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15.03.07

Auswirkungen von Readerscan

Die Readerscan-Methode hat Auswirkungen auf den Alltag in den Zeitungen, Zeitschriften und ihren Online-Portalen. Wir machen vier Beispiele.

In der Ausgabe 02+03/2007 des Schweizer Journalist, pardon, der Schweizer Journalistin, schreibt Jonas Wydler über die Auswertung der Readerscan-Methode bei der Coopzeitung und bei der Tribune de Genève. Readerscan, das ist ein vom Schweizer Medienforscher Carlo Imboden entwickelter Handscanner, mit dem man Einstiegs- und Ausstiegspunkt in die Artikel einer Publikation markiert. Die Daten werden an eine Datenbank Readerscan übermittelt und noch am gleichen Tag können Auswertungen über Beachtungsquote (Anteil der Leser, die den Text beginnen) und Durchlesequote (Anteil der Leser, die bis zum Ende eines Texts gelangen) eingesehen werden.

Readerscan ist nicht etwa billig (eine Untersuchung kostet die Coopzeitung beispielsweise 250'000 Franken), aber beliebt. In der Schweiz gehört der Blick zu Imbodens Kunden, in Deutschland sollen es knapp dreissig Zeitungen sein, wie Stefan Niggemeier in einem Artikel vom April 2006 schreibt. Es sind dort einige Ergebnisse nachzulesen, die sich ganz gut decken mit der Auswertung von Coopzeitung und Tribune de Genève.

So heisst es im Schweizer Journalist unter dem Titel "Was wirklich gelesen wird":

Der Grundtenor lautet etwa: Die Leserschaft wünscht Informationen über das Geschehen der Welt, vorzugsweise Themen aus der Vorabend-Tagesschau, neu aufbereitet. Daher werden häufiger lange Artikel gelesen als angenommen. Dagegen finden Lokalsport, Regionalseiten und konventionelle Kulturberichterstattung kaum Aufmerksamkeit. Auch wer hinter den Artikeln steht, geht am Leser vorbei - ob Agenturmeldung oder renommierter Journalist. Genauso wie der Leser keine Spielereien im Titel goutiert. Ansonsten wurden viele journalistische Handwerksregeln bestätigt: Bilder und Grafiken sollten einen direkten Bezug zum Thema haben und interessante Aufmacher verhelfen dem weniger Interessanten zu mehr Beachtung.

Kommt uns das bekannt vor? Mir schon. Wir machen vier im Medienalltag beobachtete Beispiele mit jeweils einem einführenden Zitat aus dem Artikel im Schweizer Journalist:

Beispiel 1: Die rezyklierte TV-Sendung von gestern abend

Dass die klassische Kultur schlecht abschneidet, war keine Überraschung. Wenn sich die Kultur hingegen in Richtung Fernsehen, populäre Serien oder Promis öffne, finde sie viel Beachtung.

Nehmen wir mal aktuelle Beiträge aus Online-Portalen von heute und gestern: Faz.net mit einem Text über die Mutterschaftsvertretung von Sandra Maischberger, welt.de mit einer Zusammenfassung der Harald-Schmidt-Show, spiegel.de mit einem Bericht über Stern-TV und sueddeutsche.de mit dem ARD-Talk mit Friedrich Nowottny . Ich könnte jetzt noch weiter suchen, aber das reicht mir mal. Nicht eines der spontan angesteuerten Portale hatte keine TV-Verwertung vom Vorabend.

In Schweizer Zeitungen hat sich vor allem blick.ch hervorgetan mit einer ausführlichen und von Weblogeinträgen begleiteten Berichterstattung über die TV-Sendung MusicStar .

Beispiel 2: Die langen Texte, die dem Leser nicht zugetraut werden

Die grösste Überraschung für Tsovili: "Die Leser suchen Vertiefung und haben kein Problem mit langen Artikeln."

So wird Elpida Tsovili, Forschungsleiterin bei Edipresse, zitiert. Eine grosse Überraschung soll das sein? Dass Leser Vertiefung suchen beim Lesen und es dabei gerne mit echtem Journalismus zu tun haben?

Es ist nicht immer richtig, von sich auf andere zu schliessen, aber seit ich News online lese, erwarte ich von Tageszeitungen nichts anderes als Vertiefung der Themen. Und das ist oft fast zwangsläufig mit langen Artikeln verbunden. Vor richtig langen Texten, wie sie beispielsweise Wired, die New York Times oder der New Yorker online stellen, scheuen sich fast alle. Dabei wird immer wieder die Intelligenz, Ausdauer und Freizeit der Leser unterschätzt. Gerade die wie ein Fetisch umworbene Zielgruppe der Frauen soll ja längere Texte den kürzeren vorziehen. Doch sowas glauben und auch umsetzen will offenbar niemand.

Beispiel 3: Die von Prominenz lebende Kultur

Speziell der quotenschwachen Kultur verhelfen Promis als Aufmacher zu Höhenflügen.

Da könnte man Matthias Hartmann erwähnen, den künstlerischen Direktor des Schauspielhauses Zürich, mit dem sich Schweizer Journalisten gerne beschäftigen. Oder sein Vorgänger Christoph Marthaler. Am besten geeignet und darum seit Wochen in den Schlagzeilen ist Alexander Pereira , künstlerischer Leiter des Opernhauses Zürich. Seine 20jährige brasilianische Freundin, die er einem Erotikfotograf ausgespannt hat (der älter ist als Pereira), spart den Zeitungen viele langweilige Kulturberichte. Stattdessen können ganze Seiten gefüllt werden mit dem Glamour, den die Journis darin sehen (dabei hat nur einer eine junge Frau - als hätte es sowas nicht schon immer gegeben). Und das Opernhaus kriegt so viel Publicity, dass es sich die Anzeigen in der Zeitung eine Zeitlang sparen könnte.

Auch bei Berichten von Filmtagen oder anderen kulturellen Anlässen wird in jüngster Zeit eher darüber berichtet, wer dort aufgekreuzt ist, als dass auf den Inhalt der Darbietungen eingegangen wird.

Beispiel 4: Die Missachtung des redaktionellen Teils

Die Inserate geniessen angeblich die gleiche Beachtung wie der publizistische Teil.

Das ist natürlich eine schwer verdauliche Nachricht für Journalisten. Nicht mehr Aufmerksamkeit als die Werbung kriegt man für seine geistigen Höhenflüge? Wobei das eine natürliche Folge ist, wenn die Werbung ein Vielfaches des Budgets der Redaktion zur Verfügung hat. Zudem ist eine von Verbraucherinformationen bombardierte Generation herangewachsen, die Neuigkeiten nicht mehr in Werbung und Inhalt aufteilt. Der Versuch der Verschmelzung dieser beiden Teile ist immer mehr Programm der Medien, ganz im Sinne der die Finanzen zur Verfügung Stellenden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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