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22.05.13

Axel Springer und das Internet: Das Medienhaus mit den zwei Gesichtern

Der Axel-Springer-Verlag hat Internetdeutschland das schädliche Leistungsschutzrecht aufgezwungen. Gleichzeitig tritt das Medienhaus dem digitalen Wandel jedoch deutlich leidenschaftlicher, optimistischer gegenüber als der Wettbewerb. Ein offensichtlicher Widerspruch.

Axel-Springer-HausWährend meines Besuchs in San Francisco vor wenigen Wochen wurde ich netterweise zu einem unregelmäßig stattfindenden, informellen "Stammtisch" von in der Bay Area präsenten deutschsprachigen Gründern und Internetköpfen eingeladen. Mir erschien dies wie eine schöne Gelegenheit, um Insider-Stories zu hören und Kontakte zu knüpfen. Kaum in der Bar am Rande des für seine zahlreichen niedergelassenen Webfirmen bekannten Mission-Bezirks angekommen, befand ich mich auch schon beim Bier mit Bild-Chef Kai Diekmann und Axel-Springer-Cheflobbyist Christoph Keese - ihr wisst schon, der, der an vorderster Front für das Leistungsschutzrecht gefochten hat.

Die Zwei waren zusammen mit Springer-Marketingboss Peter Würtenberger aus ihrer im Silicon Valley gelegenen " Wohngemeinschaft " nach San Francisco gekommen, um sich bei einem Kaltgetränk mit anderen Kurzzeit- und Dauer-Expats über den Stand der Branche auszutauschen. Seit Sommer 2012 befinden sich Diekmann und seine Mitstreiter aus dem Springer-Führungsstab in variierender Besetzung und zeitweilig begleitet von Kollegen und Praktikanten in Kalifornien, um die Lage zu sondieren, ihr Netzwerk zu erweitern und - so Diekmann vor Antritt der Reise - um zu lernen, "die digitale Welt nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu verstehen". Ihr allgemeines, legeres Auftreten und ihre Schwärmerei über diesen und jenen Dienst - etwa Prismatic, wie hier von Keese auch verbloggt - ließ keinen Zweifel daran, dass die Verlagsleute den Lebensstil des Valleys bereits verinnerlicht hatten. Auch wenn mein Gespräch mit eben jenem Keese zwangsläufig das leidige Leistungsschutzrecht tangierte (wenn ich mich recht entsinne, initiiert von mir), wäre für nicht Eingeweihte keineswegs sichtbar gewesen, dass sie hier die Oberen eines Medienhauses vor sich hatten, welches ohne Not bereit ist, für den eigenen Machterhalt auch grundsätzliche Funktionsweisen des Internets in Frage zu stellen.

Den Lebensstil des Valley verinnerlicht

Was ich während der Zusammenkunft in San Francisco sah, war ein anderes Springer-Gesicht. Es fällt mir zwar schwer, die Authentizität des mit der fast einjährigen Reise ins Silicon Valley deutlich zur Schau getragenen Interesses von Diekmann & Co an der digitalen Welt über die eigenen kommerziellen Ziele hinaus zu beurteilen, und freilich kann vieles gespielt und inszeniert sein. Von meinem oberflächlichen, flüchtigen Eindruck ausgehend aber würde ich den Berliner Medienmachern durchaus eine echte Faszination und Begeisterung für die aktuellen, durch das Internet ausgelösten Umwälzungen in der Medienbranche attestieren. Wer das Netz allein als Ursache des Bösen ansieht und sich nur widerwillig dem digitalen Wandel stellt, der würde es nicht mehrere Monate am Stück im Silicon Valley aushalten - oder sich während dieses Aufenthalts einen ganz anderen Blick auf die Dinge aneignen.

Wettbewerbsvorteil für Springer

Und überhaupt: Welcher andere deutsche Medienkonzern hat seine wichtigsten Leute für bis zu neun Monate von den täglichen Aufgaben entbunden, um sich "völlig ergebnisoffenen" am internationalen Dreh- und Angelpunkt der digitalen Wirtschaft Inspirationen für die eigene strategische Neuausrichtung zu besorgen? Eben, keiner. Ungeachtet der anfänglichen Erwartungshaltung kehrt Springers Führungsstab mit einem reichhaltigen Schatz an neuen Erfahrungen, Kontakten und Ideen für auszuprobierende Marschrouten zurück nach Berlin. Ein erheblicher Konkurrenzvorteil in einer sich rasant verändernden, technologiegetriebenen Medienwelt.

Schizophrenie, die Rätsel aufgibt

Es ist ironisch, dass Springer sich in Bezug auf die deutsche Netzpolitik verhält wie ein technophober, seinen Besitz um jeden Preis wahrender Greis, es sich aber bei dem Unternehmen gleichzeitig um den wahrscheinlich am wenigsten pessimistisch auf das Netz blickenden Großverlag des Landes überhaupt handelt. Die Springer-Manager und ihre Gefolgschaft scheinen mit dieser Schizophrenie gut leben zu können. Vielen außenstehenden Beobachtern gibt sie Rätsel auf und führt zu Aversionen, die sich - von ideologisch motivierter Springer-Kritik abgesehen - vermeiden lassen würden.

Ich bin gespannt, inwieweit die kräftige Dosis Westküstenluft und die zeitweilige örtliche und mentale Distanz von deutschen Kontroll- und Regulierungsbedürfnissen dauerhaft die Widersprüche aus dem Weg räumen könnten, die bisher das Verhältnis des Medienhauses zur digitalen Sphäre geprägt haben. /mw

Disclosure: Kai Diekmann hat für einige Anwesende eine erste Runde Bier bestellt, eines davon ging an mich. Danach weigerte er sich strikt, sich von mir im Gegenzug ein Bier ausgeben zu lassen. Mein zweites Getränk zahlte ich selbst, dabei blieb es.

(Foto: Flickr/János BalázsCC BY-SA 2.0)

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