redaktion eines anerkannten Mediums, aus der hervorgeht, dass der anfragende Journalist regelmäßig für dieses Medium tätig ist. 3. Schriftliche Bescheinigung der Redaktion, aus der hervorgeht, für welchen konkreten Beitrag die Anfrage bei uns gestellt wird.' Damit aber noch nicht genug. Evers will dann sicherheitshalber noch einmal in der Redaktion anrufen: 'Bitte vergessen Sie also nicht, eine Telefonnummer anzugeben.'

So geht's inzwischen zu auf Deutschlands Pressebaustellen. Klar, dass unter diesen Umständen ein Mitglied der PR-Zunft das Lügen gar nicht mehr nötig hat. Denn bis zu einem Gespräch über Fakten dringt der durchschnittliche Journalist im Gewirr solcher Grenzkontrollsysteme mit ihren Schranken, Ausweis-Schnüffeleien und Rückfragen bei vorgesetzten Dienststellen gar nicht mehr vor. Public Relations - das gleicht immer öfter einem 'Checkpoint Charlie' (Ostseite) mit Kommunikations-Konsomolzen.

Ähnlich auch die Erfahrungen, welche einige Spiegel-Reporter mit der geradezu verkniffen auskunftsfreudigen Finanzindustrie bei ihrer Recherche zur aktuellen Titelgeschichte über die bekannten 'Kapitalverbrechen' frisch abgehalfterter 'Global Player' machen mussten:

"Alle Risiken seien in der Produktinformation genannt, hieß es dazu bei der DZ Bank. Informationen, die über die Produktinformation hinausgingen, gebe man nicht bekannt. ... Und wenn ein Anleger beispielsweise für 10.000 Euro Cobold-Anleihen erworben hat, und diese 10.000 Euro sind jetzt weg - wer hat dann das Geld? 20 Sekunden Pause in der Leitung. "Gute Frage", sagt die freundliche Pressedame. Noch einmal 15 Sekunden Schweigen. "Das muss ich erfragen." Sie notiert die Fragen, verspricht, einen kompetenten Gesprächspartner zu suchen. Drei Tage später kommt die Antwort der DZ Bank. Diese Informationen, heißt es knapp, seien "für den Anleger nicht relevant". Der New Yorker Korrespondent Frank Hornig versuchte diejenigen ausfindig zu machen, die in den neunziger Jahren bei JP Morgan "Bistro" erfunden hatten, das Urprodukt der Kreditblase. Die meisten aus dem Team arbeiten längst woanders, über ihre Erfindung sprechen wollte kaum einer, oder wenn, dann nur unter Zusicherung von Anonymität."

Den Vogel aber schießt nach meiner Meinung derzeit der Herr Niersbach vom DFB ab, der in seinen Statements entscheidende Fakten solange unerwähnt lässt, bis sich seine Restaussagen den abgedunkelten Weg zur Wahrheit auf der Diametrale suchen. Einen ausführlichen Text mit 62 Widerlegungen schrieb ihm deshalb der Jens Weinreich - im Fall 'DFB-Boss Theo Zwanziger rennt mit Klagedrohung vor die Wand und kann das nicht verwinden'.

Wäre ich PR-Ausbilder, würde ich diese Dokumente aus der kommunikativen 'Realwirtschaft' meinen Eleven studienhalber solange unter die Nase reiben, bis sie wissen, wie's mit versuchter Wahrheitsklempnerei und mit Dröhnschweigen auch ganz dumm laufen kann. Das wäre dann sozusagen mein privater Vortrag an sie über die Luftnummer des Code d'Athènes:

"Die unfassbare demagogische Kampagne des DFB sollte aus meiner Sicht juristische Konsequenzen haben. Das ist Sache meiner Anwälte von Hogan & Hartson Raue LLP. Ich kann mir aber auch berufsständische Konsequenzen vorstellen, denn die Lügenschriften, die ich nun zerpflücke, wurden von zwei Mitgliedern des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) verfasst: Wolfgang Niersbach und Harald Stenger."

Wie auch immer das ausgehen mag - solche Fälle beginnen sich in meiner Wahrnehmung zu häufen. Ich betrachte das inzwischen so: Nachdem sie jahrelang mit unerbetenen textlichen Dienstleistungen die Spalten aller möglichen Zeitungen zum Wohlgefallen der Verleger preiswert füllen durften, versuchen einige Pioniere der PR-Zunft sich jetzt am nächsten Schritt: Sie möchten von verunsicherten und zunehmend existenziell bedrohten Journalisten satte Windfall-Profite durch Wohlverhalten und Storybeschweigen einstreichen.

Diese Strategie scheitert aber absehbar daran, dass immer weniger Leute - unter anderem ja auch deshalb - diese hölzernen Märchenblättchen dann überhaupt noch zur Kenntnis nehmen würden. Prompt wären die PR'ler erneut allein zu Haus - und die Öffentlichkeit spielt wieder woanders und ohne sie. Zum Beispiel hier ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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